Wie viel das Kunstbusiness mit dem Fußballgeschäft gemeinsam hat, liegt in diesem Jahr auf der Hand: Bei der Art Basel in Basel kann man immer wieder Besucher dabei ertappen, dass sie in den Messehallen nicht nur Informationen über Werke, Künstler oder Galerien auf ihren Smartphones abrufen, sondern Berichte von der WM in Amerika verfolgen.Ein primär nutzloses Tun, das für Selbstvergewisserung sorgtWarum auch nicht, verabreden sich doch im Kunstbetrieb wie auf dem Fußballplatz Menschen (wobei Männer immer noch besser im Geschäft sind als Frauen) zu einem primär nutzlosem Tun – sie laufen einem Ball hinterher oder stellen Bildwerke aller Art her –, sorgen damit aber für humane Selbstvergewisserung, Sinn- und Identitätsstiftung. So bewegen sie Besucherströme und lassen, weil wir in einem kapitalistischen System leben, das Geld fließen. Die Emire am Golf wissen schon, weshalb sie beim Rebranding ihrer Staaten, wo die Art-Basel-Messe im Februar in Qatar ihre neueste Filiale eröffnet hat, Kulturevents auf Sportgroßereignisse folgen lassen.Das ist neu: Gedränge in der Halle „Zero 10“ für Digitalkunst, im Hintergrund eine Arbeit von Hito Steyerl (Esther Schipper/Andrew Kreps Gallery)Art Basel/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Nun ist die MCH-Gruppe hinter der Art Basel, deren Mehrheitseigner der Kanton und die Stadt Basel sind, gefolgt von dem Investor Rupert Murdoch, nicht vergleichbar mit der in Zürich ansässigen FIFA. Im Spannungsfeld von Kunst und Markt erhebt die 1970 von Galeristen gegründete Art Basel in ihrer Heimatstadt auch 2026 wieder den Anspruch, die größte, umfassendste, beste und daher maßgebliche Kunstmesse der Welt zu sein. Das unterstreicht ihre Direktorin Maike Cruse immer wieder. Mit rund 290 Galerien aus 43 Ländern und Arbeiten von mehr 4000 modernen und zeitgenössischen Künstlern, mit den kuratierten Sektionen „Unlimited“ für Großprojekte, dem „Parcours“ für Kunst im öffentlichen Raum und einer neuen Abteilung für Digitalkunst tritt die Schweizer Messe inzwischen vor allem gegen die selbst geschaffene Konkurrenz in Frankreich an.Venedig und Basel oder Venedig und Paris?Denn im Oktober findet die Art Basel in Paris statt. Die setzt zwar einen französischen Schwerpunkt, hat aber kaum weniger internationales Gewicht und lockt mit dem Charme der Kultur- und Luxusgütermetropole an der Seine. Vor die Frage gestellt, ob die Europareise zu den Kunst-Highlights lieber nach Venedig und Basel oder nach Venedig und Paris gehen soll, können Sammler aus Übersee auf den Eiffelturm schielen – und sich auch wegen der immer heißeren Sommer für die Herbstoption entscheiden.Konserviert bei Gagosian: ein von Damien Hirst eingelegtes Schaf vor einem „Skull“ von Andy WarholArt Basel/VG Bild-Kunst, Bonn 2026/The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc./Licensed by Artists Rights Society (ARS), New YorkDer österreichische Großgalerist Thaddaeus Ropac schätzt die Lage in Basel entspannt ein: „Wir sehen vielleicht nicht so viele Amerikaner auf der Messe wie früher, aber entscheidend ist die Anzahl wichtiger Sammler aus ganz Europa, die engagiert kaufen“, sagt er. Herausfordernd bleibt der Messebetrieb trotzdem in einem Markt, der sich zuletzt konsolidiert, aber an expansivem Schwung verloren hat und immer weiter regionalisiert. Wie eine Großgalerie an ihre Grenzen stößt, zeigt gerade Pace und setzt 50 Künstler sowie ebenso viele Mitarbeiter vor die Tür. In Kooperation mit zwei anderen Händlern versucht man nun als Pace Di Donna Schrader sein Glück.Kunstkäufer lernen kleinere Formate zu schätzenKunstkäufer, das spiegelt das Angebot der Art Basel wider, setzten in unsicheren Zeiten eher auf Bewährtes und lernen kleinere Formate mit entsprechenden Preisschildern neu schätzen. Der große Umsatz aber wird im Höchstpreissegment gemacht, und aus diesem Feld kommen