Der Witz als Waffe – und warum er ausgerechnet auf Youtube ein Revival erlebtDass Trump in seiner zweiten Amtszeit plötzlich Comedians absetzt, ist ein Alarmzeichen. Denn Humor ist immer ein Gradmesser für Demokratie.14.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenStephen Colbert brachte mit seiner Show Menschen zum Lachen und zum Nachdenken. Nicht nur Drew Barrymore (im Bild) liebt ihn dafür.Scott Kowalchyk / CBS / GettyDas Schweigen am 22. Mai war ohrenbetäubend. Es hallte durch Millionen von Wohnzimmern in den USA. Es dröhnte durch den Sender CBS. Und es echote in mehreren TV-Shows. Als hielte das Fernsehpublikum im ganzen Land den Atem an. Einen Tag zuvor war die Late Night Show des Comedian Stephen Colbert nach elf erfolgreichen Jahren vom Sender CBS abgesetzt worden. Als Begründung führte CBS finanzielle Gründe an. Die über zwei Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer der Sendung und der Umstand, dass es die beliebteste Late Night Show der USA war, galten offenbar als vernachlässigbare Marginalien. Denn seit der Sender CBS eine Tochtergesellschaft von Paramount ist und deren Besitzer der Trump-Anhänger David Ellison, beruhen finanzielle Entscheidungen auch auf alternativen Fakten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Man könnte nun resigniert feststellen, so etwas passiere nicht zum ersten Mal. Seit seinem Wiedereinzug ins Weisse Haus hat Präsident Trump wiederholt Einfluss auf öffentliche Medien genommen. Im September 2025 reichte er eine Klage in Höhe von 15 Milliarden gegen die «New York Times» ein (sie wurde vom Gericht abgewiesen). Er drohte Fernsehsendern, deren Lizenzen zu entziehen. Und im Mai 2026 wurde bei CBS im renommierten Investigativmagazin «60 Minutes» fast die Hälfte des Teams entlassen. Und schon im September 2025 war auf Druck von Trump auch die Show des Fernseh-Comedian Jimmy Kimmel suspendiert worden. Die Sendung wurde wenige Tage später aufgrund von Protesten aus der Bevölkerung wieder aufgenommen. Doch die Zeichen standen auf Alarm.Wo es um Humor geht, wird es ernstDenn wo es um Humor geht, da wird die Sache ernst. Humor ist immer auch ein Lackmustest für die Demokratiefähigkeit eines politischen Systems. Die Formel ist dabei denkbar einfach: Je öffentlicher die Witze, desto stabiler die Demokratie.So gesehen ist Lachen mehr als nur gute Laune. Das war es schon immer. «Das Lachen ist ein grosser Revolutionär», schrieb während des Stalin-Regimes der russische Philosoph und Literaturwissenschafter Michail Bachtin, während er auf seinem verbliebenen linken Bein durch Kasachstan humpelte. Stalin hatte ihn dorthin verbannt. Nach seiner Rückkehr nach Russland konfrontierte Bachtin die stalinistische Meinungsdoktrin mit der Erkenntnis, dass «Lachen die Angst» zertrümmere. Er schrieb: «Das Prinzip des Lachens (. . .) befreit das menschliche Bewusstsein, das Denken und die Phantasie für neue Möglichkeiten.»Diese Freiheit des Lachens hat eine lange Geschichte. Schon in der Antike liessen Machthaber die Bürger bei sogenannten Satyrspielen spielerisch gegen die Obrigkeiten aufbegehren. Und ab dem Mittelalter hatte jeder Herrscher, der in Sachen Regierungsstil etwas auf sich hielt, einen Hofnarren (Zar Peter der Grosse hatte gleich zwölf). Allein diesen Narren war es erlaubt, sich über den jeweiligen Herrscher lustig zu machen oder ihn scherzhaft mit Kritik zu konfrontieren – jeden anderen hätte das den Kopf gekostet. Denn das Scherzen des Narren galt gewissermassen als rechtsfreier Raum.Das Konzept funktionierte – bis auf wenige Ausnahmen, wie im Fall des Narren Pietro Gonella im 15. Jahrhundert: Nach einem Scherz liess ihn der erboste Fürst von Ferrara dem Schein nach zum Schafott führen, dabei erlitt der Narr ganz real einen Herzinfarkt und starb.Die schmiegsamste Form von OppositionDoch in der Regel war