Dank China und den USA ist die ganz grosse Energiekrise ausgeblieben. Doch für Entwarnung ist es noch zu frühChina und die USA haben den Erdölmarkt während der Blockade der Strasse von Hormuz stabilisiert. Über dem Schiffsverkehr durch die Meerenge schwebt weiter ein Fragezeichen.17.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenSchiffe in der Strasse von Hormuz: Nach mehr als hundert Tagen Blockade könnte die neuralgische Meerenge für den Verkehr wieder freigegeben werden.ReutersDie Internationale Energieagentur (IEA) warnte Mitte März vor einer Rohstoffkrise historischen Ausmasses, Fluggesellschaften stellten sich auf Treibstoffmangel ein, und an der Wall Street prognostizierten Analysten einen Erdölpreis von 150 Dollar pro Fass.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Der global bedeutendste Rohstoffimporteur fuhr seine Bezüge während der Krise überraschend stark zurück. Laut einer Schätzung des Datenanbieters Vortexa fielen Chinas Erdölimporte auf dem Seeweg im Mai gar auf ein historisches Tief. Dadurch wurden Kapazitäten frei, die in andere Länder umgeleitet werden konnten. Gemäss Bloomberg wurden etwa einige Tanker mit Erdöl aus Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die sonst nach Asien gefahren wären, nach Europa umgelenkt.Branchenkenner rätseln derweil, wie Peking, das bis anhin einer der wichtigsten Käufer von Erdöl aus dem Golf war, dieses Kunststück fertiggebracht hat. Und welche Strategie womöglich dahintersteckt. China verfügt zwar über umfangreiche Erdöllager und bezog weiterhin Energieträger aus Russland sowie Erdöl aus Iran, das auf See gelagert worden war.Doch die Reduktion der chinesischen Nachfrage hat wohl auch mit einer Reaktion auf die höheren Preise zu tun. Die Binnennachfrage ging zurück. Elektrizitätswerke wichen auf Kohle zur Stromerzeugung aus. Auch die zunehmende Beliebtheit von Elektroautos hat vermutlich eine Rolle gespielt. Ob diese Faktoren allein ausreichen, um den Rückgang der Importe zu erklären, bleibt offen. Die Bank Goldman Sachs schätzt, dass die Nachfrage nach Benzin im Reich der Mitte im April um 20 Prozent zurückgegangen ist.Die USA steigerten ihre ErdölexporteAuch die USA haben zur Entspannung der Lage beigetragen. Ihre Erdölexporte stiegen seit Kriegsbeginn deutlich an. Im April erreichten die Ausfuhren von Erdöl mengenmässig gar einen Rekord. Auch die amerikanische Produktion von Flugzeugtreibstoff, der andernorts knapp wurde, zog an.Ein Teil des amerikanischen Exportanstiegs ist auf die Freigabe strategischer Reserven zurückzuführen. In Reaktion auf die Krise am Persischen Golf brachten die 32 Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur 400 Millionen Fass Erdöl aus ihren Lagern auf den Markt. Dennoch schätzt Robin Brooks, Ökonom an der Brookings Institution in Washington, dass die höheren amerikanischen Ausfuhren nicht allein auf die Freigabe der Reserven zurückzuführen seien. Ebenso wichtig dürften laut Brooks die gestiegenen Preise für Erdöl und Destillate wie Kerosin gewesen sein, welche amerikanische Produzenten veranlassten, ihre Lieferungen in die importabhängigen Länder Asiens auszuweiten.Dass die Energiepreise nicht so stark angestiegen sind wie befürchtet, hat also zuallererst mit den funktionierenden Märkten zu tun, die schnell auf die gestiegenen Preise reagiert haben. Dazu kommt, dass der Verkehr in der Strasse von Hormuz nie vollständig zum Erliegen kam, auch wenn das Risiko von Seeminen sowie das iranische Mautsystem die Schifffahrt in der Meerenge sehr stark beeinträchtigten. Einige waghalsige Reeder, besonders solche mit Beziehungen zu Iran, wagten trotzdem die Durchfahrt. Daten von «Lloyd’s List» zeigen, dass die Passagen ab April zunahmen. Gemäss der «New York