Umstrittenes Anlocken von Firmen: Im Zuge der Zuwanderungsdiskussion gerät nun die Standortpromotion des Bundes unter DruckPolitiker von links bis rechts stellen die Anwerbung von Firmen aus dem Ausland infrage. Der Bundesrat geht nun nochmals über die Bücher.21.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenZuziehende Firmen noch willkommen? Bauprojekt bei Bulle im Kanton Freiburg.Jean-Christophe Bott / KeystoneSelten gaben sich die Sieger einer Abstimmung verständnisvoller. Ob Bundesrat, Parteien oder die Wirtschaft – alle betonten sie am vergangenen Sonntagabend nach dem Nein zur «10-Millionen-Initiative», man müsse die Skepsis gegenüber der starken Zuwanderung ernst nehmen und nun Taten folgen lassen. Von einer gelben Karte war die Rede oder einem Denkzettel. Und Philipp Matthias Bregy, der Präsident der Mitte-Partei, sagte unverblümt: «Es kann nicht so weitergehen.» Was er damit unter anderem meinte: «Gerade in der Standortförderungspolitik müssen wir uns gut überlegen, welche Firmen wir um jeden Preis in die Schweiz holen wollen.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Gelegenheit fürs Überlegen kommt bald: Beim Bundesrat steht die Frage an, wie es mit der Schweizer Standortförderung ab 2028 weitergehen soll. Sein erster Vorschlag vom vergangenen Februar sieht einen Rahmenkredit von knapp 400 Millionen Franken vor, um über weitere vier Jahre Exporte zu fördern, KMU zu entlasten, den Tourismus anzukurbeln – und mit einem kleinen Teil davon auch neue Firmen anzuwerben (die sogenannte Standortpromotion).Plötzlich Gegner links wie rechtsDoch was bisher ein Routinegeschäft war, wird plötzlich hinterfragt. Zum einen will der Bundesrat selber im Zuge der Zuwanderungsdiskussion nochmals über die Bücher gehen. Man werde prüfen, ob bei der Standortförderung «zusätzlich Handlungsbedarf» bestehe, schreibt das Wirtschaftsdepartement von Guy Parmelin auf Anfrage.Zum anderen bahnt sich eine neue politische Kontroverse an. Die SP lehnt, anders als früher, weitere finanzielle Mittel für die Standortförderung generell ab. «Die Schweiz ist attraktiv genug, als dass ein gezieltes, staatlich unterstütztes An- beziehungsweise Abwerben von Firmen im Ausland notwendig wäre», schrieben die Sozialdemokraten vor drei Wochen zu den Vorschlägen des Bundes. Die SVP weist das Paket dieses Mal ebenfalls ab, wenn auch die Standortpromotion dabei nur ein Element ihrer Kritik ist.Dazu kommt die neue Skepsis der Mitte gegenüber dem Instrument. «Wir müssen uns entscheiden, wie viel Zuwanderung wir wollen», sagt der Parteichef Bregy. «Und wenn wir weniger wollen, dann müssen wir konsequent sein und auch die Firmenanwerbung überdenken.» Die neue Vorlage zur Standortförderung biete eine Gelegenheit, um diese Frage offen zu diskutieren.Geringer Effekt auf ZuwanderungEine andere Frage ist, wie viel mit einem Zurückfahren dieser Werbung gewonnen wäre. Denn laut einer aktualisierten Studie im Auftrag des Bundes trägt sie nur wenig zur Zuwanderung bei. Die Rechnung, die das verantwortliche Büro Ecoplan dabei aufgestellt hat, geht so: Die nationale Standortpromotion hat zuletzt im Schnitt 310 Unternehmen pro Jahr ins Land gelockt, die jeweils gut 1500 Arbeitsplätze schufen. Aus statistischen Ableitungen schliesst Ecoplan, dass etwa 67 Prozent dieser Stellen durch Zuwanderer besetzt werden. Und dass jeder dieser Zuwanderer im Schnitt von einer halben Person begleitet wird. So ergibt sich unter dem Strich ein Zuwanderungseffekt von etwas über 1600 Personen – bei einer Nettozuwanderung von durchschnittlich fast 70 000 Menschen.Dieser Effekt dürfte mit der Zeit noch steigen, da die angesiedelten Firmen in der Regel über das erste Jahr hinaus Stellen schaffen. An der Bilanz des Wirtschaftsdepartements ändert dies jedoch nichts: «Die Standortförderungsmassnahmen des Bundes spielen bei der Zuwanderung insgesamt eine untergeordnete Rolle.»Trotzdem will der Bund die Sache nun nochmals überdenken. Ob er die Standortpromotion unter diesem Blickwinkel anpassen wird, will Anfang 2027 darlegen, wenn er seine definitiven Vorschläge ans Parlament überweist. Und doch wäre es eine Überraschung, sollte die Politik letztlich die Firmenwerbung tatsächlich kappen oder einschränken. Denn als vor vier Jahren zuletzt darüber abgestimmt wurde, sagten im gesamten 246-köpfigen Parlament gerade zwei Parlamentarier Nein: der SP-Co-Präsident Cédric Wermuth und die SP-Nationalrätin Jacqueline Badran.Es scheint also auch möglich, dass geschehen wird, was ebenfalls schon am Sonntag mehrere Beobachter prognostizierten: Man wird aus Rücksicht auf die Skepsis in Teilen der Bevölkerung pro forma einige Vorschläge diskutieren – und dann zur Tagesordnung übergehen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel