PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungKünstliche IntelligenzEuropa muss seine Stärken nutzen – und sich den Risiken stellenVon Anne BouverotVeröffentlicht am 19.11.2025Lesedauer: 3 MinutenQuelle: picture alliance/Westend61/SerjuncoEuropa hat einen enormen Nachholbedarf bei der Künstlichen Intelligenz. Von 100 neuen KI-Modellen werden nur sechs außerhalb der USA und Chinas entwickelt. Frankreichs KI-Beauftragte stellt im Gastbeitrag ihren Plan vor, wie die EU aufholen kann.Der Weltgipfel zur Künstlichen Intelligenz, der im Februar dieses Jahres in Paris stattfand, hat die Stärken Frankreichs, Europas und vieler anderer Länder deutlich gemacht. Alle teilen eine gemeinsame Überzeugung: Es ist an der Zeit, KI-Anwendungen außerhalb der beiden großen Zentren Silicon Valley und Shanghai zu entwickeln. Dieser Gipfel hat die Konturen eines dritten Weges aufgezeigt.Aber die Realität holt die Worte schnell ein: Von den 100 sogenannten „spitzen“ KI-Modellen, die seit einem Jahr auf den Markt gekommen sind, wurden nur sechs außerhalb der Vereinigten Staaten und Chinas entwickelt. Welche Lehre kann Europa daraus ziehen?Wir haben unbestreitbare Vorteile: Spitzenforschung, talentierte Ingenieure, Pionierunternehmen – Mistral in Frankreich, Deepl in Deutschland, öffentliche Dienste und Unternehmen, die KI einsetzen, eine weitgehend dekarbonisierte Stromerzeugung und ehrgeizige Projekte für Rechenzentren. Ja, wir haben Stärken. Und gerade weil wir sie haben, müssen wir uns den Risiken stellen.Lesen Sie auchKI-Modelle sind nicht neutral: Sie tragen die Spuren der Kulturen, Sprachen, Wertesysteme und ideologischen und politischen Orientierungen, die sie geprägt haben. Fragen Sie eine amerikanische KI nach einem Bild von einem „Festessen“ oder einer „Hochzeit“: Sie erhalten oft ein sehr, nun ja, hollywoodreifes Ergebnis. Fragen Sie eine chinesische KI nach der Innenpolitik: Die Antwort wird gefiltert sein. Bei der jüngsten Wahl in den Niederlanden lieferten einige Chatbots politisch gefärbte Antworten.Es geht also nicht nur um Technologie. Es geht um Politik, Kultur und Demokratie. Es geht auch um Wirtschaft: Das Risiko einer Hyperkonzentration des Marktes ist hoch, da die meisten spezialisierten Modelle (z.B. Modelle für die medizinische Diagnose oder die Qualitätskontrolle in der Industrie) auf denselben großen „Spitzenmodellen“ basieren.Was können wir angesichts dieser Feststellung tun? Zunächst einmal müssen wir unsere Grundlagen festigen: in Forschung, Ausbildung und Technologietransfer investieren, die Einführung von KI in unseren Verwaltungen und Unternehmen unterstützen und unsere Innovations-Ökosysteme stärken. Diese Grundlagen sind von entscheidender Bedeutung und ermöglichen es uns, ehrgeizigere Ziele zu verfolgen: eine Portfolio-Strategie, die mit Zuversicht und Überzeugung mehr wagt – so wie es die Akteure im Risikokapitalbereich tun. Eine Strategie, die Unsicherheiten in Kauf nimmt, mehr Risiken eingeht und jedem die Möglichkeit zum Erfolg gibt.Lesen Sie auchDas erklärt die Vitalität der amerikanischen und chinesischen Ökosysteme. In den Vereinigten Staaten hat die (damals gemeinnützige) Organisation OpenAI mit ChatGPT den Weg geebnet, Google entwickelt Gemini, Anthropic ist aus einer Abspaltung von OpenAI hervorgegangen, und Grok oder Perplexity erkunden andere Richtungen. Es handelt sich um ein redundantes, manchmal chaotisches, oft wirtschaftlich ineffizientes System – aber es ist außerordentlich fruchtbar. In China entstehen Start-ups wie DeepSeek neben den Giganten Baidu, Tencent oder Alibaba in einem extrem wettbewerbsintensiven und schnelllebigen Umfeld unter strenger staatlicher Aufsicht. In beiden Fällen ist die Stärke die Vielfalt.Europa sollte nicht versuchen, diesen Ansatz nachzuahmen. Es hat vielmehr die Möglichkeit, sein eigenes Modell zu entwickeln: ein Modell, das auf der Komplementarität zwischen öffentlicher Forschung, disruptiven Start-ups und großen Technologie-Unternehmen basiert. Ein Modell, das offen für Zusammenarbeit ist, nachhaltig und zuverlässig, ein Symbol für Innovation nach europäischer Art. Europa kennt das Rezept, es hat es vor mehr als 50 Jahren in der Luftfahrt erfunden.Künstliche Intelligenz befindet sich noch in der Entwicklung. Innovation basiert naturgemäß auf Unsicherheit. Sie entsteht aus Vielfalt, nicht aus Einheitlichkeit. Um im globalen Wettlauf um KI mitzuhalten, muss Europa mehr Initiativen ergreifen, gemeinsame Forschungslabore eröffnen, seine Ressourcen bündeln und mehrere Wege gleichzeitig wagen. Das Fenster ist noch offen, höchste Zeit, Gas zu geben. Es ist diese Vielfalt – an Talenten, Modellen und Ansätzen –, mit der Europa zu einer eigenständigen KI-Macht werden kann.Anne Bouverot ist Co-Präsidentin des französischen Rates für KI und Digitales und Sonderbeauftragte Frankreichs für KI.
Künstliche Intelligenz: Europa ist ein Zwerg zwischen den Riesen USA und China - WELT
Europa hat einen enormen Nachholbedarf bei der Künstlichen Intelligenz. Von 100 neuen KI-Modellen werden nur sechs außerhalb der USA und Chinas entwickelt. Frankreichs KI-Beauftragte stellt im Gastbeitrag ihren Plan vor, wie die EU aufholen kann.








