KommentarKomiker werden wegen unliebsamer Aussagen vor Gericht gezerrt oder müssen eine mediale Empörungswelle über sich ergehen lassen. Einige halten dagegen. Zum Glück.02.07.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenVor zwei Wochen war Schaffhausen Schauplatz eines skurrilen Gerichtsprozesses. Auf der Anklagebank sass der Satiriker und Influencer Mirco Casorelli, der unter dem Namen Bireweich Hunderttausende in sozialen Netzwerken zum Lachen bringt. Der Schweizerische Fussballverband hatte gegen ihn wegen «Diskriminierung» und «Aufruf zu Hass» Strafanzeige erstattet. Dies, weil er auf satirische Weise über Spieler der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft herzog, die die Landeshymne nicht mitsingen. In der Regel waren das die Spieler mit Migrationshintergrund.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Absurde an der Klage: Casorelli machte sich mit seinen überdrehten Videos gar nicht über die Fussballer lustig, sondern parodierte auf überdrehte Weise jene Schweizer, die sich tatsächlich ständig über die Nationalspieler mit Migrationshintergrund echauffieren, die wegen ihrer Singverweigerung keine echten Schweizer seien.Casorelli machte den Gerichtssaal zu seiner Showbühne. Schon Wochen vorher hatte er seine Follower dazu aufgerufen, zur Verhandlung zu kommen. Der aus Kamerun stammende Komiker Rush junior und der Basler Rechtsaussen-Skandalpolitiker Eric Weber hielten Schilder in die Höhe mit der Aufschrift «Free Bireweich. Satire ist kein Verbrechen». Als im Gerichtssaal laut vorgelesen wurde, was Bireweich als «Hetze» angelastet wird – Aussagen wie «Schachtelgrinde», «gfürchige Gestalt» – ertönte von den Zuschauerrängen lautes Gelächter.Der Prozess endete in einem Freispruch. Eine Blamage für den Schweizerischen Fussballverband und für den Staatsanwalt, der Bireweich ursprünglich per Strafbefehl zu einer bedingten Geldstrafe von 10 800 Franken und einer Busse von 2700 Franken verurteilt hatte. Der Staatsanwalt will es allerdings nicht dabei bewenden lassen und hat Berufung eingelegt.Lachen als SündeUmberto Eco machte in seinem Historienroman «Der Name der Rose» den Kulturkrieg um den Humor zum Thema. Am Ende kommt es zum Streitgespräch zwischen dem Franziskaner William von Baskerville und dem verbiesterten Benediktinermönch Jorge von Burgos, der für die Unterdrückung des Humors sogar tötete.Von Burgos bezeichnet die Furcht als «vielleicht wohltätigste und gnädigste aller Gaben Gottes» – und die werde durch das Lachen sabotiert. Das Gesetz verschaffe sich «Geltung mithilfe der Angst, deren wahrer Kern die Gottesfurcht ist». Deshalb findet er: «Wenn das Lachen die Kurzweil des niederen Volkes ist, so muss die Freiheit des niederen Volkes in engen Grenzen gehalten, muss erniedrigt und eingeschüchtert werden durch Ernst.»Von Baskerville reagiert empört: «Ich hasse dich, Jorge von Burgos, und wenn ich könnte, würde ich dich hinunterführen und über den Hof treiben, nackt ausgezogen, ein paar Hahnenfedern im Hintern und das Gesicht bemalt wie ein Narr und Hanswurst, damit alle im Kloster über dich lachen und keine Angst mehr haben.»Die beiden Mönche verkörpern den Gegensatz zwischen Freiheit und Zwang, Genuss und Askese, einem aufgeklärten Weltbild und tiefstem Mittelalter.Der Druck wirktWer glaubt, wir hätten diesen Streit längst hinter uns gelassen, zumindest in der westlichen Welt, täuscht sich. Am 15. Juni wurde in der polnischen Kleinstadt Biala Podlaska der russische Karikaturist und Künstler Semjon Skrepezki aus nächster Nähe erschossen. Drei Tage zuvor, am russischen Nationalfeiertag, hatte er noch in einer grotesken Verkleidung und mit einer Karikatur Putins in der Hand vor der russischen Botschaft in Berlin gegen die Politik in seinem Heimatland protestiert.Laut Fachleuten dürfte der russische Geheimdienst hinter dem Attentat stecken. Skrepezki ist ein vehementer Regimekritiker, seit fünf Jahren lebte er in Polen im Exil. Eineinhalb Stunden vor seinem Tod teilte der Künstler auf Telegram eine Drohung, die er eben erhalten hatte. Es war Skrepezkis letztes Lebenszeichen.Als 2005 die dänische Zeitung «Jyllands-Posten» 2005 zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlichte, kam es weltweit zu Protesten mit rund 250 Toten. Zahlreiche muslimische Länder setzten Dänemark diplomatisch unter Druck. Die Karikaturisten mussten um ihr Leben fürchten. Spätestens, seit islamistische Terroristen bei der französischen Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» 2015 ein Massaker anrichteten, ist für Humoristen auch in freien Ländern klar: Gewisse Witze lässt man lieber sein.Doch auch bei anderen Themen besteht in