Paris und Berlin suchen auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI) einen engeren und schnelleren Schulterschluss als bisher. Vor dem Hintergrund der jüngsten Technologiesanktionen Washingtons werden nach Informationen der F.A.Z. das französische IT-Spitzenforschungsinstitut INRIA und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) an diesem Donnerstag auf der Vivatech-Messe in Paris die ersten Schritte auf dem Weg zu einem gemeinsamen Forschungs- und Entwicklungszentrum machen.Wie es hinter den Kulissen heißt, sollen in dem neuen Zentrum von nun an Ressourcen gebündelt, Talente gepoolt, Projekte angeschoben und entsprechende Vorhaben umgesetzt werden. Über die kommenden Wochen und Monate sollen dann die schon bestehenden Ökosysteme der großen KI-Cluster in Frankreich und der KI-Kompetenzzentren in Deutschland eingebunden werden. Darüber hinaus soll das Zentrum einen politischen Ableger haben. Der könnte in Gestalt eines in Berlin und auch in Paris ansässigen Thinktanks zur Politikberatung auftreten. Während sich in der Rüstungskooperation die Fronten verhärtet haben, sieht man auf dem digitalen Feld Chancen für konkrete Fortschritte.In einem, spätestens aber zwei Jahren sollen erste Ergebnisse vorliegen. Verschiedene europäische Forschungsinstitute entwickeln seit Jahren schon KI-Grundlagenmodelle. Die allerdings können dem, was Amerikaner und Chinesen in Sachen Größe und Leistung vorlegen, nicht das Wasser reichen. Darüber hinaus sind die Europäer derzeit auf dem Gebiet der KI-Anwendungen tätig, vor allem in den etablierten Industrien. Für sie lockerte die EU-Kommission gerade ihre strikten KI-Regularien, um Projekten wie der Entwicklung KI-gesteuerter Roboter oder Fabriken Schwung zu geben.Eigene Chips, eigene Rechner, eigene ModelleZiel der neuen deutsch-französischen Initiative ist es, den 200 Milliarden Euro schweren KI-Infrastruktur-Investitionsplan der EU-Kommission zu flankieren und der europäischen Industrie alle Tore zu den neuen Techniken offen zu halten. So müsse Europa künftig aus eigener Kraft in der Lage sein, in eigenen Rechenzentren auf eigenen Chips und durch eigene Computer eigene große Frontier- und KI-Modelle zu entwickeln, zu bauen und zu betreiben. Bislang galt ein solcher Ansatz in Europa als utopisch, ist er doch sehr teuer und langwierig. So wog sich Europa gern in der Sicherheit, vollen Zugang zu den besten KI-Systemen aus Übersee zu haben.Anthropic-Chef Dario AmodeiAP Photo/Jeff ChiuDieser Vorstellung hat die US-Administration gerade einen Riegel vorgeschoben. So erklärte sie vergangene Woche, die neuesten KI-Systeme des US-Anbieters Anthropic für alle ausländischen Nutzer zu sperren. Schon im vergangenen Jahr hatte das Weiße Haus den uneingeschränkten Zugang von mehr als einem Dutzend europäischer Staaten wie Österreich, Tschechien oder auch Lettland, Portugal und Ungarn zu den leistungsfähigen KI-Chips blockiert. Darüber hinaus haben einige amerikanische IT-Konzerne europäische Institutionen vorübergehend von ihren Kundenlisten gestrichen und Zugänge zu Softwareprogrammen gesperrt.Die schlimmsten BefürchtungenOffenbar sorgt sich die Trump-Regierung um die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten. Neben China blickt sie dabei auch zunehmend auf Europa. So behandelt Washington nicht nur moderne KI-Chips, sondern auch KI-Modelle und ganze KI-Systeme wie moderne Waffentechnologien. Wie im Kalten Krieg wird deren Ausfuhr nicht nur genauestens überwacht. Vielmehr erlässt die amtierende Administration gegebenenfalls auch Verbote der Ausfuhren. Mit ihrer jüngsten Entscheidung erwischte sie Brüssel, Berlin und Paris auf dem falschen Fuß.Damit sind in Europa die schlimmsten Befürchtungen wahr geworden, dass Amerika den viel beschworenen Stecker zum Internet zieht und Europa auf breiter Front den Zugang zu einer der vielversprechenden Schlüsseltechnologien der Zukunft verwehrt. Der alte Kontinent hat in seiner technologischen Infrastruktur riesige Löcher. Zwar haben die Europäer in der KI-Forschung nach wie vor einiges zu bieten. Auch stehen ihre Daten- und KI-Spezialisten im kalifornischen Silicon Valley hoch im Kurs. Doch Europa hat kein einziges Unternehmen in der ersten Branchenliga.Europas engmaschiges ForschungsnetzHoffnungsträger wie das deutsche Start-up Aleph Alpha sind nach Übersee verkauft. Der französische KI-Hoffnungsträger Mistral AI, an dem große US-Kapitalgeber beteiligt sind, hat im globalen Rennen um KI-Spitzenentwicklungen nicht mehr mithalten können. So konzentriert er sich nun wie viele deutsche Start-ups auf Anwendungen und ausgewählte Entwicklungen. Angesichts des restriktiveren Vorgehens der USA reift in Europa langsam, aber sicher die Erkenntnis, eigene Entwicklungspfade einschlagen zu müssen, und zwar in voller Länge.Forschungsinstitutionen wie das deutsche DFKI und das französische INRIA sind schon auf dem Weg. Sie arbeiten seit rund fünf Jahren zusammen. Bislang ist diese Zusammenarbeit auf knapp zehn einzelne Projekte beschränkt. Das soll sich jetzt ändern. Europa müsse jetzt groß denken und groß handeln, hieß es Ende vergangenen Jahres auf einem Gipfeltreffen aller deutsch-französischen KI-Spitzenforschungsinstitute. In Frankreich forschen 80 Institute dezidiert und intensiv an der Entwicklung und dem Einsatz von KI-Systemen, in Deutschland etwa 90.Mitarbeiter des DFKI testen einen Ernteroboter auf einem Erdbeerfeld.dpaVeranstaltungen wie die Pariser Vivatech, Europas größte Techmesse, dienen dieser Tage nicht nur als Bühne für junge Unternehmen. Dort legt auch die große Politik ihre Auftritte hin. So soll eine kleine Riege von Ministern aus Frankreich und Deutschland an diesem Donnerstag den Startschuss zum neuen KI-Zentrum geben. Die französische Hoffnung auf einen Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ging zwar nicht in Erfüllung. Dafür hielten Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) und Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) die deutsche Flagge hoch, zumal Deutschland in diesem Jahr Partnerland der Vivatech ist.„Unsere digitale Souveränität zu stärken und technologische Abhängigkeiten zu reduzieren, ist das geopolitische Gebot der Stunde“, wurde Wildberger in einer zum Messeauftakt verschickten Pressemitteilung zitiert. Darin erklärte er, sich mit seiner französischen Amtskollegin auf eine „gemeinsame Definition von digitaler Souveränität“ verständigt zu haben. Nach den Vereinbarungen des „Souveränitätsgipfels“ im November 2025 in Berlin gingen Deutschland und Frankreich nun „den nächsten Schritt zur Stärkung von Europas digitaler Souveränität“, teilten die Ministerien beider Länder mit.„Wir dürfen uns in Europa nicht länger selbst im Weg stehen, sondern müssen Kräfte bündeln, um heimische Start-ups zu stärken und den Aufbau global wettbewerbsfähiger Unternehmen voranzutreiben“, forderte Wildberger. Auf französischer Seite betont man, dass Europa auf dem Weg zu mehr digitaler Souveränität mitnichten bei null anfangen müsse. So wurde in Frankreich beispielsweise die quelloffene Software Visio entwickelt, die in der Verwaltung vom kommenden Jahr an US-Dienste wie Zoom und Microsoft Teams ersetzen soll.Gleiches gilt für die Argon-OS-Software von Chapsvision. So wie der umstrittene US-Konzern Palantir kann das französische Unternehmen mittels KI große Datenmengen sammeln, aufbereiten und auswerten. Kurz vor der Vivatech teilte die französische Regierung mit, dass der Inlandsgeheimdienst DGSI künftig nicht länger auf Palantir, sondern auf Chapsvision setzen werde. Das Bundesamt für Verfassungsschutz tut es dem Vernehmen nach schon, die Bundeswehr hat das französische Unternehmen in der engeren Auswahl. Zudem will Frankreich für Beamte eine KI-basierte Anwendung einführen, die auf den Modellen von Mistral AI aufbaut.
KI: Deutschland und Frankreich bündeln ihre Kräfte gegen die USA
Washington lässt für alle Ausländer die besten KI-Modelle der Welt blockieren. Das trifft vor allem Europa. Frankreich und Deutschland wollen dem etwas entgegensetzen.













