Ein neuer Bericht von Ökonomen sieht eine düstere Zukunft für Russlands Wirtschaft. Diese befinde sich in einem „Endstadium“, argumentiert der jüngste „Kiel Report“, den das Kieler Institut für Weltwirtschaft und das Stockholmer Institute of Transition Economics am Donnerstag veröffentlichen. Wie andere westliche Ökonomen vor ihnen halten die Autoren des Berichts einen „wirtschaftlichen Kollaps Russlands“ für möglich.Jüngst hat die russische Regierung ihre eigenen Aussichten der Lage angepasst. Sie geht für dieses Jahr nur noch von 0,4 Prozent Wachstum aus und nicht mehr von 1,3 Prozent wie noch im September. Der Kieler Bericht hebt aber hervor, dass auch diese Prognose noch „zu optimistisch“ sein könnte, und weist auf „Anzeichen von Arbeitskräftemangel und Lieferengpässen“. Auch bestünden „ernsthafte Zweifel an der Genauigkeit der offiziellen Wachstumszahlen“. So sei das reale Wachstum noch geringer, „sollte die Inflation, wie vielfach vermutet, zu niedrig ausgewiesen sein“.Nur die Rüstungsindustrie wächstAußerhalb der militärischen Prioritäten seien die Anlageinvestitionen fast zum Erliegen gekommen. Russlands Außenhandelsvolumen sei auf dem niedrigsten Stand seit 15 Jahren, hebt der Bericht hervor. Die Wirtschaft stoße an die „Grenzen ihrer Produktionskapazität“, während „die rasche Kreditexpansion in rüstungsrelevanten Sektoren, schwache Unternehmensbilanzen und der wachsende Druck auf das Bankenkapital“ die „Vermögensqualität im Finanzsystem“ verschlechterten.Argumentiert wird auch, dass Russlands fiskalische und finanzielle Reserven weitgehend aufgebraucht seien. Sei der Nationale Wohlfahrtsfonds zum Zeitpunkt des Angriffs auf die Ukraine 2022 mit Reserven in Höhe von 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) „gut gefüllt“ gewesen, seien seine liquiden Mittel bis zum vergangenen April um mehr als zwei Drittel auf 1,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschrumpft. Das reiche kaum noch als Notfallreserve.Immer abhängiger von ChinaBesonders widmet sich der Bericht Russlands Abhängigkeit von China. Das Kapitel über diese zulasten Russlands „asymmetrische Partnerschaft“ schildert, wie Moskau aufgrund der westlichen Sanktionen bei zivil wie militärisch nutzbaren Gütern, Elektronik und Maschinen immer mehr auf Peking angewiesen ist. Dafür streicht China einen Aufschlag ein und kauft derweil selbst russische Rohstoffe günstiger als andere Kunden, zahlt beispielsweise fast 40 Prozent weniger für Gas als andere.Insgesamt hat Moskau laut der Ko-Autorin des Berichts, Alicia García-Herrero, zwar einen „wirtschaftlichen Rettungsanker“ erhalten, doch diktiere China „die Bedingungen der Beziehung“. Diese ermögliche es Russland kurzfristig, seine Kriegswirtschaft aufrechtzuerhalten, schmälere jedoch langfristig die wirtschaftliche Autonomie und Verhandlungsmacht Russlands.Die Ausgaben für dessen Krieg steigen, das Haushaltsdefizit wächst. Es war für 2026 mit umgerechnet insgesamt 45,5 Milliarden Euro eingeplant, das entspräche 1,6 Prozent des BIP. Nach den jüngsten Zahlen, welche die Regierung vorige Woche vorlegte (und die der Bericht nicht mehr berücksichtigen konnte), summierte sich das Defizit von Januar bis Ende Mai aber schon auf mehr als 72 Milliarden Euro oder 2,6 Prozent des BIP. Dass es nicht noch stärker gewachsen ist, liegt an höheren Mehrwertsteuereinnahmen sowie an Einnahmen aus dem Verkauf von Öl und Gas.Weniger Öl- und Gaseinnahmen trotz des IrankriegsDer Irankrieg und die damit verbundene Ölpreis-Hausse haben diese Einnahmen im April und Mai in die Höhe schnellen lassen. Dennoch liegen sie um fast 30 Prozent unter jenen des Vorjahreszeitraums. Das spiegelt verschärfte westliche Sanktionen ebenso wider wie die seit dem Frühjahr ausgeweiteten ukrainischen Drohnenschläge gegen russische Ölumschlagterminals und Raffinerien.Der Kieler Bericht hebt hervor, dass Russlands Öl- und Gasexporteinnahmen „die mit Abstand wichtigste Variable“ dafür blieben, wie lange das Land den Angriffskrieg weiterführen könne. Die Ökonomen argumentieren daher, „dass Russlands wachsende wirtschaftliche Verwundbarkeit ein Zeitfenster für wirksamere politische Maßnahmen des Westens eröffnet“. Sie fordern, Sanktionen strenger durchzusetzen, einen speziellen Zoll für den verbleibenden Handel mit Russland (etwa bei Flüssiggas, Chemikalien und Düngemitteln) zu erheben und mit den Einnahmen die Ukraine zu unterstützen.Auf die Frage der F.A.Z., wie lange sich das vom Bericht diagnostizierte „Endstadium“ der russischen Wirtschaft hinziehen könnte, sagte Moritz Schularick, der Leiter des Kieler Instituts: „Die Frage ist, wie viel Zeit der Wirtschaft noch bleibt. Ich würde sagen, dass es im nächsten Jahr zu erheblichen Einbrüchen kommen wird, wenn wir die Sanktionen verhängen und den neuen Zoll einführen.“ Exilrussische Ökonomen sind mit Prognosen über einen Kollaps der Wirtschaft meist zurückhaltender, unter anderem wegen zusätzlicher Einspar- und Verschuldungsmöglichkeiten und der geopolitischen Unvorhersehbarkeit.