Ein Regime im Machtrausch: Wie die neue Führung in Iran vom Abkommen mit den USA profitiertGeldeinnahmen durch den ungehinderten Verkauf von Öl und durch einen Milliardenfonds zum Wiederaufbau des Landes nach dem Krieg werden die Hardliner stützen, die nun in Teheran das Sagen haben. Sie seien keine religiösen Ideologen mehr, sondern eiskalte Technokraten, sagt ein Iran-Kenner.Petra Ramsauer21.06.2026, 05.31 Uhr3 LeseminutenDas Abkommen zwischen Iran und den USA ist in Kraft, doch noch stauen sich die Schiffe in der Strasse von Hormuz.Elke Scholiers / GettyIrans Regime hat den Krieg nicht einfach überstanden, das überlebende Führungskader der Islamischen Republik triumphiert. Nicht einmal 24 Stunden nachdem das Memorandum mit den USA unterzeichnet worden war, liess das Regime in Teheran die Muskeln spielen. Bereits am Freitag hätten in der Schweiz die Gespräche zu den Details eines endgültigen Abkommens beginnen sollen, für das eine Frist von 60 Tagen vorgesehen ist. Doch der erste Anlauf scheiterte. Solange Israels Angriffe auf den Hizbullah in Libanon fortgesetzt werden, gebe es kein Treffen mit US-Vizepräsident JD Vance und dessen Team, erklärte Irans Delegation. Sie diktierte die Bedingungen. Klipp und klar.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nachdem das Weisse Haus Israel erneut zur Einhaltung einer Waffenruhe mit der mit Iran verbündeten Hizbullah-Miliz drängte – sie gilt theoretisch seit Freitag, 16 Uhr –, machten sich die Unterhändler auf den Weg in die Schweiz. Der iranische Aussenminister Abbas Araghchi flog am Samstag los, ebenso Donald Trumps Sondergesandter Steve Witkoff. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, der andere amerikanische Verhandler, soll zuvor schon eingetroffen sein.Am längeren HebelIm iranischen Verhandlungsteam gibt allerdings nicht der Aussenminister, sondern Parlamentspräsident Mohammed-Bagher Ghalibaf den Ton an. Wie sich der anhört, wurde schon bei einem TV-Interview am Dienstag offenkundig: «Ich weiss, wie man die Amerikaner auf Linie bringt: Sie verstehen die Logik der Macht und auch, dass wir am längeren Hebel sitzen.»Alle seien sich einig, erklärte Ghalibaf, dass Iran diesen Konflikt gewonnen habe, in jeder Hinsicht. So sollte Irans künftige Souveränität über die Strasse von Hormuz unantastbar sein. «Es wird nichts mehr so sein, wie es vor dem Krieg war,» betonte der mächtige Parlamentspräsident, ein ehemaliger General der Revolutionswächter.Mohammad Bagher Ghalibaf (rechts), der Sprecher des iranischen Parlaments, gilt als eine der starken Figuren des neuen Regimes in Teheran.Hamed Malekpour / Iranian Parliament via Reuters.Auch nicht in der Islamischen Republik Iran. Dutzende führende Militärs und Politiker – bis hin zum greisen Obersten Führer Ali Khamenei – wurden in den zwei Kriegen der USA und Israels gegen Iran im Juni des Vorjahres und jetzt von Februar bis April liquidiert. An ihre Stelle trat eine neue Generation von Machthabern. Es sind Hardliner wie der 64-jährige Ghalibaf und der neue Kommandant der Revolutionswächter, Ahmad Vahidi.Kopftuch ist GeschichteDie neuen Köpfe in Teheran denken auch anders. Von einem «neuen Iran», spricht Vali Nasr, Professor an der Johns-Hopkins-Universität: «Die Führungsstrukturen wurden modernisiert. Sie sind nicht mehr um einen Obersten Führer konzentriert, sondern über Netzwerke organisiert und widerstandsfähiger geworden.» Vor allem habe sich die Einstellung geändert. «Den neuen Machthabern Irans geht es nicht um Ideologie. Die Kopftuchpflicht etwa ist längst Geschichte. Sie wollen Geld verdienen und haben gleichzeitig keine Angst mehr, zur Not wieder in den Krieg gegen die USA und Israel zu ziehen.»Vali Nasr, Professor an der Johns-Hopkins-Universität.PDLiberal seien diese neuen Kader keinesfalls. «Es sind eiskalte Technokraten», sagt Nasr. Härte nach innen und aussen, lautet ihre Devise. Das Geld, um ihre Macht abzusichern, werden sie haben. Das Memorandum mit den USA stellt ihnen Öleinnahmen in Aussicht und sogar einen 300 Milliarden Dollar schweren Wiederaufbaufonds.Auch militärisch ist das neue Iran trotz dem Krieg recht gut aufgestellt: Von den Dutzenden Raketenbasen, die bis zu einem halben Kilometer unter der Erde angelegt sind, dürften die meisten noch intakt sein. Dazu sollen mehr als zwei Drittel seiner mobilen Abschussrampen und Raketen noch einsatzfähig sein. Selbst sein Netzwerk an Milizen hat den Krieg nicht bloss überstanden, sondern wurde zur Drohkulisse der globalen Weltwirtschaft. «Wir haben eine neue Sicherheitszone geschaffen», erklärte Esmail Ghaani, der Chef der Auslandsabteilung der Revolutionswächter. Sie reiche vom Persischen Golf über den Bab al-Mandab – die Seestrasse vor Jemen – bis zum Roten Meer.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel