Kriegsmüdes Russland: Putins Russland ähnelt immer mehr der Sowjetunion am Ende der Breschnew-ÄraDie Wirtschaft ächzt unter der Last des Ukraine-Krieges. Den eigenen Bürgern und dem Ausland gegenüber will der Kreml Stabilität vermitteln. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Verhandlungen über ein Kriegsende werden deshalb auch ein Thema beim G-7-Gipfel in Evian sein.Stefan Scholl, Moskau14.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenWladimir Putin, 73, glaubt nach eigenen Aussagen weiter an den Sieg seiner Armee in der Ukraine.Ramil Sitdikov / APJegor erzählt von einer Freundin, die nach Hamburg ausgewandert ist, von seinem neuen BMW und zeigt Fotos seiner zwei kunstturnenden Töchterchen. Ein glücklicher Familienvater und erfolgreicher Verkaufsmanager im Aluminiumgeschäft. Und ein Patriot, der voll hinter Putins Ukraine-Feldzug steht. «15 000 getötete ukrainische Zivilisten? Wo haben Sie denn solche Zahlen her? Von der Uno? Das ist auch so ein käuflicher Verein.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jegor gefällt meine Kritik an Putin nicht, er will wissen, warum die europäischen Politiker immer vom Krieg mit Russland reden. Aber am Ende versichert er so zuversichtlich wie sein Staatschef: «In der Ukraine wird jetzt alles schnell zu Ende gehen.» Natürlich mit einem Sieg.Dabei dauert Wladimir Putins «Spezialkriegsoperation» seit Donnerstag dieser Woche, seit dem 11. Juni, schon länger als der Erste Weltkrieg. Vier Jahre und dreieinhalb Monate.Ungute GefühleWir sitzen im halbleeren Speisewagen eines Nachtzuges der Russischen Eisenbahnen, das Flaschenbier kostet sechs Franken, die Kellner haben es nicht eilig. Speisewagen der Eisenbahn sind Orte gehobenen Selbstwertes in Putins Russland. Hier sitzt man, weil man Geld hat, man hat auch Zeit und die Gewissheit, dass der Zug morgen um 8 Uhr 15 ankommen wird. Denn die russische Eisenbahn verspätet sich nie. Das war schon unter Leonid Breschnew in der späten Sowjetunion so. Und das wird auch so bleiben.Aber diese eherne Pünktlichkeit ändert nichts daran, dass der Staatskonzern Russische Eisenbahnen mit knapp 39 Milliarden Franken verschuldet ist. Nach knapp viereinhalb Jahren «Spezialkriegsoperation» stellen Staat und Gesellschaft in Russland eine Stabilität zur Schau, die in vielem an die Stagnation der Breschnew-Ära Ende der 1970er Jahre erinnert. An den Stillstand. Und wie damals wächst das Gefühl, dass unter dessen Oberfläche sehr ungute Dinge in Bewegung geraten sind.Die Frontnachrichten sind stabil siegreich. Seit Sommer 2022 melden die Staatsmedien immer neue Zangenbewegungen, mit denen Russlands Sturmtruppen den Feind einkreisen. Bachmut, Kursk, Pokrowsk – zurzeit feiert man die bevorstehende Umzingelung der Ukrainer in der seit Monaten umkämpften Industriestadt Konstantiniwka. Aber real klappte keine dieser Einkesselungen. Stattdessen kollabiert unter ukrainischen Drohnenangriffen die Treibstoffversorgung auf der russisch annektierten Krim.Der eigene Vormarsch hat sich an einem Grossteil der Frontabschnitte längst blutig festgerannt. Zu einem Meme geriet dafür der Name des Dorfes Malaja Tokmatschka in der Steppe von Saporischja. Russische Truppen stürmen es seit April 2025, vergeblich, obwohl das russische Staatsfernsehen wiederholt seine Einnahme verkündete. Nach westlichen Schätzungen hat Russland seit Jahresbeginn ganze 220 Quadratkilometer Ostukraine erobert – das ist weniger, als die Ukraine behauptet, zurückerobert zu haben. Bei diesem Tempo soll es Hunderte von Jahren dauern, die gesamte Ukraine zu besetzen.Mehrheit will VerhandlungenAuch Jegor dürfte das wissen, aber gegenüber einem zufälligen Tischnachbarn aus dem feindseligen Westeuropa kehrt er wohl lieber vaterländischen Optimismus heraus. Statt seines «Jetzt wird alles schnell zu Ende gehen!» hört man bei Russinnen und Russen inzwischen häufig den Stossseufzer: «Wann ist es endlich vorbei?»Und in einer Moskauer Sauna spricht mich ein nackter Mittfünfziger an: «Sind Sie Deutscher? Diese sogenannte Spezialoperation dauert schon länger als der Grosse Vaterländische Krieg, den wir mit euch geführt haben.» Die Sowjetunion brauchte nach dem Angriff durch Hitlers Deutschland seinerzeit knapp vier Jahre für den Sieg.Laut dem Lewada-Meinungsforschungszentrum unterstützen 80 Prozent der Russen die kriegerische Spezialoperation, 60 Prozent aber wollen statt ihrer Fortsetzung Verhandlungen. Auch dieses Paradox bleibt seit Jahren stabil, dafür ist Putins Popularitätsrate ins Rutschen geraten. Das staatliche Institut für öffentliche Meinung WZIOM stellt die Frage nicht mehr, welchem Politiker die Russen am meisten vertrauen, seit weniger als 30 Prozent