auf die Rechtsfreiheit des Scherzes Verlass. Diese haftet dem Humor bis heute an: Witz ist die schmiegsamste aller Konfrontationen. Wer etwas im Scherz sagt, kann sich dabei immer darauf berufen, dass es «nur ein Witz» war. Und wer umgekehrt scherzhaft Dahingesagtes als bare Münze nimmt, gibt sich die Blösse, nicht ganz über der Sache zu stehen. Das gilt im Privaten genauso wie in der Politik. So gesehen ist der Humor die eleganteste, aber gerade dadurch auch die resistenteste Form von Opposition.Das wissen auch die amerikanischen Comedians Jimmy Kimmel und Jon Stewart. Und nicht zuletzt der am 21. Mai abgesetzte Stephen Colbert, der mit der Waffe des Witzes gegen Politiker ins Feld zieht. Seine Technik besteht aus einer übersteigerten, vermeintlichen Zustimmung gepaart mit der Trockenheit von Buster Keaton. So hatte Colbert 2006 beim Korrespondenten-Dinner im Weissen Haus George W. Bushs Entscheidung zum Irakkrieg lächerlich gemacht. Auch Trumps Migrationspolitik kommentiert er mit der Bemerkung: «Mein Urgrossvater ist damals nicht quer über den Atlantik gekommen, um sein Land jetzt von Immigranten überrannt zu sehen.»Auch nach dem 21. Mai war der Comedian für eine Überraschung gut. Nur 23 Stunden nach Absetzen seiner Show erschien er völlig unerwartet auf dem Regionalsender Monroe Community Media und moderierte dort die Provinz-Show «Only in Monroe», über die er einst gewitzelt hatte, sie habe grandiose «zwölf Zuschauer».Doch in diesem Fall blieb es nicht bei zwölf. Denn Stephen Colbert hatte noch am Tag seiner Entlassung einen Youtubekanal (@colbert) erstellt und «Only in Monroe» dort gepostet. Nur einen Tag später war die Show eine Million Mal gestreamt worden. Das ist kein Zufall. Denn wenn es um Youtube geht, da greit die staatliche Kontrolle ins Leere. Da ist oft auch der Wille zur Opposition nicht weit. Der Onlineriese versammelt schätzungsweise 15 Milliarden Videos. Seit Jahren wird Google, der Besitzer von Youtube, dafür kritisiert, die Inhalte zu wenig zu regulieren. Doch genau das bringt auch Vorteile mit sich.Orban verlor die Wahl auch wegen YoutubeUnd zwar überall dort, wo Regierungen autoritärer werden. Angefangen in der Türkei, wo Erdogans Regime Journalistinnen und Journalisten mit Haftstrafen belegt und oppositionelle Berichterstattung nur noch auf Kanälen wie Medyascope möglich ist. Oder in Ungarn, wo Orban die Wahlen im April auch dank Youtube verloren hat. Orban, dem man nachsagt, eine SMS nicht von einer E-Mail unterscheiden zu können, hatte zwar die öffentlichen Fernsehsender seit Jahren konsequent kontrolliert, doch er merkte zu spät, dass Péter Magyar auf Youtube einen höchst erfolgreichen Wahlkampf führte.Anders Donald Trump. Er ist digital aktiv wie kein US-Präsident vor ihm. Seinen Kanal Truth Social bespielt er fast rund um die Uhr, auf der Social Media-Plattform X hat er 111 Millionen Follower, selbstverständlich betreibt er auch einen eigenen Youtube-Kanal mit 3,9 Millionen Abonnenten. Und auch Trump-nahe Influencer haben Youtube schon vor Jahren für sich entdeckt (einer ihrer bekanntesten Vertreter war Charlie Kirk).Doch was selbst Donald Trump und seine Anhänger nicht können – noch nicht können , ist, die Kanäle oppositioneller Youtuber zu kontrollieren, sie aufkaufen zu lassen oder ihnen die Lizenzen zu entziehen.Während Jahrtausenden war es die Rolle des Narren, den Machthabern den Spiegel vorzuhalten. Im 21. Jahrhundert hat der Narr einen digitalen Mitstreiter bekommen. Sein Name ist Youtube. Mindestens so lange, bis Youtube-Besitzer Google auf andere Gedanken kommt.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Trump gegen Comedians – Was das Lachen über die Demokratie aussagt
Dass Trump in seiner zweiten Amtszeit plötzlich Comedians absetzt, ist ein Alarmzeichen. Denn Humor ist immer ein Gradmesser für Demokratie.