an den beiden VIP-Preview-Tagen zuverlässig die Verkaufsmeldungen. An Tag eins ging bei der Megagalerie Hauser & Wirth das teuerste Kunstwerk der Messe weg: 35 Millionen Dollar zahlt ein Sammler für Pablo Picassos Spätwerk „Le peintre et son modèle dans un paysage“ aus dem Jahr 1963.Bei neugerriemschneider: Arbeiten von Ólafur ElíassonArt BaselThaddaeus Ropac verkaufte Arbeiten von Pierre Soulages und Helen Frankenthaler, der das Kunstmuseum Basel gerade eine Retrospektive ausrichtet, für jeweils um drei Millionen Dollar. Bei Gagosian ging ein 1984 geschaffenes Gemälde Willem de Koonings „für eine hohe siebenstellige Summe“ weg, wie die Galerie vage mitteilte – und wandert in eine Privatsammlung nach Asien. Im mittleren achtstelligen Bereich dürfte das Prunkstück am Stand liegen: Henry Moores monumentale Bronzeplastik „Large Four Piece Reclining Figure“, entworfen 1972/73, gegossen 1984 in einer Auflage von sieben Stück.Groß, größer, „Unlimited“: Gemälde von Herbert Brandl in der Sektion für MonumentalesEPA/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Museale Werke dieser Art bilden das Fundament der Art Basel. Wer in Exquisitem der klassischen Moderne schwelgen möchte, kann das bei Landau Fine Art aus Montreal tun, wo neben einer kleineren Arbeit Moores Gemälde von Alexej von Jawlensky und Wassily Kandinsky ausgestellt sind, die schon auf mehreren anderen Messen dabei waren. Wer den Horizont erweitern will, sieht Arbeiten vieler asiatischer Künstler, gerne lyrische Naturbetrachtungen, wie sie etwa der Südkoreaner Kibong Rhee bei der Kukje Gallery doppellagig auf Polyesterggaze und Leinwand haucht. Der Hype um Kunst aus Afrika und der afrikanischen Diaspora ist dagegen vorbei.Die Etablierten sind beständigBeständig sind die Etablierten. Ohne Mobiles von Alexander Calder, Siebdrucke von Andy Warhol, Rakelbilder von Gerhard Richter – eines verkaufte Hauser & Wirth für 20 Millionen Dollar – keine Art Basel, auch nicht ohne Arbeiten von Ai Weiwei oder Ólafur Elíasson wie bei neugerriemschneider aus Berlin. Dort zeigt ein 2006 von Isa Genzken aus allerlei Trash zusammengebauter „Elefant“ eine ernsthaft fröhliche Anarchie, die eher selten ist auf dieser Messe.Für 35 Millionen Dollar verkauft: Picassos „Le peintre et son modèle dans un paysage“ bei Hauser & WirthArt Basel/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Den großen Verstorbenen des Jahres wird gehuldigt: Bei White Cube wirkt das – ob gewollt oder ungewollt – eher morbide, weil Georg Baselitz’ gold glänzendes Bild „Irgendwo in Italien“ von 2025 hinter Theaster Gates’ „Protected Vessel“ aufgehängt ist wie hinter einer schwarzen Urne; bei Richard Gray berührend, weil David Hockneys Bild eines leeren Ateliers, „Studio Interior #2“ von 2014, still für sich steht. Es wechselte für 8,5 Millionen Dollar den Besitzer. Ein weiteres Epitaph ist das monumentale „Portrait of a Hound“ bei Acquavella: das letzte von Lucian Freud gemalte Bild, ein 2011 unvollendet zurückgelassenes Aktbild von Freuds Assistenten David Dawson und seinem Hund Eli.Das Gedränge an den Vorschautagen war enorm, und die Händler zeigen sich zufrieden mit ihren Verkäufen. Für noch mehr Schwung sorgen sollte die neue Initiative „Basel Exclusive“: Galerien halten mit diesem Etikett versehen Werke aus ihrem Angebot bis zum ersten Messetag zurück und bewerben oder verkaufen sie nicht schon vorab online. Bei Sprüth Magers ist das zum Beispiel das Bild eines Pferd-Emojis von John Baldessari für 500.000 Euro, bei Zwirner eine Arbeit von Elizabeth Peyton, Kostenpunkt 1,2 Millionen Dollar – und am zweiten Tag verkauft.Bild der Absenz: David Hockneys „Studio Interior #2“ aus dem Jahr 2014 am Stand von Gray auf der Art Basel in BaseldpaInsgesamt aber sind die Sammler besonnener geworden. Passend dazu verzichtet die Art Basel in Basel äußerlich auf große