KommentarHumor könne eine Form von Gewalt darstellen, mahnt das eidgenössische Gleichstellungsbüro. Das ist nicht zum Lachen.04.06.2026, 17.30 Uhr3 LeseminutenBei Witz die Helpline anrufen: Plakatkampagne des Eidgenössischen Gleichstellungsbüros.NZZAn bester Lage am Central in Zürich hängt ein riesiges Werbeplakat mit rätselhaftem Inhalt. «Die Witze gehen auf deine Kosten. Immer», steht in Grossbuchstaben. Und darunter: «Auch so beginnt Gewalt.» Dazu ist eine Telefonnummer aufgeführt mit dem Aufruf, man solle sich doch «Rat und Hilfe» holen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine Telefonnummer, um Hilfe zu erhalten, wenn jemand einen unpassenden Witz erzählt? Ist das ein Scherz? Im Kleingedruckten ist der Absender aufgeführt: das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau. Kein Amt, das bisher durch Humor aufgefallen wäre.Das Plakat, so zeigt sich, ist Teil einer neuen Gleichstellungskampagne. «Gewalt beginnt früher, als du denkst», heisst es auf der dazugehörigen Website. Als Beispiele für Grenzverletzungen werden genannt: «Ein Witz war für jemanden verletzend und abwertend.» Oder: «Ein anzüglicher Spruch hat jemanden verunsichert.»Nach Warnungen vor dem Rauchen, Alkohol, zuckerhaltigem Essen und dem Velofahren ohne Helm warnt der Staat nun also vor dem Witzeerzählen.Heimlich lachenDamit keine Missverständnisse entstehen: Natürlich gehört es sich nicht, sich über einzelne Menschen oder ganze Gruppen verächtlich zu machen. In solchen Fällen könnte man auch direkt intervenieren oder, besser, den Urhebern selber einen blöden Spruch entgegensetzen, statt – wie vom Gleichstellungsbüro empfohlen – sich beleidigt zu fühlen und eine Helpline anzurufen.Die Kampagne des Gleichstellungsbüros passt in eine Zeit, in der der Humor im Alltag grundsätzlich unter Verdacht geraten ist. Eine scherzhafte Bemerkung in der Arbeitswelt kann gravierende Konsequenzen haben, wenn sie falsch verstanden wird. Also lässt man es lieber sein. Freunden Witze zu erzählen – «Kennst du den?» –, ist aus der Mode geraten. Es könnte sich ja jemand beleidigt fühlen. Die einst populären Blondinen-, Österreicher- oder Opel-Manta-Witze sind fast verschwunden, zumindest im urbanen Milieu. Witzebücher oder der Leserwitz in der Regionalzeitung sind Relikte aus vergangenen Zeiten.Humor gibt es allerdings immer noch, womöglich sogar heftiger und grenzüberschreitender denn je. Aber nicht mehr in erzählter Form, sondern über Memes, also Bildwitze, die in sozialen Netzwerken oder in geschlossenen Whatsapp-Gruppen verbreitet werden. Statt miteinander zu lachen, lacht jeder nur für sich. Meistens heimlich, wenn niemand zusieht. Denn grenzwertige Scherze lustig zu finden, ist mindestens genauso verpönt, wie sie selber zu verbreiten.Die Betroffenen finden es lustigDabei ist kaum etwas so verbindend wie gemeinsames Lachen. Das zeigen auch die Videos des schweizerisch-libanesischen Komikers Hamza Raya. Er spricht auf der Strasse unterschiedliche Menschen an, fragt, woher sie kommen, und macht dann einen rassistischen Witz über ihre Herkunft. Fast immer brechen die Leute in schallendes Gelächter aus, egal, wie derb und deplatziert der Witz war. Am Ende kommt es meistens zu einer Umarmung.Trotzdem muss sich Raya ständig erklären. Er lache gemeinsam mit Schwarzen und anderen Arabern, sagte er kürzlich, dann kämen Weisse, «die überhaupt nicht involviert sind in dieser Sache, und wollen uns bevormunden und sagen, dass das nicht geht».Ähnlich ist es bei Mario Barth, dem wohl erfolgreichsten Komiker Deutschlands. Seit 25 Jahren füllt er die grossen Sportarenen mit Witzen über Männer und Frauen. Und seit 25 Jahren werfen ihm wohlfeile Kritiker vor, seine Pointen seien klischeehaft und frauenfeindlich. Bloss, und das sieht jeder, der schon einmal eine seiner Shows besucht hat: Sein Publikum besteht mehrheitlich aus Frauen. Und jene Männer, die da sind, wurden oft von ihren Frauen oder Freundinnen eingeladen. Miteinander zu lachen, auch über die Geschlechter, ist wahrscheinlich die wirksamste Gewaltprävention.In diesem Sinne hätte der Bund das Geld für eine sinnvollere Kampagne ausgeben können: eine gegen die grassierende Humorlosigkeit.
Kein Witz: Der Bund lanciert eine Kampagne gegen das Witzemachen
Humor könne eine Form von Gewalt darstellen, mahnt das eidgenössische Gleichstellungsbüro.







