Jürgen Klopp und Thomas Müller sind als TV-Experten um keinen Scherz verlegen. Die Art und Weise ihrer Auftritte sagt viel über die beiden ausIm Vorbeigehen zählt Jürgen Klopp den deutschen Nationaltrainer Julian Nagelsmann an. Dass dies absichtslos geschah, ist schwer zu glauben.21.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEs darf gelacht werden: Thomas Müller (l.) und Jürgen Klopp.GettyEs gab einmal eine Zeit im deutschen Fussball, da war das Rahmenprogramm interessanter als das Geschehen auf dem Spielfeld. Wenn die Nationalmannschaft spielte, trat ein älterer Herr mit konservativer Frisur, die in den siebziger Jahren einmal als progressiv gegolten hatte, vor die Kamera. Neben ihm stand der Moderator, fragte ihn, provozierte ihn, schmeichelte ihm: Günter Netzer und Gerhard Delling kommentierten, wenn die deutsche Nationalmannschaft spielte, sie analysierten, wenn eine Fussball-WM stattfand. Legendär sind ihre Frotzeleien, aber auch der intellektuelle Anspruch, den Netzer mitunter haarscharf verfehlte: «Die Optionen müssen anders gewählt werden.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Völler ist gefordertEs war die Zeit, als der Bundestrainer Rudi Völler hiess, eine Zeit, in der der deutsche Fussball Nachwuchsprobleme hatte und die Auftritte nicht sonderlich ästhetisch anmuteten. Netzer und Delling nahmen 2003 die Equipe nach einem 0:0 in Island aufs Korn, da platzte Völler der Kragen: «Tiefpunkt, niedriger Tiefpunkt und noch niedrigerer Tiefpunkt! Ich kann diesen Scheissdreck nicht mehr hören. Was hat denn der Günter früher für einen Scheiss gespielt? Standfussball war das doch früher.»23 Jahre später ist Rudi Völler wieder dabei, nicht als Trainer, sondern als Direktor des Nationalteams. Und es ist kurios, dass er auf einmal wieder in die Rolle des Antipoden der Kommentatoren schlüpft. Aber dazu später mehr.Als Duo unerreicht: Günter Netzer (l.) und Gerhard Delling 2003 in Reykjavik.Team 2 / ImagoHeute, wo die Weltmeisterschaft auf etlichen Kanälen übertragen wird, ist die Expertokratie allgegenwärtig: Man begnügt sich nicht mehr mit einem Sachkundigen, sondern bietet ein ganzes Bataillon auf, so wie das ZDF, das einen Stuhlkreis der Wissenden versammelt hat. Anders verhält es sich bei Magenta TV, jenem Kanal, der sich für viel Geld die Übertragungsrechte gesichert hat – und der die illustersten Kommentatoren verpflichtet hat, die der deutsche Fussball zu bieten hat: Thomas Müller und Jürgen Klopp.Hier kommen zwei Sprachmachtmenschen zusammen, der eine bodenständig, schlagfertig, der andere weit ausholend, polemisch, einnehmend, souverän. Viel gelacht wird, wenn die beiden vor die Kamera treten, hin und wieder über andere, aber Schadenfreude ist ja bekanntlich die schönste von allen.So war es auch, als die beiden Experten über die Aufstellung der deutschen Mannschaft diskutierten und Klopp sagte, er sei froh, dass der Bundestrainer Julian Nagelsmann die Aufstellung verantworte, und anfügte: «Noch».«Noch». Dieses eine Wort wiederholte er mehrfach, es hatte etwas von einer Sandkastenbeschwörung. Denn Klopp gab hier, zwar zeitlich unbestimmt, eine Prognose ab, die das Scheitern des Bundestrainers Nagelsmann betrifft. Warum sollte Nagelsmann aus freien Stücken seine Stelle räumen, wenn die Dinge für das deutsche Team zufriedenstellend laufen?Der Schaden war angerichtetKlopp indes schlüpfte so in die Rolle der Kassandra mit den hübsch gemachten Zähnen. Und er weiss natürlich, dass solche Prophezeiungen eine Eigendynamik entfalten können, wenn der Richtige sie ausspricht.Zu weit gegangen: Jürgen Klopp (Mitte) entschuldigt sich bei Julian Nagelsmann (links).Matthias Koch / ImagoEs dauerte nicht lange, bis er arg in der Kritik stand: Ein solches Verhalten sei respektlos, nicht angemessen, überzogen. Klopp entschuldigte sich bei Nagelsmann, Müller und er seien grosse Fans des Teams, sie wollten nichts lieber, als dass die Mannschaft so lange wie möglich im Wettbewerb bleibe. Doch der Schaden war nicht mehr zu beheben. Wer weiss, wie sehr Klopp auf die Wirkung seiner Sprache bedacht ist, dem fällt es schwer zu glauben, dass ihm dies nur herausgerutscht ist.Klopp, der früher gern einen fairen Umgang mit Trainerkollegen einforderte (und dabei wohl vor allem sich selbst meinte), hat in seinem Job als Global Head of Soccer im RB-Konzern gerade erst dafür gesorgt, dass der erfolgreiche Leipzig-Trainer Ole Werner entlassen wurde. Klopp wird nachgesagt, den Posten des Bundestrainers auch gerne selbst ausfüllen zu wollen. Und im Grunde macht er mit seiner Entschuldigung alles nur noch viel schlimmer: Nicht ein einziges Mal deutete er an, dass er gar kein Interesse daran habe, den Job Nagelsmanns zu erledigen. Vielmehr liess er dies, vermutlich nicht unbewusst, offen.Die «Frankfurter Allgemeine» schrieb, Klopp agiere als Schattentrainer – und vergleicht ihn mit Franz Beckenbauer in jenen Jahren, als Berti Vogts deutscher Nationaltrainer war. Damals diskreditierte Beckenbauer seinen ehemaligen Mitspieler im Nationalteam mit allerlei Boshaftigkeiten, die nur auf den ersten Blick wie Flapsigkeiten wirkten. Allerdings gibt es einen ganz gravierenden Unterschied zwischen Beckenbauer und Klopp: Beckenbauer hatte als Trainer den Weltmeistertitel von 1990 vorzuweisen. Er hatte keine Ambitionen auf das Amt als Bundestrainer.Der eine deckt den anderen mit Boshaftigkeiten ein: Franz Beckenbauer und Berti Vogts 1986 in Mexiko.Sammy Minkoff / ImagoBei Klopp könnten die Dinge anders stehen, der Mann ist offenbar nicht ausgelastet. Und das macht es so brisant. Klopp ist ein genuiner Trainer – kein Manager, kein Administrator. Die Zusammenarbeit mit der Mannschaft, die Auftritte im Stadion vor grossem Publikum, die Pressekonferenzen, bei denen er seine rhetorische Begabung zur Schau stellen kann: Das hat er im derzeitigen Job nicht, weswegen er vermutlich nicht unglücklich war, als er gefragt wurde, an der Seite von Müller die Fussballspiele zu kommentieren.Das breite Lachen der beiden ist längst zu einem Meme im Internet geworden, auf Facebook sieht man die beiden in ihren sandfarbenen Rentnerjäckchen mit einem Grinsen, so breit, dass selbst der junge Mick Jagger neidisch geworden wäre. Darunter finden sich Flachwitze, mal etwas zotig, manche vulgär: «Frau: ‹Wenn ich wieder zu Hause bin, ist hier alles aufgeräumt!› Ich: ‹Wie willst du das denn machen?›»Müller wird zur Ordnung gerufenDie Simplifizierung im Internet ist einerseits ein Ärgernis. Andererseits aber legt sie manchmal den Kern der Dinge frei. Und der ist im Fall von Müller und Klopp ein eher schlichtes Amüsement, das den analytischen Fähigkeiten der beiden nicht gerecht wird.Es war Rudi Völler, der Thomas Müller daran erinnerte, dass es vielleicht gar nicht schlecht sei, sich erst einmal fachlich weiterzubilden, bevor man am Spielfeldrand das grosse Wort führe. Völler weiss, wohin eine solche Dynamik führen kann. Als Bundestrainer hat er es selbst erlebt. Nicht ausgeschlossen, dass auch Jürgen Klopp einmal in eine solche Situation als Nationaltrainer geraten wird.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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