Jetzt muss der Mensch sogar schon vor dummen Sprüchen geschützt werden. Der Zeitgeist hat zur Satire ein gestörtes VerhältnisMit unkorrekten Witzen tut man jemandem Gewalt an – so besagen es steuerfinanzierte Kampagnen. Doch wer Safe Spaces fordert, verkennt, dass sich mit Spott gefährliche Spannungen abbauen lassen.Giuseppe Gracia19.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer Narr darf Tabus brechen und dient als Ventil für aufgestaute Gefühle. Luzerner Fasnacht im Februar 2025.Philipp Schmidli / KeystoneMonty Python, die bekannten Komiker, präsentierten 1969 in ihrer «Flying Circus»-Reihe eine Folge mit dem «tödlichsten Witz der Welt». Darin erfindet ein britischer Komiker einen so perfekten Witz, dass er beim Lesen vor Lachen stirbt; auch seine Mutter bricht beim Lesen tot zusammen. Die britische Armee erkennt das militärische Potenzial, verschlüsselt den Witz in einzelne Wortsegmente, lässt ihn ins Deutsche übersetzen und setzt ihn im Zweiten Weltkrieg als «humoristische Massenvernichtungswaffe» gegen die Wehrmacht ein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass Witze tödlich sein können und Humor ein Akt der Gewalt, das ist heute für gewisse Leute kein Scherz mehr. So präsentiert das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau in Zürich Plakate mit dem Slogan: «Die Witze gehen auf deine Kosten. Immer.» Und darunter: «Auch so beginnt Gewalt.»Die Kampagne mag sich in guter Absicht an Opfer richten, die das erfahren, was beschrieben wird: dass man auf ihre Kosten Witze macht und sie am Ende geschlagen oder misshandelt werden. Doch eine steuerfinanzierte Kampagne, die sich an die Allgemeinheit richtet, in der Mehrheit also gar nicht an Opfer von Gewalt, ist immer auch politisch. In diesem Fall, wie schon bei anderen Diskussionen im Namen von Minderheiten, besteht die Gefahr, dass das Anliegen des Opferschutzes dazu missbraucht wird, die ganze Gesellschaft in moralische Geiselhaft zu nehmen, um so den Korridor des Sagbaren enger zu machen.Die Freiheit von HofnarrenSolche Verengungen passen zu einem woken Zeitgeist, der zu Satire und Ironie grundsätzlich ein gestörtes Verhältnis hat. Eine schamlos unkorrekte und doch akzeptierte Komikertruppe wie die Monty Pythons ist heute nicht mehr denkbar. So wenig wie unbequeme Witze über moralisch aufgeladene Themen wie Migration, Klima oder Gender.Früher hielten sich die Kaiser und Könige einen Hofnarren. Dieser durfte Dinge sagen, die niemand sonst sagen durfte. Der Hofnarr konnte die Tabus seiner Zeit brechen und der feinen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Ab und zu kam es zu geköpften oder erdrosselten Witzbolden, wenn diese zu weit gegangen waren, doch grundsätzlich galt: Der Hofnarr musste nicht heucheln. Er musste nicht vor den geltenden Normen kriechen. Und für das gemeine Volk waren die Hofnarren eine Stimme für tabuisierte Gedanken und Gefühle.Der Konflikt als ZumutungAuch heute gibt es Tabus, nicht nur im Namen der Gewaltprävention. Politiker und Regierungen rufen zunehmend nach Zensur und einem EU-gesteuerten Wahrheitsministerium, um «unsere Demokratie» zu schützen und das Internet von falschen Meinungen und dummen Sprüchen zu reinigen.Zu dieser Stimmung passt auch der Safe Space mit seiner gedanklich-emotionalen Schutzzone für junge Leute. Dahinter steckt eine Weltanschauung, die den Menschen wie eine emotionale Tretmine behandelt: als