Sie hüten Kinder und pflegen Kultur: Eine Ehrenrettung der alten SchweizerSenioren-Bashing ist gerade sehr beliebt. Zu Unrecht.21.06.2026, 05.31 Uhr5 LeseminutenDie Demografie ist eine grosse Herausforderung für die Schweiz. Doch es gibt auch Lichtblicke.Hoptocopter/GettyDie Drehtüre rotiert, und schon tapsen sie ins Bistro hinein. Ihre Gesichter sind furchig, die Köpfe weiss oder kahl. Sie tragen Funktionskleidung. Zögerlich drehen sie ihre Oberkörper, um sich im Raum orientieren zu können. Die Blicke sind starr. Einige strecken die Hände aus. Mit stockenden Schritten kommen sie näher. Näher zum Ziel, nach dem sie dürsten. Ihrem Lebenselixier.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kafi crème.Die Schweiz veraltet. Man merkt es im Bistro, aber auch im Zugwaggon und auf dem Trottoir. Wenn, so wie dieser Tage wieder, händeringend gefragt wird, woher bloss das Geld für die AHV kommen soll. Wenn eine dieser Steinzeitdebatten durch die Medien wabert, wie jene zur Abschaffung des UKW-Radios. Wenn Bekannte aus Asien zurückkehren und vor allem über eins schockiert sind – nicht darüber, dass es bei uns so sauber und bei denen dreckig ist. Sondern darüber, wie laaangsam hier alles abläuft. Kürzlich machte die Nachricht die Runde, dass es in der Schweiz mittlerweile mehr über 65-Jährige als unter 20-Jährige gäbe.Wem wird es da nicht gschmuch? Wäre die Demografie nicht die nationale Herausforderung schlechthin? Doch die Politik drückt sich. Der bundesbernische Imperativ lautet: Das Wohlleben des Ruheständlers ist unantastbar. Als wahlentscheidender Faktor wiegt der Pensionär viel zu schwer, auf keinen Fall darf man es sich mit ihm verscherzen.Michel de Montaigne hätte den Kopf geschütteltIch könnte mich nun leicht in Rage tippen, nichts einfacher als das. Als mittelalter Familienvater wüsste ich noch sehr viele Gründe, um mich über die eidgenössische Öpisierung aufzuregen. Ich wäre ja auch nicht der erste.Das Ergebnis wäre einer dieser Texte, bei denen der Autor seine persönliche Perspektive zum allgemeinen Gebot erhebt. Auf dass die Gesellschaft ein wenig mehr in jene Richtung rücke, die ihm behagt und zugutekommt. Man hat sich daran gewöhnt in den letzten Jahren: Junge Frauen fordern alte Männer auf, endlich Zugeständnisse zu machen; alte Männer erklären, warum das auf keinen Fall möglich sei; der linke Schriftsteller Lukas Bärfuss schreibt Essays in vollendetem Einklang mit der Gesinnung des schriftstellernden Linken Lukas Bärfuss. Und so weiter.Schreiben als Fortführung des ideologischen Zementanrührens mit anderen Mitteln.Wie trist! Wie vorhersehbar auch. Dabei wäre die Idee des Essays eigentlich eine andere. Eine offenere, fragendere. Der Name kommt ja nicht von ungefähr.Michel de Montaigne, Urvater des gepflegten Dafür-und-dawider, schrieb vor einem halben Jahrtausend: «Wenn ich mich zu einer Lebensform verpflichtet fühle, dann will ich nicht alle Welt auf diese festlegen, wie es sonst jeder macht; stattdessen stelle ich mir tausend gegenteilige Arten zu leben vor . . .»Montaignes Texten liegt eine existenzielle, zugleich aber auch heitere und verspielte Selbsthinterfragung zugrunde.Die Grosseltern engagieren sichKönnte es sein, dass meine Probleme nicht die gewichtigsten sind auf Erden? Dass ich gerade nicht die besten Argumente zur Hand habe? Dass es intellektuell eventuell anregend sein könnte, die Position zu wechseln? Ein bisschen mehr Montaigne und etwas weniger Bärfuss . . . ja, das wäre schön. Es würde der Debattenkultur nicht schaden.Also: Könnte es auch Vorteile haben, wenn die Schweiz verschrumpelt? Auf der Suche nach Gegenargumenten blicken wir nochmals auf die Schweizer Strassen. Alles grau in grau, wie gehabt. Fast möchte man verzweifeln.Doch halt, eine erste Entdeckung: So viele vife Grossmütter! Und nicht wenige Kinderwagen schiebend. Ein anekdotischer Eindruck, gewiss, der sich allerdings mit Zahlen aus dem Bundesamt für Statistik belegen lässt. 