Alte, gelbe Männer haben in einer Kolumne über Eltern und deren Kinder nichts verloren. Eigentlich. Denn der Trumpismus wird 2026 unfassbare zehn Jahre alt. Wahrscheinlich erinnern sich die meisten noch daran, wie sie am 9. November 2016 aufwachten, Handy oder Radio anschmissen und die Welt sich plötzlich anders anfühlte, fundamental anders. Egal, ob man bereits Kinder in diese Welt gesetzt hatte oder nun noch mehr daran zweifelte, ob Kinderkriegen so eine gute Idee ist.In den Wochen nach der US-Wahl fiel wohl kaum ein Wort so oft wie das der Bubble, es ging um Filterblasen, Algorithmen, die den Einzelnen einer gleichförmigen Flut von Meldungen aussetzen und die Gesellschaft polarisieren. „Bubble“ wurde zur Chiffre für das blanke Entsetzen.Dieses Entsetzen wurde peu à peu zum Grundrauschen, und Bubbles wie Blasen sind heute gesellschaftlich völlig akzeptierte Lebensräume. Es gibt Großstadtbubbles und Dorfbubbles, grüne Bubbles und konservative Bubbles, Home-office-Bubbles und Handwerkerbubbles. Die gängige Vorrede „Also in meiner Bubble …“ ist jedoch mutmaßlich nirgends so oft zu hören wie auf einem Münchner Spielplatz zur Rushhour. Also zu jener Stunde, wenn 16 Uhr sich anfühlt wie 21 Uhr, Litschi-Eis auf Birkenstocksandalen tropft und das Handy hysterisch brummt, weil die Kollegen Teams-Nachrichten schicken.Da kann es passieren, dass man sich wegwünscht, weit weg, zu Menschen, die einen nicht so sehr an einen selbst erinnern. Leute, die nicht den gleichen Rote-Bete-Reis aus der Gemüsekiste kochen wie man selbst. Stichwort: endlich mal raus aus der eigenen Bubble.Die Vierjährige trägt jetzt eine Kette aus Amethysten, wenn sie in die Kita gehtReiner Zufall: Ich habe mich in der vergangenen Woche dreimal aus meiner normierten Elternbubble herausbegeben. Was mehr an meiner kontaktfreudigen Tochter liegt als an mir, mit Kindern lernt man eben immer neue Leute kennen. Es begann harmlos, mit einer etwa 70-jährigen Dame, die uns auf dem Flohmarkt von der heilenden Kraft der Steine berichtete und meiner Tochter ihren halben Stand schenkte, die Vierjährige trägt jetzt eine Kette aus Amethysten, wenn sie in die Kita geht.Am Tag darauf lernte ich weitere temporäre Weggefährten kennen, einen jovialen, tätowierten Triathleten, mit dem ich vier herrliche Stunden auf dem Spielplatz verbrachte, weil unsere Kinder nicht zu trennen waren. Er steht nachts um eins auf, radelt bis sieben Uhr auf seinem Heimfahrrad, geht dann bis neun mit den Kindern im Buggy joggen und tröstet in der restlichen Lebenszeit seinen frisch geschiedenen Kumpel, der neben uns traurig im Sand saß und mit seiner Ex telefonierte. Laut dem Triathleten ist er einer der reichsten Menschen unter 40 in München.Noch einen Tag später stand ich mit zwei bis dato mir unbekannten Frauen am Isarufer, unsere Töchter suchten Krebse im Wasser. Die beiden Frauen berichteten von schlechten Sprengelschulen und guten Samenspendern, und als ich mich gerade wieder einmal wegträumte, kam eine weitere Frau des Weges, sie sammelte Unterschriften für mehr Bäume in der Stadt – da schimpfte eine meiner neuen Ad-hoc-Freundinnen los: „Wir haben doch eben schon abgelehnt, wir sind für weniger Bäume und mehr Parkplätze in der Stadt! Wir wollen net!“ Stichwort: endlich mal raus aus der eigenen Bubble.In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.