Vielleicht lässt sich Russlands gegenwärtige Lage, in der auch das Desaster gefeiert werden muss, am besten mit einer Szene zusammenfassen, die sich am 9. Mai in Kemerowo ereignete. In der Gebietshauptstadt im südsibirischen Kohlerevier Kusbass fand zum „Tag des Sieges“ von 1945 ein Marsch des „Unsterblichen Regiments“ statt.Diese Initiative entstand zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts in der 150 Kilometer nordwestlich von Kemerowo gelegenen Stadt Tomsk. Unabhängige Journalisten wollten eine Lücke im offiziellen Gedenken füllen, das in sowjetischer Tradition das Militär und „Massenheldentum“ feierte, ohne Einzelschicksale zu ehren. Ursprünglich marschierte man daher mit Porträts von Teilnehmern, meist Familienangehörigen, am „Großen Vaterländischen Krieg“, wie Moskau den Teil des Zweiten Weltkriegs bezeichnet, der mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 begann.Doch bald entdeckten die Machthaber das „Unsterbliche Regiment“ für sich, übernahmen die Initiative. Ihnen geht es nicht allein um die Millionen Toten der Jahre 1941 bis 1945. Sondern allgemein darum, Opfer für das Vaterland zu rechtfertigen. Entsprechend fanden schon in den Jahren vor der 2022 begonnenen „speziellen Militäroperation“, dem Angriffskrieg gegen die Ukraine, mehrfach Porträts von Teilnehmern der Aggression gegen das Nachbarland Eingang ins „Unsterbliche Regiment“. Schon der verdeckte Krieg war zum Verteidigungsringen gegen westlich instrumentalisierte Neonazis stilisiert worden, zur Fortsetzung des Krieges gegen Hitler-Deutschland.„Ruhm unseren Helden! Hurra!“„Der Präsident Russlands Wladimir Putin hat erklärt, dass heute die Teilnehmer an der speziellen Militäroperation die direkten Erben der Helden des Großen Vaterländischen Krieges und anderer Vorfahren der tausendjährigen Geschichte Russlands sind“, sagt eine Sprecherin mit elegischer Stimme während des „Unsterblichen Regiments“ von Kemerowo, wie der kremltreue Regionalsender Kusbass Perwij in seinem Beitrag dazu festhält. „Ruhm unseren Helden! Hurra!“Dann tritt eine junge Reporterin des Senders zu einer älteren Teilnehmerin des Gedenkmarsches. Die Reporterin trägt ein Mikrofon und auf der Brust ein Georgsband; das schwarz-orangefarbene Symbol des Sieges über die Nationalsozialisten steht seit 2014 zugleich für den Kampf gegen die Ukraine. Die Teilnehmerin trägt an einem Schild über der Schulter ein Schwarz-Weiß-Porträt: ein Bild ihres Großvaters, der gegen die deutschen Eroberer kämpfte und, so erläutert die Frau, verwundet zurückgekehrt sei und noch bis zum Alter von 65 Jahren gelebt, aber niemals über seine Erlebnisse gesprochen habe. „Darüber spricht man nicht“, sagt die Frau. Im Präsens, als wäre nichts vergangen.In den Händen hält sie ein weiteres Porträt, dieses in Farbe. Es zeigt einen jungen Mann mit Kinnbart und Orden auf der Brust im Flecktarnkittel. Wer das ist, erfahren die Zuschauer des Kusbass-Perwij-Beitrags nicht mehr: Nachdem die Frau der Reporterin beipflichtet, dass es nötig und wichtig sei, sich zu erinnern, bricht die Szene jäh ab. Der Sender hat sie nachträglich zurechtschnitten, noch am selben Tag, wegen vielfacher Kritik.
Wie Putins Russland in Sowjetzeiten zurückfällt
Russland im Frühjahr 2026: In Sibirien gratuliert eine Reporterin der Mutter eines Kämpfers, der nicht aus dem Ukrainekrieg zurückgekehrt ist.