40 Prozent aller Kleinkinder werden zumindest einmal in der Woche von Grosseltern gehütet.Die Alten halten vielen Jungen den Rücken frei – und erleichtern so manchen die Entscheidung, ob sie überhaupt Kinder haben wollen. Vielleicht vertraut man, insgeheim, das Baby ein My lieber der eigenen Sippe als der Kita an; laut den Bundesstatistikern sind die Eltern mit dieser Lösung zufriedener. Günstiger ist sie sowieso. So paradox es klingt: Die Alten helfen heute tatkräftig mit, dass die Schweiz nicht noch stärker veraltet.Das Grosi-Paradox: Alte helfen heute tatkräftig mit, dass die Schweiz nicht noch stärker veraltet.Troy T. / UnsplashMit der Mehrung der Pensionäre potenziert sich zudem eine wertvolle Ressource: die frei verfügbare Zeit. Und diese nutzen die Rentnerinnen und Rentner sinnvoll und rege, zum Vorteil aller. So gibt es keine Altersgruppe, die sich stärker in der Freiwilligenarbeit und in Ehrenämtern engagiert als die 65- bis 75-Jährigen.Auch geben diese Alten fast 300 Franken im Monat für Kultur und Freizeit aus. Kulturhäuser wie das Theater, die Oper und viele Museen müssten bald schliessen ohne die Neugierde der Senioren.«Ich sollte einmal wieder ins Theater gehen», «Diesen neuen Roman muss ich noch lesen» – das sind typische, oft gehörte Sätze. Sie zeugen von einem ehrfürchtigen, ehrbaren Verständnis für Kultur, das sich in vordigitaler Zeit ausgebildet hat. Apropos: Nun, da in den USA die Gerichtsprozesse zum Suchtpotenzial digitaler Plattformen laufen, wird allmählich klar, dass die Absenz der Alten nicht nur schlecht gewesen ist. Die sozialen Netzwerke haben eine gequälte Generation hervorgebracht, die mit Narzissmus, Depressionen und einer erodierenden Allgemeinbildung zu kämpfen hat und die nicht selten bereits einer Jugend nachtrauert, die ihr zwischen Schminktutorials zerronnen ist.Die Alten dagegen waren zu gefestigt, um sich dem Irrsinn aus Kalifornien ganz hinzugeben. Ihre Gemächlichkeit ist das perfekte Gegengift zum nervösen Getiktoke, selten war der analoge Erfahrungsspeicher wertvoller.Die Alten waren ein Hindernis für die NazisAuch politisch kann die vermeintliche Lethargie der Alten noch Gold wert sein. Dann nämlich, wenn Politiker versucht sein sollten, das System radikal umzupflügen – was hierzulande nun wirklich nicht nötig ist.Götz Aly, der Faschismusforscher, stellte fest, dass es die Jungen gewesen waren, die der NSDAP en masse zugeströmt waren und so dazu beigetragen hatten, den diabolischen Gefreiten zu ermächtigen. Derweil viele Alte lange an den etablierten, der Demokratie verpflichteten Parteien festhielten, die sie immer schon gewählt hatten. Konservative, Liberale, Sozialdemokraten.Im Jahr 1930 waren laut Aly bloss acht Prozent der SPD-Mitglieder jünger als 25. «Dagegen bestand die NSDAP fast nur aus jungen Genossen, die erst vor kurzem zur Partei gestossen waren.» Die sturen Senioren, sie waren für die Nazis ein Hindernis. Goebbels: «Rotten Sie den alten Menschen in Ihrem Hirn und Herzen aus!»Und so sehe ich den schlohweissen Pulk, der da ins Bistro tapst, mittlerweile etwas anders. Entspannter, freundlicher. Fast möchte ich ihnen den Kafi bezahlen.Aber dann fällt mir wieder ein, dass es ihnen ja eigentlich ganz prima geht und dass sie gut für sich und andere sorgen können. Wir erinnern uns, die 13. AHV-Rente und so weiter. Was für ein Glück sie doch haben, die Alten.Und wir mit ihnen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Essay zur Demografie: Eine Ehrenrettung der alten Schweizer
Essay zur Demografie: Eine Ehrenrettung der alten Schweizer, die Kinder hüten, Kultur pflegen und die Demokratie verteidigen






