Hinter verschlossenen Rathaustüren befreien die Kantonsregierungen ausgewählte Konzerne von den Steuern. Das Ziel: zusätzliche Arbeitsplätze. Dokumente aus den USA geben Einblick in das intransparente Geflecht staatlicher Wirtschaftsförderung.30.05.2026, 21.45 Uhr6 LeseminutenDas amerikanische Biotechunternehmen Incyte ist innert weniger Jahre zu einem Milliardenkonzern gewachsen. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Schweiz, genauer gesagt der Kanton Waadt: 2020 bezog Incyte in Morges am Genfersee seinen neuen Europasitz mit rund 150 Mitarbeitern. Ein Jahr später eröffnete der US-Konzern in Yverdon einen Produktionsstandort. Seither stellen dort rund 100 Mitarbeitende ein wichtiges Krebsmedikament her.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Schweiz ist ein Biotech-Hub – und entsprechend attraktiv für Firmen. Doch das reichte offenbar nicht. Der Kanton Waadt gewährte dem Unternehmen auch ausserordentliche Steuervorteile, wie Recherchen der «NZZ am Sonntag» zeigen. Im jüngsten Jahresbericht weist Incyte «Schweizer Einkommenssteuergutschriften» in Höhe von knapp 1,5 Millionen Dollar aus.Solche «tax benefits» oder «tax holidays» sind ein wenig bekanntes, aber fest etabliertes Instrument der Schweizer Standortpolitik. Die Standortförderer bei Bund und Kantonen versuchen damit seit Jahrzehnten, ausländische Firmen anzuziehen.Es ist einer der Widersprüche der Schweiz: Grosse Teile der Bevölkerung sind wachstumsmüde, wie die Umfragen zu den intakten Erfolgsaussichten der 10-Millionen-Initiative zeigen. Gleichzeitig schreibt die nationale Standortförderungsorganisation Switzerland Global Enterprise an die Adresse von Investoren: «Congratulations – you are about to choose Switzerland.»«Schweizer Einkommenssteuergutschriften» für das Pharmaunternehmen Incyte im Kanton Waadt.Quelle: sec.govSteuersenkungen generieren ArbeitsplätzeVerantwortlich für Switzerland Global Enterprise ist der SVP-Bundesrat Guy Parmelin. Die Organisation hat den Auftrag, Firmenansiedlungen zu fördern. Dabei wirbt sie unter anderem mit dem «schnellen Zugriff» auf Arbeitskräfte aus der EU. Besonders betont werden aber die tiefen Steuersätze, welche die Schweiz bietet.Die durchschnittlichen Gewinnsteuersätze in den Kantonen sind in den vergangenen zwanzig Jahren um ein Drittel gesunken, wie Zahlen des Beratungsunternehmens KPMG zeigen. 2006 betrug die Steuerlast auf einen Gewinn von 100 Millionen Franken im Schnitt 21,2 Millionen. 2026 sind es für den gleichen Gewinn 14,4 Millionen.Diese Steuersenkungen generieren Tausende Arbeitsplätze, die häufig mit Arbeitskräften aus der EU besetzt werden. In einer neuen Studie im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) heisst es: «Der Rückgang der Unternehmenssteuerbelastung ist relevant, da Senkungen von Unternehmenssteuern gemäss der Forschung relativ grosse, positive Beschäftigungseffekte auslösen.»Die SVP, Urheberin der 10-Millionen-Initiative, trägt diese Standortpolitik mit. «Die internationale Wettbewerbsfähigkeit unseres Steuersystems ist ein grosser Standortvorteil», steht im Parteiprogramm der Volkspartei.«Tax holidays» für Auserwählte«Tax holidays» sind teilweise oder vollständige Steuererlasse für mehrere Jahre, die ausgewählten Unternehmen gewährt werden. Auf Bundesebene sind solche steuerlichen Sonderbehandlungen selten und nur in genau definierten, strukturschwachen Regionen möglich. In den Kantonen ist dies anders. «Dort kommen ‹tax holidays› deutlich häufiger vor», sagt Olivier Eichenberger, Experte für Unternehmenssteuern bei KPMG.Verbreitet seien solche «Steuerferien» vor allem in der Westschweiz sowie in eher ländlichen Kantonen. In Zentren wie Genf, Zug oder Zürich weniger. Die Ausgestaltung ist in jedem Kanton anders. Grundlage für die Praxis ist aber das nationale Steuerharmonisierungsgesetz aus dem Jahr 1990, in dem festgehalten ist: «Die Kantone können (. . .) für Unternehmen, die neu eröffnet werden und dem wirtschaftlichen Interesse des Kantons dienen, für das Gründungsjahr und die neun folgenden Jahre Steuererleichterungen vorsehen.»Der breiten Öffentlichkeit ist dieses Instrument der Schweizer Standortpolitik kaum bekannt. Der Grund: Fast alle Kantone halten unter Verschluss, wie oft, wem und in welchem Umfang sie Steuerrabatte oder Steuererlasse gewähren. Auch der Bund verfügt über keine entsprechenden Zahlen, wie das Eidgenössische Finanzdepartement auf Anfrage mitteilt.Die USA schaffen TransparenzWer einen Einblick erhalten will in die kantonalen Steuerdeals, ist auf das Ausland angewiesen – genauer gesagt auf die USA. Unternehmen, die der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde SEC unterstehen, müssen jährlich einen Bericht vorlegen, der deutlich detaillierter ist als klassische Geschäftsberichte. Dabei müssen sie auch offenlegen, wenn sie irgendwo auf der Welt einen Steuerrabatt erhalten.Eine Analyse dieser SEC-Berichte zeigt, dass dies in der Schweiz regelmässig vorkommt. Der amerikanische Pharmakonzern Merck Sharp & Dohme (MSD) zum Beispiel rapportierte im Februar 2026 eine «additional tax holiday» im Kanton Luzern: «Das Unternehmen geniesst in der Schweiz eine zusätzliche kantonale Steuerbefreiung, die eine Reduktion des Steuersatzes gewährt und bis 2032 gültig ist.»Das amerikanische Biotechunternehmen Neurocrine Biosciences meldete der SEC, dass der Schweizer Tochtergesellschaft Neurocrine im Kanton Basel-Landschaft im August 2025 ein «cantonal tax relief» gewährt worden sei: «Die Steuererleichterung gilt für einen Zeitraum von zehn Steuerjahren, beginnend mit dem Steuerjahr 2024 bis 2033.»Ähnliche Beispiele finden sich für die Kantone Aargau, Bern, Schaffhausen und Waadt. Das gesamte Ausmass der kantonalen «tax holidays» lässt sich aus den SEC-Berichten allerdings nicht ableiten. Denn Offenlegungspflichten bestehen nur für grosse amerikanische Konzerne, die der amerikanischen Börsenaufsicht unterstehen. Auf kleinere, nicht kotierte amerikanische Firmen sowie auf europäische und asiatische Unternehmen trifft das in der Regel nicht zu.Dealmaking hinter verschlossenen TürenDie betroffenen Kantone betonen allesamt, dass die gewährten Steuererleichterungen im Einklang mit den kantonalen Steuergesetzen stünden. Zu Einzelfällen und zur Gesamtzahl der Steuererleichterungen wollen sie sich nicht äussern. Einzig Basel-Landschaft teilt auf Nachfrage mit, der Regierungsrat habe zwischen 2016 und 2025 «weniger als dreissig Gesuche» bewilligt.Andere Kantone schweigen zur Zahl der «tax holidays» und begründen dies mit dem Steuergeheimnis sowie dem Standortwettbewerb. «Die Bekanntgabe summarischer oder einzelner Aspekte würde die praktische Förderstrategie offenlegen, was nachteilig wäre», schreibt etwa das Amt für Wirtschaft des Kantons Bern. Für die Berner dürften Steuererleichterungen für einzelne Firmen besonders wichtig sein, da sie mit 20,5 Prozent den höchsten Gewinnsteuersatz aller Kantone haben.Der Wettbewerb um Unternehmen ist intensiv. Hinter den Kulissen verhandeln Firmen mit Kantonsregierungen über den besten Deal. Dabei werden Angebote der Kantone teilweise auch gegeneinander ausgespielt, wie Insider berichten. Eine zentrale Rolle spielen die kantonalen Wirtschaftsförderungen. «Sie werben um ausländische Firmen und bringen dabei auch steuerliche Argumente ins Spiel», sagt Eichenberger von KPMG.Das Ziel der Steuererleichterungen ist die Ansiedelung profitabler Firmen, die attraktive Arbeitsplätze schaffen. «Dabei müssen die Unternehmen einen Businessplan vorlegen und umsetzen», sagt Eichenberger. Andernfalls seien auch Rückerstattungsforderungen möglich.«Cantonal tax relief» für die Neurocrine Switzerland GmbH im Kanton Baselland.Quelle: sec.govUngleichbehandlung ist «ein politischer Entscheid»Der Vorteil von «tax holidays» liegt im neuen Steuersubstrat, das langfristig allen Steuerzahlern zugutekommt. Gleichzeitig entsteht eine steuerliche Ungleichbehandlung gegenüber anderen, insbesondere gegenüber einheimischen Unternehmen – vergleichbar mit der Pauschalbesteuerung von reichen Ausländern.Im Gegensatz zur Pauschalbesteuerung sind Schweizer Firmen von «tax holidays» allerdings nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Pascal Bühler, Leiter Steuerpolitik bei PwC Schweiz, sagt zwar, dass meist ausländische Firmen, die in die Schweiz geholt werden sollen, solche Erleichterungen erhielten. Grundsätzlich könnten aber auch Schweizer Unternehmen «tax holidays» beantragen. «Voraussetzung ist, dass sie eine wesentliche Tätigkeitsänderung vornehmen.»Wie oft Schweizer Firmen in den Genuss von Steuererleichterungen kommen, lässt sich noch schlechter abschätzen als bei ausländischen Firmen. «Eine Garantie besteht jedoch nicht», stellt Bühler klar. Am Ende entscheide meist der Regierungsrat. Das sei «ein politischer Entscheid», begleitet von Verhandlungen über die genaue Ausgestaltung der Steuererleichterung.«Mitarbeiter in die Schweiz versetzt»In letzter Zeit hat sich das Umfeld für «tax holidays» jedoch verkompliziert. Grund ist die OECD-Mindeststeuer, die die Schweiz schrittweise einführt. Sie verlangt, dass Konzerne mit über 750 Millionen Euro Umsatz mindestens 15 Prozent Steuern zahlen. Liegt ein Standort darunter, wird die Differenz über eine Ergänzungssteuer in einem anderen Land erhoben.Vor allem in Tiefsteuerkantonen, die nahe an der 15-Prozent-Grenze liegen, verlieren Steuererleichterungen für Grosskonzerne damit an Bedeutung. «Viele Kantone stellen deshalb von Steuerrabatten auf andere Massnahmen wie Subventionen um», sagt der KPMG-Experte Eichenberger. Um attraktiv zu bleiben, setzen Kantone wie Basel-Stadt, Graubünden, Luzern, Schaffhausen und Zug auf Förderbeiträge, erstattungsfähige Steuergutschriften, Forschungszuschüsse oder Prämien pro eingesparte Tonne CO2.In einigen SEC-Berichten finden sich bereits Hinweise auf solche Instrumente. Aptiv PLC, einer der weltweit grössten Zulieferer für Automobiltechnologie, verlegte 2025 seinen Steuersitz von Irland nach Schaffhausen. Begründet wurde dies unter anderem mit «erhöhten Umsiedlungsanreizen», die der Kanton Schaffhausen offeriert habe.Zudem hält der Grosskonzern in seinem Bericht an die amerikanische Börsenaufsicht fest, man habe im Zuge der Umsiedlung «bestimmte Mitarbeiter in die Schweiz versetzt und zusätzliche Mitarbeiter in der Schweiz eingestellt». Es ist anzunehmen, dass zumindest ein Teil dieser Mitarbeitenden in der EU rekrutiert werden musste.«Erhöhte Umsiedelungsanreize» für den Automobilzulieferer Aptiv PLC im Kanton Schaffhausen.Quelle: sec.govEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
«Tax holidays», Subventionen und die 10-Millionen-Schweiz: So fördern Kantone Firmenansiedelungen – und die Zuwanderung
Hinter verschlossenen Rathaustüren befreien die Kantonsregierungen ausgewählte Konzerne von den Steuern. Das Ziel: zusätzliche Arbeitsplätze. Dokumente aus den USA geben Einblick in das intransparente Geflecht staatlicher Wirtschaftsförderung.







