Empty-Nest-Syndrom – oder doch nicht? Wenn die Kinder ausziehen, wachsen vielen Eltern neue FlügelViele Mütter und Väter fürchten den Tag, an dem das Kind seine Sachen packt. Doch mehr und mehr zeigt sich: Wenn der Nachwuchs flügge wird, haben die Eltern gute Chancen, sich noch einmal neu zu erfinden.Katja Nele Bode14.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenEndlich tun, wozu man Lust hat: Wenn die Kinder ausziehen, ist das für Eltern eine Zäsur. Aber die führt nicht zwangsläufig zum Empty-Nest-Blues.H. Armstrong Roberts / GettyIn ihrem Roman «Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe» schreibt die österreichische Schriftstellerin Doris Knecht von einer Frau, die nach dem Auszug ihrer Kinder «das Kümmern verlernen» möchte. Das Ende des aktiven Elternseins beschreibt sie witzig und zugleich melancholisch als eine Phase grossen Aufatmens: Zimmer, die komplett neu möbliert werden. Platz, über den man frohlockt. Kein Einkaufen, kein Kochen mehr. «Trotz Abschiedsschmerz wollte ich über diese Zeit etwas Positives schreiben», erzählte Knecht vor einiger Zeit an einer Lesung in München. Bevor es bei ihr so weit war, hatte sie nämlich viel von leidenden Eltern gehört, die durch «leere Kinderzimmer krabbeln und an zurückgebliebenen Kuscheltieren schnuppern».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Worüber Knecht sich hier mokiert, ist die Neigung, die Folgen des Auszugs erwachsener Kinder vorschnell als «Empty-Nest-Syndrom» zu dramatisieren. Dieser gängige Begriff suggeriert, dass Eltern den Weggang ihres flügge gewordenen Nachwuchses schlecht verschmerzen und darüber krankhaft in Depression und Kummer versinken.Tatsächlich kann man in den letzten Jahren in Lifestyle-Medien ein lautstarkes Jammern beobachten, das werdenden Empty-Nestern ein Melodram ankündigt. Der Tenor: Das wird eine brutale Zäsur, da müsst ihr euch warm anziehen. Aber stimmt das auch? Ist der Weggang der Kinder tatsächlich ein derart schwerwiegender Bruch, dass man sich davor fürchten muss?Der Auszug der Kinder ist nicht mehr das Unglück von einstDie Psychologin Camilla Engelsmann, die Leiterin der Familien-und Partnerschaftsberatung Pro Familia in München-Schwabing, widerspricht: «Das fühlt sich heute für die meisten keinesfalls mehr so dramatisch an, weil die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern viel freundschaftlicher, viel mehr auf Augenhöhe sind. Eltern haben viel weniger das Gefühl, ihre Kinder mit dem Auszug für immer zu verlieren.»Auch dank dem Smartphone würden erwachsene Kinder heute in einem viel engeren Kontakt mit ihrem Zuhause bleiben als einst. «Zudem gibt es den Rollenverlust nicht mehr in dem Ausmass, wie er früher vor allem Frauen traf, die nur Mütter und Ehefrauen waren.»Die Vögelchen sind ausgeflogen, das Zwitschern verstummtDas war früher anders: Der Begriff vom «leeren Nest» taucht zum ersten Mal Ende des 19. Jahrhunderts auf, um die Untröstlichkeit der von ihren Sprösslingen verlassenen Bürgersgattin zu beschreiben. Auch in der Nachkriegszeit beschwor er das negative Bild einer Frau und Mutter, die alleine zu Hause zurückbleibt, nichts mehr mit sich anzufangen weiss.Die amerikanische Familienforschung der sechziger Jahre nahm sehr genau unter die Lupe, welche psychischen Auswirkungen es auf die Mütter hatte, wenn die jungen Vögelchen ausflogen und das Zwitschern verstummte. Depressionen und Schlafstörungen wurden oft allein dem «Empty-Nest-Syndrom» in die Schuhe geschoben. Sie wurden als krankhaft diagnostiziert und leichtfertig mit hohen Dosen von Psychopharmaka behandelt.Lange Zeit hielt sich deshalb auch der Verdacht, die Pharmaindustrie habe das Phänomen erst erfunden, um «mother’s little helper» an angeschlagene Mütter verticken zu können. Das lässt sich so zwar nicht