Kann man ein autoritäres System friedlich verändern? Christiane Hoffman über Europas Versäumnisse nach 1989Die deutsche Journalistin Christiane Hoffmann erzählt von den zerschlagenen Träumen in Russland und der Ukraine – aus persönlicher und politischer Perspektive.28.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenOksana Yushko porträtiert russisch-ukrainische Paare, hier Andrey und Dasha. Sie haben Russland nach dem Angriff auf die Ukraine 2022 verlassen. Ihr drittes Kind kam in Georgien zur Welt.Oksana YushkoEs ist eine unheimliche Koinzidenz: Eine langjährige Freundin nimmt sich das Leben. Am gleichen Tag greifen russische Truppen die Ukraine an. Seither wache sie jeden Morgen mit einem doppelten Schmerz auf, schreibt Christiane Hoffmann. «Dein Tod ist darin nicht von Russlands Krieg zu trennen.» Was aber hat das eine mit dem anderen zu tun? In ihrem zweiten erzählenden Sachbuch macht sich die Journalistin auf die Suche nach einer Antwort, und diese Suche führt in die Studienzeit zweier junger Slawistinnen, zur Lyrik Anna Achmatowas und schliesslich zu einer politischen Geschichte der letzten 35 Jahre.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein System kollabiertChristiane Hoffmann berichtete von 1996 bis 1999 als Korrespondentin für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» fast täglich aus Moskau. Auch später verfolgte sie als Journalistin das Schicksal der ex-sowjetischen Länder und die europäische, besonders die deutsche Aussenpolitik. Ihre Bilanz ist ernüchternd: «Vielleicht war es unmöglich, gemeinsam mit Russland eine neue Sicherheitsordnung aufzubauen. Aber wir haben es nicht einmal versucht.» Europa habe einen Weg gewählt, der für die Ukraine schlimm geendet habe. Seit mehr als vier Jahren führt Putin nun seinen grausamen Krieg.Dabei hätten doch am Ende der Sowjetunion alle den gleichen Traum geträumt, an den Küchentischen «im Osten wie im Westen und dazwischen»: von einem ungeteilten Europa, von gemeinsamer Sicherheit und Demokratie, von «Nie wieder Krieg».Die geplatzten Träume werden zum leitenden Motiv dieses persönlich-politischen Erinnerungsbuches. Für Hoffmann und ihre Freundin verbanden sich die Träume in besonderer Weise mit dem Schicksal der Sowjetunion. Beide Frauen waren fasziniert von der russischen Sprache und Kultur, seit sie sich 1989 bei einem Theaterfestival in Hamburg kennengelernt hatten. Die Slawistik-Studentinnen übersetzten dort für die Truppe von Lew Dodin aus Leningrad, deren achtstündiges Stück sie erstmals ahnen liess, dass etwas Grosses in Bewegung geraten war.Kurz darauf reiste Hoffmann ins Austauschjahr nach Leningrad. Dort steht sie stundenlang Schlange, erlebt die neue Begeisterung für Kultur und hört das erste Chorkonzert mit geistlicher Musik seit 1917 – Rachmaninow. «Schönheit ist wichtig, weil der Alltag so hässlich ist.» Plötzlich erscheinen Bücher, die siebzig Jahre lang zensiert und verboten waren. Die Menschen im Baltikum bilden eine Menschenkette durch drei Länder. «Es ist mit Händen zu greifen, dass es so nicht weitergeht.»In Hoffmanns atmosphärisch dichten, nachdenklichen Schilderungen des sowjetischen Alltags zeigt sich die Stärke ihres persönlichen Zugangs: Ein System im Umbruch kommt einem nahe. Beim Lesen spürt man die Ungewissheit fast körperlich. Dies gilt auch für ihren Blick in die Ukraine. 1991 weilte Hoffmann in Kiew, wo sie ein Praktikum beim Staatssender macht – «eine der Verrücktheiten, die in diesen Jahren möglich sind». Sie erlebt den Besuch von George Bush in Kiew, den Putsch in Moskau, die Unabhängigkeitskundgebungen der Ukrainer.Was wäre möglich gewesen?Doch erwächst aus dem Umbruch auch ein Aufbruch? Kann man ein autoritäres System friedlich verändern? Die Antwort unterscheidet sich je nach Land. Während die Ukraine trotz allem zu einem Staat zusammenwächst, herrschen im «entfesselten» Moskau Bandenkrieg und Rechtlosigkeit. Schon fünf Jahre nach dem Ende der UdSSR sei Russland eine «gelenkte Demokratie» gewesen, schreibt Hoffmann. Jelzins Wiederwahl habe nicht die Demokratie, sondern die Macht einer kleinen Gruppe von Oligarchen gefestigt. Unter Putin verhärtet sich das Land, wird zur Diktatur.Hoffmann blickt kenntnisreich auf die Versäumnisse und Dilemmata der westlichen Politik, etwa die Nato-Osterweiterung entgegen den Interessen Russlands oder das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine, dessen Unterzeichnung die EU lange verzögerte, so dass Putin viel Druck aufbauen konnte. Kritisch beleuchtet sie die Rolle Deutschlands, das sich freiwillig in die Abhängigkeit von russischem Gas «und damit in die Hände Putins» begibt. So wird dieses lesenswerte Buch zu einer Chronik der Versäumnisse Europas.Die schmerzhafte Einsicht, Entscheidendes versäumt zu haben, trifft Hoffmann auch im Hinblick auf ihre verstorbene Freundin. Hätte sie mehr für sie tun können? Hätte sie ihren Suizid verhindern können? Das Wort «Suizid» ist in Russland heute übrigens verboten.Christiane Hoffmann nähert sich den existenziellen Fragen mit einer gewissen Zurückhaltung. Zugleich verleiht der Tod der Freundin ihrem Memoir eine Dringlichkeit, die über eine Politikanalyse hinausgeht. So gelingt ihr der Spagat zwischen Nüchternheit und Trauer: «Warum fällt es den Menschen so schwer, drohendes Unheil wahrzuhaben, warum verschliessen wir die Augen?»Was wir versäumt haben Christiane Hoffmann: Die Träume, die wir hatten. C. H. Beck 2026. 300 Seiten. Erscheint am 9. Juli.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Kann man ein autoritäres System friedlich verändern? Christiane Hoffmann über das Ende der Sowjetunion
Erzählendes Sachbuch: Die Journalistin Christiane Hoffmann über Russland und Ukraine und das Ende der Sowjetunion - zerschlagene Träume und Krieg










