Iran-Experte Ali Vaez: «Dieser Krieg hat einen noch gefährlicheren Iran geschaffen»Der Politikwissenschafter von der Denkfabrik Crisis Group sieht das Hardliner-Regime in Teheran als Gewinner eines vorläufigen Friedensabkommens mit den USA.Petra Ramsauer14.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenNach wie vor sitzen Dutzende Öltanker vor der Strasse von Hormuz fest, Aufnahme vom 8. Juni. ReutersReuters / NZZ – Publiziert in PrintOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die USA und Iran haben sich nach drei Monaten Krieg anscheinend auf ein Memorandum of Understanding geeinigt. Halten Sie es für möglich, dass die Verhandlungen noch scheitern?Ich hörte, dass eine Einigung tatsächlich unmittelbar bevorstehe, lediglich um einzelne Formulierungen werde noch gerungen. Das Wichtigste dieser Vereinbarung ist, dass der Krieg beendet wird. Viel wird darin nicht festgelegt, das Papier dürfte nicht länger als eineinhalb Seiten sein, aber wir sollten seine Bedeutung deshalb nicht unterschätzen. Es bietet einen dringend nötigen Ausweg aus einem Konflikt an, der ein grosser Fehler war. Einem Angriff, der niemals so hätte geführt werden sollen, der die Weltwirtschaft gefährdete und ganz besonders die ohnehin vulnerablen Staaten des Südens.Sie sagen, in diesem Memorandum sei wenig Konkretes vereinbart, aber was wird darin festgelegt?Zu den wichtigsten Punkten zählen: Die Blockade der zentralen Handelsstrasse von Hormuz wird beendet. Das iranische Regime verpflichtet sich, darauf zu verzichten, den Bau von Atombomben anzustreben. Gleichzeitig räumen die USA dem Land aber das Recht auf die friedliche Nutzung von Atomenergie ein. Iran wird sofort auf einen Teil seines eingefrorenen Vermögens im Ausland zugreifen können, und erste Sanktionen sollen gelockert werden. Die technischen Details dazu werden aber erst innerhalb einer Frist von sechzig Tagen verhandelt. Diese kann übrigens verlängert werden, wenn mehr Zeit nötig ist, um eine Einigung zu erzielen.Zur PersonPDDer Politikwissenschafter leitet das Iran-Projekt der Denkfabrik International Crisis Group und hat sich auf das iranische Atomprogramm spezialisiert. Vaez unterrichtet zudem an der Georgetown University in Washington.Irans Zusage, keine Atomwaffen anzustreben, dürften sowohl US-Präsident Donald Trump wie auch Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu als einen Sieg feiern. Aber können wir uns bei der iranischen Führung so sicher sein?Diese Zusage ist ja nicht neu. Seit 1974 hat sich Irans Führung dazu verpflichtet, auf die Aufrüstung mit nuklearen Waffen zu verzichten. Erst tat es der Schah, danach auch mehrmals die Islamische Republik. Aber diese Zusagen sind bedeutungslos, wenn sie nicht an einen sehr klaren Verifikationsprozess gekoppelt sind. Die Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde brauchen ungehinderten Zugang, um diese Zusagen überprüfen zu können. Wird ein solches Regelwerk in einer zweiten Verhandlungsphase nicht vereinbart, ist dieses Memorandum am Ende völlig wertlos.Was hat dieser Krieg den USA und Israel überhaupt gebracht? Wurde die Welt, vor allem die Golfregion und der Nahe Osten, durch den Angriff auf Iran sicherer?Darauf gibt es eine einfache Antwort. Dieser Krieg hat nichts gebracht. Eher im Gegenteil, er hat die Lage zugespitzt. Das Regime hat eine neue Waffe entdeckt: Indem es die Strasse von Hormuz blockiert, kann es die Weltwirtschaft in Geiselhaft nehmen. Zudem ist die Angst vor einem Krieg verpufft. Ein Angriff wie dieser wurde von Teheran in der Vergangenheit als grösste Bedrohung eingestuft. Diese Angst hat die Islamische Republik etwas