belegen. Doch in den 1970er Jahren kam es auch sonst zu einer starken Medikalisierung natürlicher Lebensphasen der Frau: Die Menopause etwa oder die sogenannte Hausfrauendepression, bedingt durch Isolation und fehlende Anerkennung nichtberufstätiger Mütter, wurden zu behandlungsbedürftigen Krankheiten aufgebauscht.Dazu passte gut, das Finale des Erziehungsauftrags in ein krankhaftes Syndrom münden zu lassen. Womöglich brachte diese Dramatisierung das Klischee der abservierten Eltern, für die sich das leere Nest zwangsläufig zum tiefen Loch auftut, erst in die Welt.Empirisch lässt sich das Empty-Nest-Syndrom nicht belegenWas auch immer vor fünfzig Jahren der wahre Kern des Empty-Nest-Syndroms gewesen sein mag: Heute ist das Konzept jedenfalls überholt. Eine Studie aus Deutschland zeigte erst kürzlich: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Auszug der Kinder und langfristig empfundener Einsamkeit. Wenn es bei den Teilnehmenden zum Zeitpunkt des Auszugs zu einer übertriebenen Belastungsreaktion kam, hatte das meist andere Ursachen, etwa den Verlust des Jobs oder andere persönliche Schwierigkeiten.Die Autoren vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf kommen zu dem Schluss: «Die Folgen eines leeren Nests wurden in der Vergangenheit überschätzt. Die Übergangsphase hat langfristig keinen Einfluss auf die psychosoziale Gesundheit der Eltern in Bezug auf Einsamkeit oder Depressionswerte.»Die seriöse Entwicklungspsychologie bewertet diese durchaus bewegte, aber eben nicht krankhafte Übergangsphase längst viel gelassener. Die amerikanische Sozialpsychologin Susan Krauss Whitbourne widersprach schon vor gut fünfzehn Jahren dem alten Narrativ des Empty-Nest-Syndroms. «Das Stereotyp ist einfach nicht mehr zutreffend, dass frisch verlassene Eltern aufgeschmissen in der leeren Wohnung herumhängen», schrieb sie über ihre Beobachtungen in einem Essay für die «Huffington Post».Vielmehr berichteten ihr Mütter und Väter, dass sie «sich plötzlich sehr befreit fühlen, in Unterwäsche durch die Wohnung laufen, ohne dass sich jemand daran stört. Dass sie erleichtert darüber sind, keine laute Musik oder dauernd knallende Türen mehr zu hören. Und niemand fragt nach Extra-Taschengeld oder einer Runde Wäschewaschen.» Trotzdem hielten sich hartnäckige Bilder, so Whitbourne: «Nämlich, dass Eltern ohne ihre Kinder komplett den Daseinszweck, alle Nützlichkeit verlieren.»Auch Andrea Kager, klinische Psychologin, Psychoanalytikerin und Paartherapeutin mit Praxis in Zürich, weiss aus ihrer Arbeit: «Das ist heute komplett anders. Zum einen gilt: Wenn die Beziehung zu den Kindern gut war, wird diese Trennung heute in der Regel gut überstanden. Zum anderen ist es hochspannend, herauszufinden: Wer möchte man in dieser neuen Phase noch werden? Da gibt es viel zu gewinnen.»Das leere Nest als ChanceHilfreich findet Kager, wenn es den zurückbleibenden Eltern gelingt, «dieser ungewohnten Orientierungslosigkeit Raum zu geben. Alles war schliesslich durch die Kinder viele Jahre genormt, durchgetaktet.» Zu akzeptieren, dass man diesen Halt erst einmal verliert, sei für den Prozess der Ablösung wichtig. «Es wird durchaus zu Verlustgefühlen kommen, schliesslich ist etwas Grosses zu Ende gegangen. Aber es ist kein Weltuntergang. Bei aller berechtigten Wehmut sollte man geniessen, dass eine neue Form von Beziehung zu den erwachsen werdenden Kindern entsteht und man die Verantwortung jetzt abgeben darf.»Im besten Fall kann der Aufbruch der Kinder den Ex-Erziehenden eine grosse Leichtigkeit bescheren. Es kommt wieder etwas Unkompliziertes, Unbeschwertes ins Leben. Da gibt es Väter, die von neuen Freiheiten, fast schon einer zweiten Pubertät schwärmen: Viele alte Verpflichtungen und Verantwortung fallen weg, man kann plötzlich wieder über die eigene