«Der Faschismus dringt immer mehr in unser Leben ein. Das ist nicht nur Putins Wille. Das ist tief in den Völkern drin»Die weissrussische Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat ihr Werk dem Sowjetmenschen gewidmet. Im Gespräch sagt sie, wieso das Ende des Imperiums Krieg und Leere hinterlässt. Und weshalb die Ukraine die Ausnahme ist.19.05.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenSwetlana Alexijewitsch ist 2015 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden.Viktoria Bank / TT / ImagoSwetlana Alexijewitsch ist müde. Es ist ihr letztes Interview nach anstrengenden Tagen in Zürich: Die 77-jährige Nobelpreisträgerin hat von der Universität die Ehrendoktorwürde erhalten und an der Gründung des Instituts für Slavistik und Osteuropastudien teilgenommen. Im Strauhof besuchte sie eine Ausstellung über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die sie mitgestaltet hatte. Ihre Mitarbeiterin holt einen Kaffee und reicht ihr einen Ovo-Riegel.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die zusätzliche Energie hilft, doch die Müdigkeit der Weissrussin reicht über das dichte Programm der letzten Tage hinaus. Alexijewitsch lebt seit sechs Jahren im Exil, weil sie eine prägende Figur der Massenproteste gegen Alexander Lukaschenko war. Seither schaut sie aus Berlin zu, wie Wladimir Putin die Herrschaft des weissrussischen Diktators wiederherstellte und 2022 einen Krieg gegen die Ukraine begann. Wie das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, wo sie geboren wurde, im Krieg versinkt. Wie der Homo Sovieticus, dem sie ihre Bücher widmete, zum hassgetriebenen Menschen wird.Frau Alexijewitsch, Sie wurden in der heutigen Westukraine geboren. Ihr Vater war Weissrusse, ihre Mutter Ukrainerin. Ist das die typische Biografie eines Sowjetmenschen?Absolut. Umso weniger verstehe ich den Krieg in der Ukraine. Weil doch alle das Land kennen. Sie haben dort gelebt oder waren im Militär. Mein Vater diente während des Zweiten Weltkriegs in der Luftwaffe, seine Einheit wurde danach in Iwano-Frankiwsk stationiert. Als ich zwei Jahre alt war, zogen wir nach Weissrussland.Ihr Vater war überzeugter Kommunist.Ja, er trat während der Schlacht um Stalingrad in die Partei ein. Das waren schreckliche Kämpfe. Er wusste, dass es besser war, sich mit niemandem anzufreunden. Besser, man lernt niemanden kennen, wenn er schon morgen tot sein kann. Er erzog uns als gute Kommunisten. Ich veränderte mich erst, als ich in den achtziger Jahren nach Afghanistan reiste.Was ist passiert?Ich begleitete ein Flugzeug mit Spielzeugen. Wir wollten sie an afghanische Kinder in einem Spital verteilen. Eine Frau kam mit ihrem kleinen Jungen. Sie sprachen alle ein bisschen Russisch. Er nahm das Spielzeug entgegen, mit den Zähnen. Ich fragte: «Warum mit den Zähnen?» Sie hob die Decke hoch. Er hatte nur einen Arm, keine Beine, nichts. «Das taten deine Hitleristen», sagte sie. So haben sie uns genannt. Das war für mich fast nicht zu ertragen.Erzählten Sie das Ihrem Vater?Er hat geweint. Er sagte immer, die Idee des Kommunismus sei gut. Ich konnte ihn bis zum Schluss nicht überzeugen. Das war sein Leben, sein Glauben. Er war ein alter Mann.Die Reaktionen auf Ihr Buch «Zinkjungen» über die gefallenen sowjetischen Soldaten in Afghanistan waren damals heftig.Ich erhielt Morddrohungen. Auch von den Veteranen selbst. Sie waren nicht einverstanden mit dem Buch, Soldatenmütter verklagten mich sogar. Es ist hart, die eigenen Überzeugungen aufzugeben und neue anzunehmen.Waren Sie eine Dissidentin?Ja. Zuerst wurden meine Bücher verboten. Dann publizierten die sowjetischen Behörden sie trotzdem. Sie gaben mir sogar einen Verdienstorden. Das Volk mochte meine Bücher. Das hat mich gerettet. Viele handelten vom Krieg. Von dem, was meine Grossmutter und die anderen Frauen im Dorf erzählten.Von welcher Zeit sprechen wir?Von den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich wuchs auf dem Land auf. In den weissrussischen und ukrainischen Dörfern gab es kaum Männer. Auch mein Grossvater war umgekommen. Ich vertraute dieser Wirklichkeit. Dem echten Leben. Davon erzähle ich. In den offiziellen Geschichtsbüchern, die mein Vater sammelte, musste