Das Land, das es nicht gibt – Putins Russland betreibt den Kult der Sowjetunion als hohle Retro-UtopieMangels positiver Lebens- und Gesellschaftsentwürfe ist immer noch die Sowjetunion Russlands geheime Mitte. Doch mit den Realitäten der damaligen Zeit haben die Bilder, die man heute propagiert, wenig zu tun.Andrei Kolesnikow13.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie pathetische Verherrlichung alles Sowjetischen ist längst in ironische Nostalgie umgeschlagen: Fashion Week in Moskau 2014.Maxim Shipenkov / EPAIch gehe in Moskau eine Strasse mit trendigen Läden und teuren Restaurants entlang, die ein wenig an die Via Veneto aus Fellinis Rom-Film «La Dolce Vita» erinnert. Da erblicke ich eine junge Frau, die eine teure Designerbluse mit der Aufschrift «USSR» trägt. Sofort steigt in mir das Bild von Aussenminister Sergei Lawrow auf, der 2025 an Putins Gipfel mit Trump in Anchorage mit einem Pullover aus dem Flugzeug stieg, auf dem dasselbe geschrieben stand.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Man müsste schon ein Semiotiker oder Psychoanalytiker vom Kaliber eines Roland Barthes oder Jacques Lacans sein, um die vielfältigen Bedeutungen dieser Aufschrift auf der Brust des Ministers zu deuten. Sie war sowohl ein ironischer Hinweis darauf, dass «Alaska eigentlich uns gehört», als auch eine Demonstration des Erbes der Politik einer untergegangenen Supermacht und darüber hinaus schlichtweg eine Provokation für die westlichen Medien.Sowjetischer Retro-ChicWas aber hat sich die junge Frau gedacht, als sie die Bluse kaufte? Und was die Designer und die Marketingleute, die sie entworfen und in den Verkauf gebracht haben? Wahrscheinlich einfach, dass «USSR» cool ist. Die pathetische Verherrlichung alles Sowjetischen ist längst in ironische Nostalgie umgeschlagen, was sich manchmal in urkomisch-absurden Speisekarten von Restaurants zeigt, die mit der sowjetischen Ästhetik und der damaligen Mangelwirtschaft spielen.Die jüngeren Generationen können eigentlich gar keine Nostalgie für irgendetwas Sowjetisches empfinden, sie haben die Zeit nie erlebt. Die Sowjetepoche ist daher entweder Retro-Chic oder Mythos einer Vergangenheit, in der wir schlicht «grossartig» waren und uns nicht abmühten im Versuch, «wieder grossartig» zu werden, so wie wir es gegenwärtig tun. Entsprechend kann Moskaus «Via Veneto» nur auf frivole Weise so tun, als sei sie in irgendeiner Weise sowjetisch, während sie sich gleichzeitig von dem Krieg distanziert, der angeblich dazu geführt wird, die verlorene sowjetische Grösse wiederherzustellen.Kommt da etwas in Gang? Im Gegenteil, von dem, was an Sowjetischem überlebt hat, bleibt immer weniger erhalten: seien es Industriestandorte, Infrastruktur, Architektur oder die Menschen selbst. Trotz dem Glamour, der in Retro-Songs, in Eisbechern in Sowjetdesign oder in der Endlosschlaufe der Ausstrahlung alter sowjetischer Filme im staatlichen Fernsehen zum Ausdruck kommt, ist von der authentischen sowjetischen Kultur so gut wie nichts mehr übrig.Was stattfindet, ist eine gezielte Verdummung: Die Filme, die auf dem Sender Kultura oder dem Sender des grossen Filmstudios Mosfilm gezeigt werden, sind meist zweitklassig. Das Einzige, das zu zählen scheint, ist, dass sie vom «Grossen Vaterländischen Krieg» handeln, in dem sich die «militärische Spezialoperation» gegen die Ukraine spiegelt, die nach mehr als vier Jahren immer noch im Gange ist. Intellektuell anspruchsvolle Filme aus den Sechzigern und Siebzigern