ein Wesen, das man vor Erschütterungen schützen muss, weil es sonst in die Luft geht.Es ist eine Ideologie, die dem Menschen die Fähigkeit abspricht, sich an der Wirklichkeit zu reiben und dadurch zu reifen. Streit und Konflikt werden als unerträgliche Zumutung betrachtet, nicht als Chance auf Selbstverbesserung durch Resilienz. Vorschnell soll alles in Watte gepackt werden, was sich gefährlich anhört.Doch die verbreitete Annahme, Satire oder böse Witze seien Vorstufen realer Gewalt, ist falsch. Im Gegenteil erlauben es Witze, Spannungen abzubauen. Wer über sich selber lachen kann, läuft weniger Gefahr, die tödliche Ernsthaftigkeit zu entwickeln, die es auf dem Weg zu Hass und Gewalt wirklich braucht. Nicht der Spott ist also gefährlich, sondern der selbstgerechte Ernst, mit dem man versucht, ihn zu beseitigen.Manchmal ist Aggressivsein gutBeim Thema Aggression sind allerdings kaum Differenzierungen erlaubt. Aggression erscheint grundsätzlich als negativ. Das ist lebensfern, denn wenn jemand Aggression abwehrt, um sich selber zu schützen, und deshalb selber aggressiv werden muss, ist das positiv. Negativ wird Aggression erst, wenn sie nicht den Schutz zum Ziel hat, sondern die Zerstörung.Die unrealistische Überhöhung von Harmonie und Friedfertigkeit bei gleichzeitiger Verteufelung der Aggression ist deshalb nicht hilfreich: Menschen erfahren nur dann Selbstermächtigung und Selbstwirksamkeit, wenn man ihnen erlaubt, sich auch aggressiv zur Wehr zu setzen.Die gegenwärtige Empfindlichkeitskultur ist blind für diese Realität und verwechselt ausserdem Ursache und Wirkung. Sie glaubt, eine «Hassgesellschaft» entstehe dort, wo negative Regungen zugelassen werden. Aber man fördert nicht dadurch Hass, indem man entsprechende Gefühle zulässt, sondern durch deren Pathologisierung. Sprachpolizei und Witzverbot sind keine Zeichen des Fortschritts, sondern des Rückschritts.Das Dunkle gehört zum MenschenDie literarische Figur des Dr. Jekyll und seines Alter Ego Mr. Hyde ist mehr als eine Parabel; sie ist eine Diagnose. Hyde entsteht nicht durch ein Zuviel an Freiheit, sondern durch eine systematische Abspaltung des Menschen in Äusserlichkeit und Innerlichkeit: Das angepasste Gesicht des Dr. Jekyll ist für die Aussenwelt, das Gesicht des unterdrückten Mr. Hyde steht für das Innenleben, das nur in der Nacht aus dem Haus darf, im Nebel der Anonymität. Das viktorianische England, in dem diese Geschichte spielt, ist nicht einfach eine puritanische Epoche, sondern ein Labor der Verdrängung.Wenn heute Hass und Gewalt bekämpft werden, während früher Laster und Sex bekämpft wurden, dann mögen das auf den ersten Blick verschiedene Dinge in verschiedenen Zeiten sein. Aber am Ende läuft beides darauf hinaus, dass man die dunklen, unkontrollierbaren Seiten des Menschen weghaben will. Ganz so, als gehörte das Dunkle nicht zu unserer Grundausstattung. Als könnten Verbote und Schutzräume eine ungefährliche Öffentlichkeit schaffen, ja eine ungefährliche Menschheit.Wer an so etwas nicht glauben kann und auf pragmatische Weise daran interessiert ist, eine möglichst freie Gesellschaft zu bewahren, der sollte solche Gesellschaftsutopien fallenlassen und sich damit bescheiden, dass er immerhin sich selber verbessern kann. Und als überzeugter Liberaler kann er daran glauben, dass Menschen fähig sind, die Wirklichkeit ungefiltert auszuhalten und daran zu wachsen.Passend zum Artikel