jeder Soldat ein Held sein. Er hatte mindestens zwei Feinde getötet, und alle waren Deutsche. Aber der Krieg ist nicht heldenhaft. Er ist schrecklich.In «Der Krieg hat kein weibliches Gesicht» berichten Sie von diesen Schattenseiten.Die Veteraninnen behandelten mich wie ihre Tochter. Ich war eine von ihnen. Sie wollten mir alles erklären, weil ich den Krieg nicht verstehen konnte. Sie wollten unbedingt, dass ich wusste, wie schlimm es gewesen war. Sie erzählten mir, dass sie den ganzen Krieg lang Männerhosen trugen. Oder wie Männer zwei Stunden lang am Boden kämpften, bis nur noch einer am Leben war. Sie erzählten mir das, weil sie auch vierzig Jahre später noch traumatisiert waren.Wie reagierten sie darauf, dass Sie ihre Geschichten veröffentlichten? War das ein Vertrauensbruch?Sie sagten: «Das kann man doch so nicht schreiben. Das haben wir nur dir erzählt.» Sie dachten, dass ich wisse, wie ich das so verfasse, dass es in die offiziellen Vorgaben passte. Ich war ja ausgebildete Journalistin. Sie entschieden dann, dass man mir nichts Anständiges beigebracht habe. Aber es war hart. Eine sagte mir, sie sei eine sowjetische Heldin gewesen. Nun sei sie nichts mehr.Die Tabus brachen damals auf, und die Gesellschaft konnte sich nicht mehr selbst belügen. War das ein schmerzhafter Prozess?Ich wollte kein sozialistisches Pathos in meinen Büchern. Ich wollte etwas Menschliches zeigen. Viele Leute glaubten an den Sozialismus. Sie fühlten sich mit etwas Grossem, Starkem verbunden. Das gab ihrem Leben Sinn. Manche begingen Selbstmord, als das Imperium fiel. Sie blieben ohne irgendetwas zurück. Nackt. «Homo Sovieticus» meine ich deshalb nie abwertend. Das sind Figuren, die eine grosse Tragödie erlebt haben. Sie hatten ein so schweres Leben und standen plötzlich ohne irgendetwas da. Wir haben heute Dinge wie Liebe und Familie, die eine Bedeutung besitzen. Aber was, wenn Sie am Ende Ihres Lebens erfahren, dass Ihre Frau Sie nie geliebt hat? So war das für die Leute.1991 hofften viele, dass diese Gesellschaften rasch zu Demokratien würden. Ist es die sowjetische Prägung, die das verhinderte?Für eine Demokratie braucht es freie Menschen. Aber was, wenn ein Mensch sein ganzes Leben im Gefängnis sitzt? Und dann lassen sie ihn frei. Er kommt aus dem Gefängnistor. Ist er dann ein freier Mann? Weiss er, was Freiheit ist? Natürlich nicht. Er lebt weiter so, wie er im Lagergefängnis gelebt hat. Veränderung ist ein langer Prozess. Die Leute blieben abhängig. Wir haben neue Autos und neue Kleider. Aber unser Geist lebt immer noch in der Sowjetunion. Demokratie blieb ein leeres Wort ohne Bedeutung.Es gab keine geistige Befreiung?Ich glaube nicht. Nehmen Sie unsere Intellektuellen. Die sagen: «Den muss man erschiessen! Den ins Gefängnis werfen!» Sie reden wie Lukaschenko, aber sie sind die Guten, weil sie «Demokraten» sind. Aber wer hätte ihnen denn Demokratie beibringen können?Der postsowjetische Raum ist auseinandergefallen, nun herrscht sogar Krieg. Gibt es trotzdem etwas, was die Menschen verbindet?Nein. Wenn es einen Anführer wie Vaclav Havel gegeben hätte, dann wäre es vielleicht anders gekommen. Aber es gibt keinen Havel. Die Völker sind voneinander isoliert. Die Vereinzelung, die Leere: Das war das, wovor man sich fürchtete, als das Imperium auseinanderfiel. Zunächst wurden alle religiös, um ihre Einsamkeit zu überwinden. Und jetzt sind wir auf dem Weg in den Faschismus. Er dringt immer mehr in unser Leben ein. Das ist nicht nur Putins Wille. Das ist tief in den Völkern drin.Was meinen Sie genau mit Faschismus?Ich rede natürlich nicht vom historischen Faschismus, den darf man nie relativieren. Wir haben noch kein Wort dafür gefunden. Man redet von «hybridem Krieg» und von «souveräner Demokratie». Es gibt viele solche Wörter, nicht? Aber eigentlich geht es um Faschismus. Mit einem starken Führer und ohne Freiheit.Welche Rolle spielt der Revanchismus, der Wunsch nach Rache für eine gefühlte Erniedrigung durch den Westen?Ich habe Mühe, das in Worte zu fassen. Aber der Westen sagte: «Wir haben den Kalten Krieg gewonnen.» Das schuf eine Grundlage. Es gab ein Gefühl der Niederlage in unseren Ländern.Die Russen kamen nie über das Ende ihres Imperiums weg?Nicht nur sie. Auch die Ukrainer und Weissrussen fühlten sich so. Diese Idee vereinigte alle. Ich schreibe auf Russisch. Weil das meine Sprache ist. Aber Russland hat den Status als führende Nation verloren. Wieso hassen sie die Ukrainer so? Weil die Russen sie als Verräter sehen, die sie verlassen haben, um mit den Amerikanern anzubandeln. Weissrussland ist hingegen ein besetztes Land. Niemand hat uns je gefragt, was wir wollen.Gibt es überhaupt noch Unterschiede zu Russland?Beide sind gleich. Aber Russland ist ein riesiges Land. Wie willst du das kontrollieren? Nur durch Angst. In Weissrussland demonstrierten wir für die Freiheit. Es gab keine Plakate, die einen Beitritt zur Europäischen Union forderten.Sie reden von den Massenprotesten im Jahr 2020?Ja. Mich hat das erstaunt, dass es nur um Freiheit ging. In Weissrussland gibt es das Gefühl, dass wir allein sind, dass niemand auf uns wartet in Europa. Wir können nichts tun, weil wir neben dem riesigen Russland liegen. Wenn Moskau den Öl- und Gashahn zudreht – fertig. Dann stehen alle Autos still, und am zweiten Tag gibt es einen Volksaufstand gegen Lukaschenko.Die Weissrussen sind Moskau ausgeliefert. Deshalb können sie sich nicht auch lösen, wie die Ukrainer?Ja, die Ukrainer haben dafür viel Blut vergossen. Sie haben ein anderes Temperament. Sie verbrannten auf dem Unabhängigkeitsplatz von Kiew Reifen, kämpfen an der Front mit der Waffe in der Hand. Die Weissrussen schenkten den Bereitschaftspolizisten Blumen. Das war so schön. All diese Frauen in weissen Kleidern. Das war reiner Idealismus. Die Leute waren so naiv. Und jetzt diese Enttäuschung.Eine Revolution wie in der Ukraine wäre undenkbar?Wenn wir begonnen hätten zu kämpfen, hätten wir verloren. Aber mit einer riesigen Zahl an Opfern. Für mich blieben die Massaker auf dem Tiananmen-Platz in China immer in Erinnerung. Deshalb war ich nie dafür, Blut zu vergiessen. Ich verstehe nicht, wie ein Mensch diese Grenze überschreitet, wie er beginnt, zu schiessen.Haben die Ukrainer den falschen Weg gewählt, indem sie kämpfen?Nein, es ist der einzige Weg zur Freiheit. Das sind Leute, die dafür kämpfen, lang, stur. Und wir bleiben ein besetztes Land.Hoffen Sie noch, dass sich das ändert?Es braucht Zeit. Nun kommt eine neue Generation. Aber wer erzieht sie? In Weissrussland erleben wir eine kulturelle Katastrophe. Alle Organisationen, die es gab, der Schriftstellerverband, die Theater, die gingen alle weg. Und es blieben irgendwelche unbekannten Leute. Nur Gott weiss, wer sie sind.Die intellektuelle Leere.Ja, und der Staat bringt den Kleinen im Kindergarten das Schiessen bei. Gibt ihnen Kriegsspielzeuge. Das ist ein Albtraum. Als ich vor einigen Jahren in Russland war, sah ich diese Läden voller Militärkleidung für Kinder. Und die Leute kaufen das!Können Sie etwas tun, um dem entgegenzuwirken?Ja, ich habe einen gewissen Einfluss. Ich muss Bücher schreiben, auftreten, reden. Vielleicht kann ich etwas sagen, was wichtig ist. Aber ich lebe im Ausland, das ist nicht leicht. Und die Beziehung zu Weissrussland ist schwierig. Viele Kinder von Exilanten sind zurückgeblieben, leben mit den Grosseltern. Wie lange geht das so? Wie lange lebt die Grossmutter? Wenn sie stirbt, kommen die Kinder ins Heim. Das ist eine schlimme Geschichte, ganz schlimm.Sollte sich der Westen einmischen?Helft der Ukraine. Das hilft uns allen. Wenn sie gewinnt. Nun fürchten sich alle vor Russland. England, Frankreich, alle. Sie bauen Rüstungsfabriken, alle bewaffnen sich. Das liesse sich ändern, wenn die Ukraine gewinnt.Wenn man der Ukraine hilft, hilft man auch Weissrussland?Ja, definitiv. Auch anderen Ländern. Die Leute würden mehr Widerstand leisten. Sie verstünden, dass es möglich ist, zu siegen. Nach dem Krieg werden Leute heranwachsen, die nicht mehr töten und kämpfen wollen, nicht mehr sterben.Passend zum Artikel
Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch: Der Sowjetmensch und die Leere nach dem Imperium
Die weissrussische Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat ihr Werk dem Sowjetmenschen gewidmet. Im Gespräch sagt sie, wieso das Ende des Imperiums Krieg und Leere hinterlässt. Und weshalb die Ukraine die Ausnahme ist.