erscheinen nur selten auf dem Bildschirm, manches scheint gänzlich unerwünscht. Was Filme aus dem Ausland angeht, gibt es nichts von Bedeutung – es dominieren alte westliche Krimiserien, die ihrerseits nicht weniger niveaulos sind als die einheimische Kost.Künstlerisch gesehen, ist die Ära Putin unproduktiv und lässt jegliche Originalität vermissen. Sie ist geprägt von Remakes und Nachahmungen. So wird etwa die Hauptfigur einer bemerkenswerten Kinderserie von 1969, der charmante Tscheburaschka, ein «der Wissenschaft unbekanntes Tier», auf irritierende Weise patriotisch instrumentalisiert. Man versuchte gar, ihn mit dem Krieg in Verbindung zu bringen – um das Image russischer Soldaten aufzupolieren. Ein Film über Tscheburaschkas heutige Abenteuer durfte natürlich nicht fehlen. Und Tscheburaschka ist nur ein Beispiel.Russland sieht sich schon lange von der Teilnahme an grossen internationalen Sportwettbewerben ausgeschlossen. Als Ersatz werden Erinnerungen mobilisiert. Im vergangenen Sommer fand in Moskau eine grosse Parade zum Gedenken an die Olympischen Spiele von 1980 in der Hauptstadt der damaligen UdSSR statt. Dies ist ein klassischer Fall von blinder und inhaltsleerer Imitation, wie man sie vom melanesischen Cargo-Kult her kennt: Wenn wir auf viele Jahre oder gar Jahrzehnte hinaus keine Aussicht darauf haben, die Olympischen Spiele auszurichten, tun wir einfach so als ob, indem wir den Moskauer Gartenring sperren und festliche Aufmärsche organisieren.Genau so reagierten die melanesischen Ureinwohner nach dem Zusammenprall mit der Moderne. Sie bauten Flugzeuge aus Kokospalmen und Stroh und beschworen damit die «Geister», die echte Flugzeuge neben ihnen landen liessen. Russland besteht heute ebenfalls aus Retro-Cargo-Kulten: Alles, was fehlt, muss in Nachahmung erfunden werden. Wir sind unschlagbar in Ersatztechnologie und Kompensationspsychologie. Niemand soll und darf bemerken, was uns alles abgeht. Wer einmal Supermacht war, muss immer Supermacht sein.Keine Soft Power mehrPutins Politik ist ebenfalls eine Art Retro-Cargo-Kult: Er spielt mit Russland Sowjetunion. Und wenn es uns an Soft Power fehlt, dann greifen wir zu Hard Power. Die Macht der UdSSR wurde durch die Planwirtschaft, die wahnhafte Ideologie, das Wettrüsten und den Afghanistankrieg unterminiert, und so kollabierte irgendwann das System. Doch der Afghanistankrieg besass vernachlässigbare Dimensionen im Vergleich zur heutigen «Sonderoperation». Zudem verfügte die Sowjetunion tatsächlich über Soft Power – die ewig grüne Hoffnung auf Revolution, beeindruckende Werke der Schriftsteller und Künstler, die es schafften, die Zensur auszutricksen. Zudem gab es einen politischen Pragmatismus, der Anfang und Mitte der siebziger Jahre zur Entspannungspolitik führte.Über welche Soft Power aber verfügt Putin? Er baut keine Industrie, die international konkurrenzfähig wäre, er schafft keinen Massenwohlstand, und er fördert nicht die hohen Künste, sondern ersetzt diese durch Folklore, die patriotisch an «traditionelle geistige und moralische Werte» appelliert. Die allseits beliebte Alla Pugatschowa, die von der Liebe sang (sie wurde mittlerweile derart verunglimpft, dass sie ins Exil gehen musste – doch zu Sowjetzeiten gab es einen Witz über sie: «Wer ist Breschnew?» – «Eine unbedeutende politische Figur aus der Ära von Alla Pugatschowa»), wurde durch einen Sänger mit «arischem» Aussehen und in schwarzem Leder ersetzt, der unter dem Pseudonym Shaman auftritt und hysterische Liebe zur