Elektrisches Mountainbike von Thömus im Test: schneller als ein KleinmotorradDas Overrider ist die Symbiose aus feinen Komponenten und einem Antrieb aus China. Es zeigt, dass die europäische Konkurrenz rasch nachziehen muss.Matthias Pfannmüller19.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenThömus Oberrider.PDVariable Geometrie, beste Komponenten, dazu hochwertige Verarbeitung: Mountainbikes von Thömus sind eine Klasse für sich. Die Baureihe Oberrider, Jahrgang 2026, die seit Ende Mai bei den Händlern steht, ändert nichts daran, bietet aber erstmals einen E-Motor. Der hat sehr viel Kraft und damit das Zeug, die Pedelec-Szene in ihren Grundfesten zu erschüttern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.AusstattungAngeboten werden die Rahmengrössen S, M, L und XL in den Farben Rot, Silber, Schwarz oder Lavendel, und das jeweils in zwei Varianten: das Oberrider SL (für «Superlight») als alpiner Allrounder mit bis zu 150 Millimetern Federweg sowie als Enduro-Modell Oberrider ST («Supertrail») mit üppigen 170 Millimetern Federweg vorne und hinten.Beide Bikes verfügen über einen Karbonrahmen, der von Thömus mithilfe von Kundendaten entwickelt wurde, in China gefertigt wird und weniger als zwei Kilogramm wiegt. Dazu gehört die hoch angelenkte «High Pivot»-Schwinge, deren Federung einen versetzbaren Anlenkpunkt aufweist. Das hat den Vorteil, dass sie unter dem stehenden Dämpfer an Fahrstil und -können angepasst werden kann. Neben der entfernbaren Sattelstreben-Brücke bietet der Gabelkopf vier unterschiedliche Reach- sowie Lenkwinkel und ermöglicht damit viel Feintuning.In der Basisversion wird das günstigere Oberrider SL mit einem Fahrwerk von SR Suntour sowie einer Shimano-Cues-Schaltgruppe, Deore-Scheibenbremsen und THO-Laufrädern von DT Swiss (wahlweise 27,5 oder 29 Zoll) ausgeliefert. Dazu gibt es einen Alu-Lenker, Sättel von Selle Italia, Schwalbe-Reifen und eine Auswahl an absenkbaren Sattelstützen. Mit an Bord ist ein nahe der Hinterradnabe in die Schwinge integriertes Rücklicht. Der Frontscheinwerfer ist dagegen optional. Denn trotz aller Variabilität ist das Oberrider als reines Sportgerät konzipiert: Seitenständer, Gepäckträger oder feste Schutzbleche sind werkseitig ebenfalls nicht vorgesehen.Kombiniert wird das Paket mit dem neuen Elektromotor Avinox M2S von DJI. Der chinesische Drohnenproduzent stieg 2024 ins E-Bike-Geschäft ein. Er bietet die derzeit leistungsstärksten E-Antriebe in diesem Segment, dazu modernste Peripheriegeräte einschliesslich integriertem Farb-Touchscreen und funktionsreicher App. Gespeist wird das System von Batterien mit 600 oder 800 Wattstunden, die jeweils fest verbaut sind. Auch ein 12A-Ladegerät gehört zum Lieferumfang.Die Preise für das Oberrider beginnen bei 5500 Franken. Unser Testvelo Modell SL war mit einem integrierten Monocoque-Lenker aus eigener Entwicklung, Ergon-Griffen, Sattel von Selle San Marco, elektronischem Schaltwerk, «DT Swiss HXC 1200»-Laufrädern (29 Zoll), Schwalbe-Albert-Gravity-Reifen sowie einer «Rockshox Reverb AXS»-Sattelstütze ausgestattet und doppelt so teuer wie mit Basisausstattung.VerarbeitungDas Thömus Oberrider ist akkurat zusammengebaut, abgesehen von den noch nicht perfekt passenden Motorverkleidungen des Vorserienmodells. Sattelstütze oder Display fügen sich elegant ein, auch die weitgehend innen verlegten Kabel überzeugen. Auf das hochklassige E-MTB gibt es 24 Monate Garantie, auf fünf Jahre verlängerbar (250 Franken). Einziger Kritikpunkt: Der Ladekabelanschluss im Sattelrohr direkt oberhalb des Motors ist etwas unpraktisch platziert.FahreindruckWer erstmals einen Avinox-Antrieb fährt und dabei gleich den Turbo-Modus wählt, könnte erschrecken: Die Kraftabgabe in den unteren Gängen ist vehement. Sie markiert freilich die Leistungsspitze, die man nicht immer abrufen muss. Doch auch in den darunter angeordneten Fahrmodi Eco, Trail oder Auto (anwählbar über eine Wippe am linken Griff) fühlt sich das Oberrider souverän an, weil die jeweilige Unterstützung seidenweich und vergleichsweise leise serviert wird.Besonders die Automatik gefällt: Ihre Sensorik misst den Bedarf besser als jeder andere Antrieb, den wir bisher getestet haben. Das Ergebnis ist passender Schub in allen Fahrsituationen. An einem Hang mit 15 Prozent Steigung, den wir normalerweise mit rund 12 km/h erklimmen, lässt man jetzt Kleinmotorräder hinter sich, freilich nur mit Körpereinsatz: Ohne Treten geht auch beim ersten elektrischen Oberrider gar nichts, aber man ist wahlweise deutlich schneller unterwegs als mit anderen E-MTB dieser Gewichtsklasse.Der Antrieb entwickelt dabei so viel Druck, dass das kleinere Drehmoment der 16er-Pedalkurbeln gar nicht auffällt. Sogar die steinig-steile Downhill-Passage