Gesten. Statt raumgreifende Spraykunst von Katharina Grosse wie voriges Jahr gestaltet dieses Mal eine unauffällige Brunneninstallation der iranisch-armenischen Bildhauerin Nairy Baghramian den Messeplatz um. Es ist eine Etüde in Metall und Keramik über Hindernisse und Störungen. Bewusst abweisend ist der Eingangsbereich der „Unlimited“-Halle gestaltet: Ruba Katrib, Chefkuratorin des Moma PS1 in New York, eröffnet die von ihr betreute Schau mit einer Phalanx überdimensionierter Polizistenuniformen, die der 2015 gestorbene Künstler Chris Burden (Gagosian) nach den Unruhen 1992 in Los Angeles gestaltete. Durch die ICE-Einsätze in Trumps USA haben sie nichts von ihrer Aktualität verloren.Der Mächtige kritzelt seine Kunst im AmtWie herausfordernd können Werke von Gegenwartskünstlern im Kontext einer Verkaufsausstellung sein? Zwischen Affirmation durch den Markt und Kritik an ausbeuterischen Strukturen bewegt sich Ibrahim Mahama seit Jahren. Der von dem britischen Kunstmagazin „Art Review“ 2025 zur einflussreichsten Persönlichkeit der Kunstszene gekürte Ghanaer ist mit textilen Upcycling-Installationen, die Spuren global ungleich verteilter Lasten tragen, binnen kurzer Zeit zu einem hoch gehandelten Künstler geworden. Als Goldpreisträger der Art Basel Awards 2025 zeigt er auf dem Münsterplatz nun eine monumentale Auftragsarbeit in dieser Tradition.Zur Begrüßung in der „Unlimited“-Halle: „L.A.P.D. Uniforms“ von Chris Burden aus dem Jahr 1993 (Gagosian)EPA/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Kunst eines Mächtigen präsentiert dagegen der „Parcours“ mit einem Beitrag von Edi Rama. Der albanische Ministerpräsident, dessen seit Langem Korruptionsvorwürfen ausgesetzte Regierung gerade mit dem Trump-Clan über den Bau eines Luxusresorts auf Kosten des Naturschutzes verhandelt, ist mit einer wolkigen Skulptur vertreten. Entworfen wurde sie angeblich, wie bei Rama üblich, kritzelnd im Amt. Der Preis für das Stück aus Bronze ist bei Societé in Berlin zu erfragen.Auf dem Münsterplatz: Intervention von Ibrahim MahamaArt BaselLeinwand, Papier und Metall, dazu Holz, Glas oder Stoff sind immer noch die dominierenden Materialien auf der Messe. Schon Leuchtröhren fallen auf. Gegenwärtiger würde sie wirken, hätte sie die Beiträge zur Digitalkunst, die in einer eigenen Halle unter dem Titel „Zero 10“ vorgelagert sind, wie die Untersektionen „Kabinett“ oder „Feature“ in die Haupthalle geholt. Dass sie überhaupt in den Fokus der Art Basel rücken, kuratiert von Eli Scheinman und dem Künstler Trevor Paglen, ist aber schon ein Gewinn.Das Basler Haus der elektronischen Künste zeigt Pionierwerke aus seiner Sammlung. Der Künstler William Mapan (Art Blocks) demonstriert live, wie ein von ihm codierter Algorithmus Bilder generiert, die er entweder per Hand auf Leinwänden (80.000 Dollar) umsetzt oder von einem Roboter zeichnen lässt. Die Galerie Nguyen Wahed hat für 9000 Dollar einen Abnehmer für Leander Herzogs blockchainbasierte, generative Videoarbeit „Infinite Garden“ gefunden.Schöne Überwachungsmaschine: Rafael Lozano-Hemmers Arbeit „Black Hole“ am „Zero 10“-Stand der Max Estrella & bitforms Gallery auf der Art Basel in BaselArt Basel/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Die von Spekulationen während der Pandemie aufgeblähte und danach geplatzte NFT-Blase hat Digitalkunst am Markt – nicht in den Institutionen – zurückgeworfen. Nun kann eine Neubewertung folgen. Während KI die Welt mit „Texten ohne Autoren, Kunst ohne Künstler, Fotos ohne Fotografen und Musik ohne Musiker“ überflutet, sagt Paglan, verhandle Digitalkunst „die zentralen kulturellen Fragen unserer Gegenwart“. Das wird sie auch für Sammler interessanter machen: Die Spieler auf dem Platz wechseln, das Spiel aber bleibt dasselbe – und Geld schießt Tore.Art Basel, Messe Basel, bis zum 21. Juni, Tageskarte 70 Franken