Heimat absondert.Anstelle von Prosaautoren von Weltformat wie Juri Trifonow, der – ohne Dissident zu sein – einst das Leben der aufstrebenden städtischen Mittelschicht beschrieb, haben wir heute den kryptostalinistischen Schriftsteller Sachar Prilepin sowie Dutzende von talentlosen Z-Autoren. Wo einst die sowjetischen humanistischen Philosophen Merab Mamardaschwili und Evald Iljenkow waren, gibt es den grossrussischen Scharfmacher Alexander Dugin.Die Russen sind immer noch stolz auf Juri Gagarin, der als erster Mensch den Weltraum eroberte – so, als sei es erst gestern gewesen. In der Gegenwart findet sich nichts, was dem entsprechen würde. Kann man stolz sein auf Drohnen und ballistische Raketen? Was es in Russland noch an Spitzentechnologie gibt, wird in Waffen gesteckt. Das Ausmass der politischen Unterdrückung von heute übersteigt jenes der späten Sowjetzeit bei weitem.Vor allem aber wäre die Propaganda für einen Atomschlag, an die man sich mittlerweile fast schon gewöhnt hat, in der Sowjetunion völlig undenkbar gewesen. Hier geht es um einen fundamentalen Unterschied. Ja, die Nukleararsenale wurden damals auf- und ausgebaut, und die fixe Idee, immer gleichauf mit den USA zu sein, verschlang fast das ganze Geld; aber niemand wäre jemals auf die Idee gekommen, über die Akzeptanz eines Atomschlags oder die Möglichkeit eines Sieges in einem begrenzten Atomkrieg zu diskutieren, wie dies in russischen patriotischen Talkshows ständig der Fall ist.Historische VerblendungVon was für einer Sowjetunion ist dann die Rede? Geblieben ist ein symbolisches, abstraktes und idealisiertes Bild, ein Surrogat und eine Retro-Utopie. «Das Land, das es nicht gibt» heisst ein Restaurant, das dreihundert Meter vom Kreml entfernt liegt. Es bewirtet alle, die sich das Menu leisten können.Putin hatte den Plan, Russland erneut zur Supermacht auf Augenhöhe mit den USA zu machen, um sich selbst zu beweisen, wie grossartig er ist, doch stattdessen hat er einen globalen Paria geschaffen und so gut wie alles zunichtegemacht, was es an positivem sowjetischem Erbe noch gab.«Solange es keinen Krieg gibt», hiess ein massgeblicher sowjetischer Slogan. «Wir können es wieder schaffen», lautet der Tenor der Putin-Ära. Wo es einst ein Bewusstsein gab, dass Geschichte Bescheidenheit lehrt, herrscht heute historische Verblendung. Die Zeiten des Kalten Krieges waren hart und gefährlich, dennoch gab es das Vertrauen, dass nach Regeln gespielt wurde. Das Leben war nichts, wovor man sich fürchten musste.Wenn ich mir Schwarz-Weiss-Spielfilme aus den sechziger Jahren anschaue – insbesondere von Marlen Chuzijew oder Giorgi Danelia –, steigen mir angesichts des unwiederbringlichen Verlusts an Menschlichkeit und Moral die Tränen in die Augen. Gewiss war die Zeit meiner Kindheit kein Paradies, doch heute erscheint sie unweigerlich so. Es spricht sich hier die Sehnsucht eines ehemaligen «Homo sovieticus» aus, der sich mit dem «Homo putinus» in keiner Weise verbunden fühlt.Andrei Kolesnikow ist Journalist und Buchautor. Er lebt in Moskau, ist Kolumnist von «The New Times» und schreibt für die Online-Zeitung «Nowaja Gaseta». – Aus dem Englischen von A. Bn.Passend zum Artikel
Das Land, das es nicht gibt – Putins Russland betreibt den Kult der Sowjetunion als hohle Retro-Utopie
Mangels positiver Lebens- und Gesellschaftsentwürfe ist immer noch die Sowjetunion Russlands geheime Mitte. Doch mit den Realitäten der damaligen Zeit haben die Bilder, die man heute propagiert, wenig zu tun.