unserer Normrunde fuhren wir — weit nach vorne gebeugt — erstmals bergauf.Trotz solchen Darbietungen ermöglichen 800 Wh Batteriekapazität und der vergleichsweise sparsame Motor stattliche Reichweiten. Thömus spricht von maximal 157 km im Eco-Modus, und unser Durchschnittsverbrauch lässt diese Angabe realistisch erscheinen.Gegenüber der Werksangabe von 19,5 kg (mit 600-Wh-Akku) war unser Oberrider rund drei Kilogramm schwerer. Bei der Fahrt spürt man das nicht: Das Bike verhält sich äusserst spurstabil, ohne dabei träge zu wirken. Das sorgt schnell für Vertrauen, zumal eine Kettenumlenkung den Komfort spürbar unterstützt.Die Verzögerung ist auch bei längerem Bremsen sehr gut, die teuren Maven-Bremsen sind derweil Geschmackssache: Ein preiswerteres Produkt wäre nicht unbedingt schlechter. Und dass die Vollfederung bei unserem Exemplar auf unebenen Äckern eher harsch reagierte, schreiben wir nicht der Hardware, sondern der noch nicht ganz passenden Abstimmung des Vorserien-Velos zu.Die erwähnte Schwalbe-Bereifung (vorne Ultra Soft, hinten Soft) ist auf bergigen Trails allerdings nicht griffig genug, aber das ist eine (schnell austauschbare) Bagatelle. Allgemein ergibt es bei den auf den Antriebsstrang einwirkenden Kräften Sinn, die Schaltung regelmässig nachzujustieren (beim SRAM T-Type funktioniert das elektronisch per «micro adjust»).Einmal passend eingestellt, ist das Oberrider ein überzeugendes Gerät, das ausgedehnte Touren ermöglicht und von dem man als passionierter Mountainbiker nicht genug bekommen kann. Wir haben es in zwei Wochen über 300 km bewegt und dabei erkannt: Mehr Power erweitert die Einsatzmöglichkeiten und damit auch die Bereitschaft, öfter aufs Velo zu steigen. Dieses hier wirkt herrlich durchdacht, und auch die Anfahrhilfe am Berg agiert wunderbar, ohne dass man etwas drücken muss, und natürlich gibt es auch eine Unterstützung beim Schieben.Leider ist die Avinox-Einheit in der Schweiz auf 25 km/h limitiert. Bei schnelleren Tempi baut sie beim Bergauffahren einen leichten Tretwiderstand auf. Immerhin setzt der Begrenzer sehr sanft, ja fast unmerklich ein, und im Turbo-Modus wird bis knapp 27 km/h unterstützt. Störender ist, dass der Antrieb konstruktiv bedingt keinen Freilauf aufweist und man ohne Batterieunterstützung nur schlecht vom Fleck kommt.Für einen Touchscreen ist das Infotainment-Display etwas zu klein, doch die Menus (abrufbar per Schaltwippe rechts am Lenker) lassen sich unterschiedlich und immer gut ablesbar darstellen.Richtig üppig wird das Informationsangebot, wenn man die kostenlose Avinox-App einsetzt.Die Angaben in der App reichen von Basisinformationen (Tempo, Akkuzustand, Ladezeit und Reichweite je Modus) über Batterie- und Motortemperaturen, Ladezyklen oder Nutzungsdauer, die teilweise auch grafisch dargestellt werden. Details wie Kettenblatt oder Kassettentyp sind programmierbar. Zudem lassen sich neben den Einheiten auch Assistenzumfang, Drehmoment, Leistung, Motorreaktion, Nachlauf, Anfahrhilfe oder Beschleunigung individuell justieren. Selbst Streckenverläufe können ermittelt, Zubehör wie Beleuchtung oder Kameras aktiviert werden.Das Bike kann in der App auch registriert, wahlweise elektronisch passwortgeschützt und über die App auch geortet werden.Dass alles intuitiv bedienbar ist, liegt am logischen Aufbau und der Interface-Erfahrung von DJI. Demnächst kann der Fahrer das Bike sogar mit einer Drohne koppeln.Das Thömus Oberrider verfügt über einen kräftigen Antrieb aus China.PDFazitKraft, Reichweite, mehr Vielseitigkeit und hoher Spassfaktor — mit dem neuen Oberrider hat Thömus ein Ass im Ärmel, dessen China-Motor alles schlägt, was derzeit auf dem Markt ist. Das zeigt bereits Wirkung: Der Branchenführer Bosch, der Leistungen über 100 Nm bisher ablehnte, rüstet nach und bietet für seine CX- und CXR-Modelle ein kostenloses Upgrade auf 120 Nm sowie einen überfälligen 12A-Quickcharger an.Ob das reicht, wird sich zeigen, denn die Avinox-Flotte umfasst inzwischen schon 60 Hersteller, darunter Atherton, Crestline, Forbidden, Megamo, Panzer, Propain, Raymon, Rotwild oder Velduro. Zudem überzeugt der hervorragende Asia-Antrieb mit einem Kampfpreis: Die Oberrider-Basis gehört zum Besten, was wir im Bereich E-MTB bisher getestet haben, und es wird spannend sein, zu beobachten, wer künftig noch bereit ist, mehr Geld für weniger Leistung zu bezahlen.Velo à la carte: In der Schweiz gingen 2025 die E-Bike-Verkäufe um 12 Prozent gegenüber 2024 zurück. Der Markt bietet aber weiterhin zahlreiche neue Modelle an. Die wichtigsten, innovativsten und spektakulärsten testen wir hier in loser Reihenfolge. Die Produkte werden uns von den Herstellern/Importeuren für die Zeit der Tests zur Verfügung gestellt.Passend zum Artikel