im Zaum gehalten. Nun wissen sie aber: Sie konnten einem Angriff der grössten Militärmacht der Welt, der USA, flankiert vom besten Geheimdienst der Welt, jenem Israels, standhalten. Dies gleich zwei Mal innerhalb von zwölf Monaten. Ausserdem hat eine neue Führungsriege von Hardlinern aus dem Umfeld der Revolutionswächter an Macht gewonnen. In Wahrheit hat dieser Krieg einen noch gefährlicheren Iran als zuvor geschaffen mit einer Führung, die selbstbewusst ist wie nie zuvor.Aber es ist doch bemerkenswert: Wie kann ein marodes Regime, das jahrzehntelang unter Sanktionen stand, dieser geballten Militärmacht die Stirn bieten?Sie hatten Zeit, sich gut vorzubereiten. Der Zwölftagekrieg, den Israel, später unterstützt von den USA, vor exakt einem Jahr startete, half dem Regime, die Bedrohung einzuschätzen. Die Phase nach dem Ende dieses ersten Krieges bis zum 28. Februar dieses Jahres war so etwas wie ein goldenes Zeitfenster, das genutzt wurde: Die Kontinuität der Führung wurde abgesichert, indem für jeden Posten mehrere Stellvertreter bestimmt wurden. Somit war das Überleben des Regimes gesichert. Dazu wurde im Januar der Widerstand der Bevölkerung durch ein Massaker gebrochen und die eigene Basis mobilisiert. Heute sind nicht die Kritiker des Regimes in Vielzahl auf den Strassen, sondern seine Befürworter.Die Islamische Republik steckt dennoch nach wie vor tief in der Krise: Es fehlt ihr an Legitimität im Volk, dazu droht die Wirtschaft zusammenzubrechen. Kann es sein, dass für dieses Regime Frieden bedrohlicher ist als Krieg?Die Menschen sind durch die brutale Niederschlagung der Proteste tief traumatisiert. Niemand wagt derzeit, seinen Unmut laut kundzutun. Hinzu kommt eine Forderung Irans in diesem Memorandum, dass sofort Vermögen freigegeben wird und die Sanktionen sofort gelockert werden. So wird Geld ins Land gepumpt, wodurch die schlimmsten Folgen der Wirtschaftskrise abgefedert werden können.Ist es trotz der sich anbahnenden Einigung denkbar, dass die USA und Israel auf die militärische Karte setzen? Zum Beispiel dass sie in einem Überraschungsangriff ungeachtet der Verhandlungen die Nuklearanlagen angreifen und die etwa 440 Kilogramm hoch angereicherten Urans sicherstellen?In Zeiten von Donald Trump ist nichts unmöglich. Aber militärisch lässt sich das nicht erreichen, ohne enorme Verluste zu riskieren. Dieses Uran ist tief unter der Erde vergraben, es braucht schweres Gerät, um es zu bergen. Dazu müsste man mit bunkerbrechenden Bomben erst das Terrain aufbereiten und dann einen Teil Irans über Monate mit Bodentruppen militärisch besetzen, um auch die Zylinder mit dem Uran herauszuholen. Keine Chance.Somit bleibt Trump nur, diesem Deal zuzustimmen und einzugestehen, dass die militärische Supermacht an ihre Grenzen stösst. Was meinen Sie, wie wird dieser Krieg einmal in der Geschichte eingeordnet?Als katastrophale strategische Fehlentscheidung, die den Nahen Osten und auch die Rolle der USA nachhaltig verändert hat. Der Krieg könnte zur historischen Wasserscheide werden. Amerika hat von Vietnam über Irak und Afghanistan immer wieder erlebt, dass es als Supermacht scheitern kann. Doch die Stellung der USA in der Welt blieb unverändert. Dieses Mal nicht. Die Grenzen im Konflikt mit einem kleineren, schwachen Staat wurden aufgezeigt, und somit ist klar: Die USA können nicht mehr alles erreichen. Verändern wird der Krieg die Golfregion, die bisher ganz auf die USA gesetzt hat, und auch Iran selbst. Die Islamische Republik hat sich noch stärker militarisiert.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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