Die Warteschlangen fürs Brot führten zum Ende des russischen Zarenreichs. Und die heutigen Warteschlangen fürs Benzin? Wohin führen sie?Ist die Situation in Russland vergleichbar mit 1917? Russland galt damals als rückständigste Monarchie Europas. Im Vergleich zu Putins Russland war sie aber geradezu pluralistisch.Stefan Scholl, Moskau12.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIllustration Dario Veréb / NZZaSGegen 19 Uhr ist die Warteschlange an diesem Mittwoch vor der Lukoil-Tankstelle in der Wolga-Stadt Tscheboksary über fünfhundert Meter lang. Die Fahrer hinter den Windschutzscheiben machen die Gesichter von Leuten, die sich langweilen, nachdenken oder Musik hören. Niemand steigt aus, niemand redet mit seinen Schicksalsgenossen. Erst als mein Vordermann achtzig Minuten später den Zapfhahn aus seinem Tank zieht, zwinkert er mir zu. «Nehmen Sie Super Plus! Der ist noch sauber.» Auch in Tscheboksary traut man vaterländischem Benzin nicht mehr.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Russlands Warteschlangen sind legendär. Schon das Sowjetvolk stand für Wurst an, für Rasierwasser oder Jessenin-Gedichtbände. In diesen Warteschlangen kursierten Tratsch, Gerüchte und jene politischen Witze, die den Sowjetkommunismus lange vor seinem Kollaps aushöhlten. Doch ihre schicksalhafte Geschichte beginnt schon früher.Nach wochenlangem Warten und Hungern in den Brotschlangen von Petrograd warfen Ende Februar 1917 Arbeiterfrauen in der damaligen Hauptstadt die ersten Fensterscheiben ein. Es folgten Strassenproteste, blutige Zusammenstösse mit Polizei und Armee und erste Schiessereien der Polizei mit Soldaten, die sich auf die Seite der Aufständischen schlugen. Ein paar Wochen später dankte Imperator Nikolai II. unter dem Druck von Parlamentariern und Generälen ab, Russlands vierhundertjährige Zarenherrschaft war gefallen.Wie im Ersten WeltkriegDie heutigen Warteschlangen erinnern mehr an 1917 als an die späte Sowjetära. Man hungert zwar nicht, es geht nicht ums Brot. Aber es geht um Benzin, eine Flüssigkeit, die in Russland für Getreidebauern, Taxifahrer oder Taigajäger überlebenswichtig ist, für die Masse der fünfzig Millionen Autobesitzer bedeutet sie Mobilität und Freiheit. «Die Leute werden in billigere Cafés oder Supermärkte gehen», meint ein Reifenhändler an der Wolga, «Hauptsache, sie können weiter Benzin kaufen und Auto fahren.»Autos müssen in Russlands vielerorts warten, bis sie zum Tanken kommen. Die ukrainischen Drohnenangriffe auf Ölraffinerien haben zu einer Benzinknappheit im Land geführt.Sergey Pivovarov / REUTERSSchon vergleichen auch Militärexperten das Russland von 2026 mit dem Russland von 1917 und Wladimir Putins Ukraine-Feldzug mit dem Ersten Weltkrieg. Ein Zermürbungskrieg, dazu noch ohne schicksalhafte Notwendigkeit. Aus dem Regime kommen zusehends kriegsmüde Einzelaussagen. So sagte German Gref, der Chef der grössten Verbraucherbank Sberbank: «Was alle wollen, ist ein Ende der Kampfhandlungen.» Oder wie ein anonymer General dem Exiljournalisten Dmitri Kolesew erklärte: «Objektiv und nüchtern gesehen sind Friedensverhandlungen zu jeder vernünftigen Bedingung notwendig.»Und sogar von ganz oben sind neue Töne zu hören. So sagte Dmitri Peskow, der Sprecher des Staatschefs Wladimir Putin, vor dem Nato-Gipfel in Ankara diese Woche, die Spezialoperation (die offizielle Bezeichnung des Ukraine-Krieges) sei jetzt ein Krieg. Denn Berlin, London und Washington unterstützten die Ukraine.Auch bei der Elite in Moskau ist eine gewisse Nervosität zu spüren. Diese Woche hat sich erstmals der Oligarch Andrei Melnitschenko zu Wort gemeldet. Im «Economist» warnte der grösste Industrielle Russlands, dessen Fabriken derzeit von ukrainischen Drohnen getroffen werden, vor einem Desaster in seinem Land.In Umfragen sinkt die Unterstützung für Putin und seinen Krieg. Laut dem Lewada-Meinungsforschungszentrum waren im Juni nur noch 29 Prozent der Russen für eine Fortsetzung der Kampfhandlungen. Das Vertrauen zu Putin und seiner Politik schrumpfte seit vergangenem August um 13 Prozent – aber es beträgt noch immer 74 Prozent.Ist die Situation vergleichbar mit 1917? Russland galt damals als rückständigste Monarchie Europas. Im Vergleich zu Putins Russland war sie aber geradezu pluralistisch.In der zaristischen Staatsduma von 1917 gab es eine oppositionelle Mehrheit, in der liberale Parteien dominierten, aber auch Marxisten vertreten waren. Angesichts des wachsenden Wirtschaftschaos einte sie die Abschaffung der zaristischen Autokratie als politisches Ziel. Auch patriotische Grossindustrielle debattierten in ihren Militärindustriekomitees die Fehler Nikolais und seine notwendige Entmachtung immer offener. Selbst am Hof des Zaren und in seiner grossfürstlichen Verwandtschaft wurden Forderungen nach einer Verfassungsmonarchie laut, am Ende drängten auch noch die mit dem Kriegsverlauf unzufriedenen Generäle den Zaren und Oberbefehlshaber zur Abdankung.Solche Zustände sind unter Wladimir Putin heute undenkbar. Sein Parlament produziert seit über einem Jahrzehnt nur noch Zustimmung. Die Grosskonzerne im halbstaatlichen Kapitalismus werden von alten Petersburger Freunden des Präsidenten geleitet, die nebenher auch praktisch alle Pressehäuser gleichgeschaltet haben. Kritischer Journalismus findet fast nur im Exil statt, die staatlichen Medien bearbeiten die Bevölkerung gebetsmühlenartig mit Gute-Laune-Propaganda.Andere alte Freunde Putins kommandieren die Sicherheitsorgane, deren Ermittler und Staatsanwälte Grosskapital wie Militärführung ständig unter Druck halten. Da kann schon einmal ein «unsicherer» Agrarmilliardär enteignet oder räsonierende Frontkommandeure wegen Korruption vor Gericht gebracht werden. Opponieren gilt in den Eliten als technisch so unmöglich wie ein wirklich abhörsicheres Büro.In den Brotschlangen von 1917 kannte noch niemand die Angst vor dem totalitären orwellschen Staat, damals dienten in der zaristischen Geheimpolizei Ochrana keine 2000 Beamte und 10 000 bis 20 000 Spitzel. Heute zählen nach westlichen Schätzungen allein Putins Inlandsgeheimdienste FSB und FSO eine halbe Million Mitarbeiter. Die «Organe» kontrollieren über Apps und Provider die Inhalte der Smartphones, die 90 Prozent der Russen nutzen, 13,5 Millionen Überwachungskameras filmen in ganz Russland mit. Seit 2022 fahnden die Organe auch gezielt nach Kriegskritikern und Landesverrätern unter den Normalrussen. Während 1917 Klagen oder böse Scherze über die Lage an der Front die Stimmung in den Brotschlangen anheizten, reicht heute bereits ein Beitrag in den sozialen Netzwerken aus, um den Straftatbestand zu erfüllen.Keine Soldaten für die RevolteAn den Fronten des Ersten Weltkrieges kämpften fast sieben Millionen Russen, in der Ukraine sind etwa 700 000 im Einsatz. Das Massensterben in den Schützengräben des Weltkriegs war auch in Russland sehr öffentlich, die Garnisonen der Reservetruppen und die Lazarette lagen oft in Grossstädten. Unter anderem mit dem Resultat, dass 1917 selbst die Petrograder Garderegimenter unter dem Einfluss kriegsmüder Frontkameraden prompt zum revoltierenden Proletariat überliefen. Ukraine-Soldaten aber sind in Russland nur vereinzelt unterwegs als Urlauber oder Entlassene, es gibt keine mit Frontkämpfern durchsetzten Einheiten, die zum Machtfaktor werden könnten. Ausser vielleicht die Nationalgarde, die auch im Kriegsgebiet agiert.Aber ihre geschätzt 350 000 Mann, kommandiert von einem früheren Leibwächter Putins, haben jahrzehntelang alle Strassenproteste rabiat abgeräumt. Und sie dürfte bei Massendemonstrationen jene Hinterhalttaktiken anwenden, mit denen 2020 Alexander Lukaschenkos Einsatzpolizei die Proteste von Millionen von Weissrussen niedergeschlagen hatte.Nikolai II. galt als eigensinnig, aber auch als Familienmensch. Er dankte am Ende zugunsten seines jüngeren Bruders Michail ab, um die Monarchie doch noch zu retten. Würde dies Putin tun? Indessen fehlen halbwegs gleichwertige Nachfolgekandidaten. Und der 73-Jährige hält sich bis auf weiteres für unersetzbar.9 KommentareMark Baumgarten 13.07.2026Die Februarrevolution 1917 in der Hauptstadt Petrograd war weniger ein ideologisch getriebener Umsturz als das Resultat eines lokalen Kontrollverlusts der Stadtbehörden, der durch strukturelle Schwächen (1. Abwesenheit der Führung durch Zar und Familie - der Zar war im Hauptquartier und die Familie in ihrer Residenzstadt, 2. blinder Bürokratiegehorsam - unhinterfragte Umsetzung von Verfügungen der jeweils nächst höheren Amtsstelle, die nur den Anschein von Legitimation hatten, aber nicht legal waren, 3. meuternde Garnison - die zu bequem war, die an der Front stehenden Kameraden zu ersetzen, und stattdessen lieber die Stadtbevölkerung terrorisierte) zur Systemauflösung eskalierte.
Putins Russland in der Krise – Parallelen zur Zarenzeit?
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