demokratischen Ländern mittlerweile ein gewisser Druck, wenn auch auf subtilere Art. Wer sich als politischer Satiriker zu weit vom Mainstream entfernt, wird Mühe haben, bei SRF oder auf subventionierten Kleinkunstbühnen eine Auftrittsmöglichkeit zu erhalten. Wer hingegen brav die Gendersprache benutzt, auf alle möglichen Befindlichkeiten Rücksicht nimmt, sich von allem distanziert, was nicht der Norm entspricht, der hat seinen Platz in einer SRF-Satiresendung fast schon auf sicher.Der Hund und sein GenitalbereichDer Hang zur Risikominimierung ist im Westen zum grössten Humorkiller geworden. Das gilt sowohl inhaltlich – ja nichts sagen, was jemanden beleidigen oder einen Proteststurm auslösen könnte – als auch technisch-regulatorisch. Der Schauspieler und Komiker Mike Müller legte kürzlich in der NZZ dar, welch absurde Vorschriften ihm das Veterinäramt machte, damit er mit seinem Hund auf die Bühne darf. «Das Ablecken des Gesichts eines Darstellers durch den Hund ist zu unterlassen», wurde ihm vom Amt mitgeteilt. Oder: «Es ist sicherzustellen, dass der Hund nicht im Perianal- und Genitalbereich berührt bzw. keine Berührungen in den Regionen angedeutet oder benannt werden.»Der zweite Punkt wurde deshalb aufgenommen, weil im ursprünglichen Stücktext eine Figur über eine Berührung der Genitalien spricht, allerdings ohne die Absicht, diese auch auszuführen. Die Stelle musste gestrichen werden. Bei einem Verstoss drohe eine Strafanzeige «wegen Ungehorsams gegen eine amtliche Verfügung», schrieb das Veterinäramt. Also liess man diese Stelle weg.Auf Nachfrage des «Tages-Anzeigers» sagte Müller, die Schweiz ersticke «an einer Vollkaskomentalität – in der absurden Illusion, man könne sich gegen absolut alles im Leben absichern».Dass ein Amt derart stark eingreift wie im Fall Mike Müller, dürfte ein Ausreisser sein. Das grössere Problem ist, dass die Menschen schon so sehr verinnerlicht haben, was man noch sagen und vor allem, was man nicht mehr sagen soll, dass sie sich von alleine zurückhalten. In gewissen Fällen ist das gut begründet – einen Witz über Mohammed zu machen, ist niemandem empfohlen, der fortan nicht unter Polizeischutz leben möchte –, doch oft ist es allein schon die Angst vor unbequemen Reaktionen oder dass man Applaus von der falschen Seite vermeiden möchte, was die Menschen als Cancel-Culture empfinden.Wenn wie kürzlich der deutsche TV-Kabarettist Dieter Nuhr wegen eines aus dem Kontext gerissenen Satzes zu Femiziden tagelang dem Furor pseudoempörter Kommentatoren in Zeitungen ausgesetzt ist, so muss man sich nicht wundern, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, man dürfe nicht mehr alles sagen.Wider die HumorwächterDoch es gibt auch eine Gegentendenz. Häufig sind es Komiker mit Migrationshintergrund, die nicht in etablierte (Subventions-)Strukturen eingebettet sind und damit auch nichts zu verlieren haben, die sich dem lähmenden Korrektheitswahn widersetzen. «Die Linken bereiten uns Schwarzen mehr Probleme», sagte kürzlich zum Beispiel der kamerunisch-schweizerische Komiker Rash Junior «Sie tun so, als wollten sie uns helfen, aber sie machen uns immer zum Opfer. Sie wollen, dass wir Opfer spielen.» Dass jeder nicht genehme Witz gleich als Rassismus oder Sexismus abgetan wird, ist vielen von ihnen unverständlich. Der libanesisch-schweizerische Komiker Hamza Raya hat sogar ein Video-Format, in dem er gemeinsam mit Betroffenen rassistische Witze erzählt.Doch auch er steht im Visier der Humorwächter. Kürzlich wurde gegen Raya in Deutschland Anzeige erstattet. Da es sich bei einem mutmasslichen Verstoss gegen die Rassismus-Strafnorm um ein Offizialdelikt handelt, ermittelt nun auch die Zürcher Staatsanwaltschaft. Beanstandet wird ein Video unter dem Titel «Jude vs. Araber», einem heiteren Wettstreit zwischen Raya und Sam Friedman, wer den derberen Witz über die andere Volksgruppe macht.Hamza Raya lässt sich davon nicht einschüchtern. Dies ist die richtige Strategie gegen die vielen geistigen Nachkommen von Jorge von Burgos: die Sache erst recht durchziehen, statt über Cancel-Culture zu jammern. Oder wie es Mirco Casorelli gemacht hat: Er und seine Mitstreiter haben den Prozess mit ihren Aktionen vor und innerhalb des Gerichtssaals ad absurdum geführt. «Dies ist eine Gerichtsverhandlung und kein Zirkus!», mahnte die Richterin während der Verhandlung. Im Grunde ist es eben doch einer.Passend zum Artikel
Angriffe auf Dieter Nuhr und Influencer Bireweich: Die Pandemie der Humorlosigkeit
Komiker werden wegen unliebsamer Aussagen vor Gericht gezerrt oder müssen eine mediale Empörungswelle über sich ergehen lassen. Einige halten dagegen.