Zeit verfügen.Und es gibt Mütter, die durch zurückeroberte Räume tanzen, plötzlich auf Raves gehen. Eltern, die – allein oder zu zweit – endlich wieder das kochen, worauf sie Lust haben. Ins Kino gehen, ohne rechtzeitig zu Hause sein zu müssen. Sich eine Reise leisten, die womöglich mit Kindern zu kostspielig gewesen wäre.Verkehrt wäre es andererseits, die starken Emotionen kleinreden zu wollen, die für die meisten Eltern mit diesem Einschnitt hochkommen. «Wer sein letztes Kind ins Erwachsenenleben entlässt, rutscht in eine turbulente Zeit», so Camilla Engelsmann von Pro Familia. «Ein Funktions- und Bedeutungsverlust muss verarbeitet, Zeit anders gefüllt werden. Da findet eine Erschütterung statt. Natürlich fragt man sich erst mal, ähnlich wie beim Renteneintritt: Oje, was mache ich jetzt mit diesem Vakuum?»Die Familienexpertin sieht darin aber auch eine grosse Chance. «So eine Krise zeigt ja auch an: Jetzt darf ich mich weiterentwickeln. Man sollte unbedingt neugierig bleiben.» Von Verdrängen oder übertriebener Ablenkung, etwa durch exzessiven Sport, hält sie indes wenig.Der Auszug der Kinder kann zur Prüfung für die Eltern werdenWas Engelsmann auch bemerkt: Zeitgleich mit diesem Umbruch kommt die Beziehung der Eltern auf den Prüfstand. «Immer noch ein bisschen mehr die Frauen, aber letztlich auch die Männer schauen jetzt sehr genau hin, ob sich die Partnerschaft womöglich überlebt hat. Das ist legitim und muss auch nicht immer ein grosses Drama sein.»Themen wie offene Ehe, Fremdgehen, die ungeahnten Möglichkeiten auf Dating-Apps spielten bei ihr in der Beratung oft eine Rolle: Darf man das? Soll man das? Braucht man das? Eltern, die es jetzt schaffen, die Beziehung auf die nächste Strecke zu bringen, «sind meist die, die sich schon immer konstruktiv auseinandergesetzt und sich auch als Paar gesehen haben».Und wer tut sich schwer? Bedrückend kann es sich für Eltern anfühlen, die merken, womöglich etwas versäumt zu haben, als die Kinder noch da waren: Väter etwa, die viel gearbeitet haben und jetzt damit hadern – das Kind ist weg, die Chance auf eine gute Verbindung passé. Hier tröstet Camilla Engelsmann: «Es ist nie zu spät, noch mal einen guten Draht zu den jetzt erwachsenen Kindern zu entwickeln oder auch eine ganz neue Beziehung zu finden. Wir unterschätzen oft, wie sehr die Kinder letztlich an uns hängen.»Auf der anderen Seite gibt es natürlich zurückbleibende Eltern, die beim Auszug der Kinder noch ganz andere Life-Events schultern müssen – etwa eine Scheidung, eine Krankheit, eine Kündigung im Job. Engelsmann: «Das ist wirklich hart. Trotzdem hat es wenig Sinn, dann die Kinder festhalten zu wollen. Besser ist es, mit Freundinnen zu sprechen oder sich professionelle Hilfe zu holen. Es ist auch erlaubt, sich ein Tier zuzulegen.»Letztlich sind alle Eltern – auch die bekümmerten – aufgefordert, ihre Kinder loszulassen. Die Abnabelung gerät vor allem dann schlecht, «wenn Mütter, aber auch Väter die Care-Rolle nicht aufgeben und keinen neuen Selbstentwurf anfertigen können», so Andrea Kager. Da gebe es Eltern, die für ihre Kinder perfekt die Wohnung einrichten und regelmässig zum Putzen kommen. Die zu oft anrufen, die Kinder stark kontrollieren, ihnen keine Selbständigkeit zutrauen. «Das ist oft bei ängstlich gebundenen Charakteren der Fall, da bricht der Selbstwert dann zusammen. Aber hier ist das Kind gekapert worden. Das ist für beide Seiten eine ungute Verstrickung.»Wie ginge es besser? «Hier hilft nur, sich der Gefahr auszusetzen, noch einmal ein eigenes Leben auszuprobieren.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Das leere Nest als Chance: Eltern erfinden sich neu
Viele Mütter und Väter fürchten den Tag. Doch wenn der Nachwuchs flügge wird, können sich die Eltern noch einmal neu erfinden.