der Befragten Putin nannten.Auch wirtschaftliche Zahlen verschwinden zum Teil aus der Öffentlichkeit, andere werden laut einer neuen Studie des Kiel-Instituts für Weltwirtschaft massiv geschönt. Die Autoren zweifeln die offizielle Inflationsrate an – Putin sprach während des St. Petersburger Wirtschaftsforums Anfang dieses Monats von 5,4 Prozent. Seine Untertanen schimpfen über zweistellige Teuerungsraten, auch am staatlichen Wirtschaftsforum: Dort kostete der Lunch 29 Prozent mehr als im Vorjahr.Zentralbankchefin abgetauchtRussland wird klamm: laut Zentralbank 309 Milliarden Dollar Auslandsverschuldung, laut Finanzministerium umgerechnet 365 Milliarden Franken Schulden des Staates im Land. Zudem stehen Regionen und Kommunen mit weiteren 39 Milliarden Franken in der Kreide. All dies sind angesichts des fehlenden Zugangs zum ausländischen Kreditmarkt sehr unangenehme Zahlen. Dazu kommt eine Unternehmensverschuldung, die seit Februar 2022 um umgerechnet 377 Milliarden Franken gestiegen ist. Die russische Regierung strich ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr auf 0,4 Prozent zusammen; die Ökonomen des Kieler Instituts zweifeln selbst diese Zahl an.Seit über einer Woche wurde die Zentralbankchefin Elwira Nabiullina nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Nabiullina gilt als eiserne Rationalistin, ausserdem als Galionsfigur der wirtschaftsliberalen «Pragmatiker» im Staatsapparat. Dazu gehören neben Ministerpräsident Michail Mischustin und der Mehrzahl seiner Minister auch der «zivile» Teil der Präsidialverwaltung. Angeführt wird er von dem Verwaltungschef Anton Waino, Putins Vorzimmersekretär, und seinem für Innenpolitik zuständigen Stellvertreter Sergei Kirijenko.Angesichts des unguten Stillstands sind die «Pragmatiker» aktiv geworden. Laut dem Rechercheportal «dossier.center» hat die Präsidialverwaltung im Frühjahr ein Szenario entwickelt, wie man ein Ende der Kampfhandlungen ohne eindeutigen russischen Sieg verkaufen könnte. In den vergangenen Wochen schrieben mehrere kremlnahe Autoren Artikel über den Ukraine-Feldzug als sinnlose Selbstzermürbung. «Es ist nicht in unserem Interesse, unsere Reserven endlos bei Malaja Tokmatschka zu verheizen», erklärte der Politologe Wassili Kaschin im Journal «Russland in der Weltpolitik». Und laut Bloomberg sollen Zentralbank und Finanzministerium in einem Bericht an Putin die Kürzung der Verteidigungsausgaben als unvermeidlich bezeichnet haben.E-3 suchen das GesprächRückt der Moment für Verhandlungen mit Kiew also näher? Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski hatte sie in einem offenen Brief an Putin angeboten, beim G-7-Treffen in Evian von Montag bis Mittwoch werden sie auch ein Thema sein.Die E-3 – die grossen westeuropäischen Staaten Grossbritannien, Frankreich und Deutschland – stellen sich hinter Selenskis Position: Der derzeitige Frontverlauf soll der Ausgangspunkt für Verhandlungen sein, nicht etwa die Übergabe des nicht eroberten Teils des Donbass an Russland; und die Ukraine soll Sicherheitsgarantien erhalten und eine multinationale Truppe zum Schutz.Den «Pragmatikern» im Kreml und in der russischen Regierung stehen jedoch Putins «Sicherheitsleute» gegenüber: aktuelle oder ehemalige Leibwächter wie Wiktor Solotow, Chef der Inlandsarmee Rosgwardija, alte KGB-Gefährten wie der FSB-Chef Alexander Bortnikow oder Alexei Sedow. Gewicht und Kompetenzen ihrer bewaffneten Organe sind seit 2022 enorm gewachsen. Allein Sedows Ermittler brachten vergangenes Jahr 478 Menschen in Russland wegen Hochverrats oder Spionage vor Gericht.Die «Sicherheitsmänner» dürften nicht an einem Ende des kriegerischen Belagerungszustands interessiert sein – es sei denn, der «Leader» lasse noch weiter eskalieren. Und sie dürften Putin physisch und geistig nicht weniger nahestehen als die «Pragmatiker».Laut dem Telegram-Kanal «Moschem Objasnit» («Wir können das erklären») habe sich Nabiullina krankgemeldet, weil sie mit Putins Kurs unzufrieden sei und über ihren Rücktritt nachdenke. Die Staatsbankerin befürchte, der Präsident werde dem Drängen der «Sicherheitsmänner» nachgeben, das Kriegsrecht einführen und die Notenpresse anwerfen, um die Ukraine mit neuer Wucht zu attackieren.Am Nebentisch im Speisewagen haben zwei junge Frauen und drei Kinder Platz genommen, dort tauchen Glacé und Sektgläser auf, «Uno»-Karten werden ausgeteilt. Aber dann kommt eine Kellnerin dazu: «Bitte nehmen Sie die Karten weg. In den Russischen Eisenbahnen sind keine Glücksspiele erlaubt.»Die Kinder staunen, eine der jungen Mütter lacht vor Überraschung. Auch die gute Laune im Speisewagen ist nicht mehr stabil.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel