Thomas Müller nennt ihn die «Bärenmutter» – wie Rudi Völler vor dem WM-Spiel gegen Côte d’Ivoire für Ruhe ums deutsche Team sorgtDer Weltmeister von 1990 hat eine besondere Rolle in der Nationalmannschaft. Vielleicht sogar die wichtigste.Stefan Osterhaus, New York20.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenLeutselig, jovial, anpackend: Rudi Völler ist ein Glücksfall für den DFB.Marvin Ibo Guengoer / GettyManchmal ist es nötig, eine Position mit einer Person zu besetzen. Es kann aber auch das Umgekehrte der Fall sein – so wie bei Rudi Völler, dem Direktor der deutschen Fussballnationalmannschaft. Zwar gab es im Deutschen Fussballbund (DFB) schon Direktoren, aber der Posten, den Völler einnimmt, ist auf ihn zugeschnitten worden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine strategische Aufgabe hat Völler nicht, wohl aber eine hochgradig taktische. Es gibt Leute, die sagen, er sei der wichtigste Mann im Tross des DFB hier bei dieser Weltmeisterschaft.Leutselig, anpackendDas liegt zum einen daran, dass Rudi Völler ein bekannter Mann ist, nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland. Ein Typ, obschon das Haar schütterer geworden ist, der einwandfrei als derjenige zu identifizieren ist, der er früher einmal war: leutselig, jovial, anpackend. So präsentiert sich Völler bei der Fussball-WM, deren Spielplan die Deutschen am Samstag nach Toronto gegen Côte d’Ivoire führt.Im Deutschen Haus, einer Einrichtung des Deutschen Fussballbundes in Manhattan, liess er sich Anfang der Woche blicken. 400 Fans waren gekommen, als Völler Bier zapfend auftrat und dabei ein wenig wirkte wie ein Münchner Oberbürgermeister, der zum Oktoberfest den Zapfhahn ins Fass treibt – ein überschaubares Publikum für jemanden wie ihn, der früher zuverlässig von Millionen gefeiert wurde. Aber auch hier, in New York, galt die alte Regel: «Es gibt nur einen Rudi Völler.»Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenVöller verfügt über ein Kapital, das nur wenige andere bei dieser Weltmeisterschaft haben: Das Nähkästchen ist prall gefüllt mit Anekdoten, mit Erinnerungen aus seiner Zeit als Spieler, aber auch als Trainer. Weil Völler beides auf höchstem Niveau ausübte, wird er ernst genommen, eine Autorität, die man nicht so leicht anzweifelt. Geht es um das Aztekenstadion in Mexiko, ist für Völler klar: Es ist das schönste der Welt.Noch heute kann er sich bestens daran erinnern, wie es war, als er 1986 im Finale gegen Argentinien per Kopfball traf: «als wäre es gestern gewesen». Dabei muss er gar nicht erzählen, dass er als Fussballer die Welt gesehen hat; danach wird ja ohnehin oft genug gefragt. Er ist der ideale Mann für die USA-Mission, denn er war schon 1994 dabei, als die Mannschaft in den Viertelfinal einzog oder besser: darin als WM-Favorit gegen Bulgarien sensationell scheiterte.Die Erinnerung daran ist ebenso lebendig wie an die TV-Bilder der hitzigen Verfolgungsjagd nach O. J. Simpson, dem ehemaligen Footballspieler, der später des Mordes an seiner Ehefrau angeklagt wurde: «Für uns Europäer», sagt Völler, «ist das schon ein bisschen komisch gewesen.»Der Chefdiplomat des DFBAllerdings ist Völler mehr als ein Onkel der Anekdoten. Für das Team nimmt er eine enorm wichtige Rolle ein. Prellbock, Blitzableiter, Moderator: All das ist Rudi Völler, wenn er öffentlich auftritt, wenn es darum geht, Dinge von der Mannschaft fernzuhalten, die sie beeinträchtigen könnten.Als er zum ersten Mal vor Sportjournalisten im Quartier der deutschen Mannschaft erschien, waren Fragen nach der politischen Situation in den USA fast unvermeidbar. Vor allem ging es um die Situation des somalischen Schiedsrichters Omar Artan, dem die Einreise verweigert worden war – wegen mutmasslicher Kontakte zu einer Terrormiliz. «Ich hätte es auch gerne anders gehabt. Das ist nicht schön.» So kommentierte Völler die verweigerte Einreise: «Schade, aber wir können da nichts machen.»Zwar verbreitete die Deutsche Presse-Agentur die Meldung, wonach Rudi Völler die Situation verurteile. Das war allerdings keineswegs der Fall: Völler hat lediglich sein Bedauern formuliert. Auch wenn eine solche Auslegung mangelnden hermeneutischen Fähigkeiten geschuldet ist, zeigt sich, dass Völler über die Gabe verfügt, Menschen ihre Ansicht zu bestätigen, ohne dies ausdrücklich zu tun. Seine Rolle entspricht der des Chefdiplomaten des DFB.Völler hätte keineswegs gemusst, aber er sagte gern zu, als er 2023 vom DFB angefragt wurde. Da lag das Scheitern bei der Weltmeisterschaft nicht einmal zwei Monate zurück, die Umstände, unter denen das deutsche Team mit dem Trainer Hansi Flick havarierte, waren keineswegs ideal.Den Anspruch deutscher Politiker, das Team solle an der Weltmeisterschaft eine Haltung vertreten, wollte dieses erfüllen, obschon der Atmosphäre das nicht guttat. Völlers Aufgabe ist auch die, die Mannschaft vor solchen Übergriffen zu schützen, mögen diese auch aus dem eigenen Verband kommen, der sich gern in der Rolle eines gesellschaftspolitischen Gestalters sieht.Völler pariert den Angriff auf Trainer NagelsmannAllerdings muss er in dieser Funktion manchmal auch deutlich werden. Jüngst musste sich Völler in einer heiklen Angelegenheit einschalten, die für einmal gar nichts mit politischen Zwängen zu tun hatte.Es ging um die Experten Thomas Müller und Jürgen Klopp, die auf dem Kanal Magenta TV die Weltmeisterschaft kommentieren. Klopp, ehemals Trainer beim BVB und beim FC Liverpool, heute sogenannter Head of Soccer im RB-Konzern, hatte sich gönnerhaft über den deutschen Nationaltrainer Julian Nagelsmann geäussert. Gott sei Dank müssten Müller und er die Mannschaft nicht aufstellen, «noch» mache das Julian Nagelsmann, und er wiederholte: «noch».Eine solche Aussage ist ein unverhohlener Angriff auf den Trainer, zumal Klopp Ambitionen nachgesagt werden, das Amt selbst zu übernehmen, da es den Anschein hat, dass seine Tätigkeit für RB auch ein gut bezahltes Sabbatical sein könnte.Völler liess sich nicht beirren, er beschied dem Experten, «mehr für die Komik zuständig» zu sein. Und er doppelte, an Müller gewandt, nach: «Ich glaube, egal was du machst, Thomas, du brauchst einen kleinen Trainerschein, um ein bisschen mehr zu verstehen. Wir haben ja alle das Gefühl, wir wissen alles im Fussball, wenn man lange dabei ist.»In Völler hat Julian Nagelsmann nicht nur einen Ratgeber, sondern auch einen Beschützer.Alexander Hassenstein / GettyDas sass. Völler stellte in Aussicht, er wolle sich mit den beiden Unterhaltungskünstlern einmal zusammensetzen, da die Mannschaft hoffentlich noch lange im Turnier bleiben werde.Klopp und Müller wirkten in ihren Rentnerjäckchen seltsam kleinlaut. Erst mit Verzögerung reagierte Müller, allerdings auf eine reflektierte Weise: «Sein Verteidigen des DFB-Teams, das fand ich eigentlich gut von ihm in seiner Rolle, dass er das mit den Komikern angemerkt hat. Das ist genau seine Aufgabe, das Gesamtgebilde zu schützen.» Man merkt ihm an, dass eine Menge Respekt im Spiel ist, wenn Völler auftritt.Schliesslich ist er nicht irgendein Funktionär, auch kein Trainer, der gerade einmal einen einzigen Titel mit dem FC Bayern gewonnen hat. Weltmeister, Champions-League-Sieger, WM-Finalist – und nebenbei, in den Zeiten, als er als Spieler und Trainer aktiv war, gewiss einer der populärsten Deutschen. «Ein Volk von Rudisten» nannte die «Süddeutsche Zeitung» die deutschen Fussballfreunde, als Völler in seiner Rolle als Bundestrainer stark bejubelt wurde.Zwar verflog der Zauber, doch Völler hat sich nicht nur mit dem zweiten Platz an der WM 2002 verewigt. Im Jahr darauf setzte er zu seiner berüchtigten «Käse-Scheissdreck-Rede» an, als er dem relativ sprachlosen ARD-Moderator Waldemar Hartmann darlegte, dass die Ansprüche, in einer EM-Qualifikationsgruppe mit Island Tabellenführer zu sein, masslos überzogen seien, und diesem unterstellte, bereits einige Weissbiere getrunken zu haben.Ein Ratgeber und BodyguardEin solcher Moment lebt fort. Für das Bild von Rudi Völler ist er prägender als seine Zeit in Leverkusen als Sportvorstand. Als Hansi Flick im Herbst 2023 als Nationalcoach entlassen wurde, sprang Völler kurzzeitig ein und gewann gegen Frankreich. Es sei doch eine charmante Idee, dass Völler den Job mache, hiess es bald, da der Verband monatelang keinen Trainer fand.Für ein paar Tage schien es möglich, dass er zurückkehrt, «Rudi Nationale», vielleicht der einzige Volkstribun, den der Fussball noch hat. Völler lehnte dankend ab. Zufällig wurde das Dilemma behoben, da Julian Nagelsmann beim FC Bayern entlassen worden war und somit für das Nationalteam zur Verfügung stand.Stattdessen stand Völler gerne für andere Aufgaben bereit, verlängerte seinen Vertrag mit dem DFB sogar, obwohl er eigentlich nach der Europameisterschaft im eigenen Land vor zwei Jahren den Verband verlassen wollte.Sein Wert wird nun offensichtlich: Eine «Bärenmutter» nannte ihn Thomas Müller nach ihrem Disput, ein Bild, das in Müllers kanadischer Wahlheimat Vancouver gebräuchlich ist. In Völler hat Nagelsmann nicht nur einen erfahrenen Ratgeber, sondern auch einen exquisiten Bodyguard, mit dem sich auch Schwergewichte nicht so schnell anlegen.Passend zum Artikel