Times» begleitete die amerikanische Marine 70 Schiffe aus dem Golf.Wertvoll waren auch die Ausweichmöglichkeiten durch zwei Pipelines: nämlich die Leitung von den Emiraten nach Fujairah am Golf von Oman sowie jene quer durch Saudiarabien nach Yanbu am Roten Meer. Mit einem Volumen von etwa 9 Millionen Fass Erdöl pro Tag konnte fast die Hälfte der Ausfälle durch die Blockade der Meerenge dank diesen Leitungen wettgemacht werden.Der Terminpreis für ein Fass Rohöl der Sorte Brent gab in Reaktion auf die Vereinbarung zwischen Iran und den USA nach. Seit Beginn dieser Woche ist der Preis um 8 Prozent auf 80,6 Dollar pro Fass gesunken. Entsprechend erwarten Anleger, dass sich die Erdöl- und Erdgasexporte durch die Strasse von Hormuz allmählich wieder normalisieren. Doch diese Zuversicht könnte womöglich verfrüht sein.Auch Tankstellen im Gliedstaat Florida bekamen die wirtschaftlichen Folgen zu spüren.Marco Bello / ReutersDie Wasserstrasse bleibt umstrittenDer Text des Abkommens ist noch nicht publiziert worden, und die Angaben der beiden Seiten zu den Details sind widersprüchlich. Schiffe dürfen die Meerenge angeblich 60 Tage lang ungehindert passieren. Was danach gilt und ob Iran tatsächlich langfristig auf Zölle und andere Transitgebühren verzichtet, bleibt offen.Der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance erklärte, es würden keine Zölle an der Meerenge erhoben werden. Doch ein Sprecher des iranischen Aussenministeriums sagte, dass mit «Gebühren» zu rechnen sei. Die iranische Nachrichtenagentur Fars meldete ominös, dass die Regelung der Schifffahrt im Persischen Golf in Zusammenarbeit mit Iran und Oman ausgestaltet werde.Das Regime in Teheran präsentiert sich inzwischen als grossen Gewinner im Krieg gegen die USA. Donald Trumps Regierung sei gezwungen worden, auf die Vereinbarung einzugehen. Mit der Sperre der Strasse von Hormuz hat Iran ein neues Druckmittel für sich entdeckt; geopolitisch befindet sich die Islamische Republik derzeit in der stärksten Position seit ihrer Gründung im Jahr 1979. Fortan kann Teheran jederzeit die Rohstoffausfuhren durch die Meerenge stoppen.Die arabischen Staaten am Golf müssen mit einem zunehmend feindseligen Nachbarstaat leben lernen. Sie werden also versuchen, mithilfe neuer Infrastruktureinrichtungen und Verteidigungsanlagen ihre Erdöl- und Erdgasexporte, und damit ihren Wohlstand, zu sichern.Der Bau der saudischen Pipelines und jener der Emirate hat sich allemal gelohnt. Deshalb wollen die Vereinigten Arabischen Emirate den Bau einer zweiten Leitung nach Fujairah nun beschleunigen und 2027 fertigstellen. Der Chevron-CEO Mike Wirth erwartet mehr solche Projekte: Kuwait und der Irak könnten sich eine Pipeline durch die Türkei ans Mittelmeer überlegen, um die Strasse von Hormuz zu umgehen.Ein chinesischer Tanker vor Hongkong: China und andere asiatische Länder zählen zu den wichtigsten Abnehmern von Erdöl aus dem GolfEine Entwarnung wäre verfrühtEs ist deshalb denkbar, dass der Schiffsverkehr durch Hormuz nie wieder sein Vorkrisenniveau erreicht. Nachdem Frachter von den Huthi-Rebellen aus Jemen vor einigen Jahren angegriffen worden waren, hat sich der Verkehr durch den Suezkanal und den Bab al-Mandab am Südende des Roten Meers nie wieder erholt. Viele Reedereien nehmen zur Sicherheit lieber den Umweg über die Südspitze Afrikas.Auch in den nördlichen Industrieländern werden die Ereignisse der vergangenen Monate noch lange nachwirken. Für Europa bestätigt sich erneut, was bereits 2022 deutlich wurde: Die Energiesicherheit erfordert gut diversifizierte Bezugsquellen und gute Lagerbestände. Auch der Ausbau erneuerbarer Energiequellen dürfte weiter Fahrt gewinnen.Ganz ausgestanden ist das Risiko für Europa und Nordamerika übrigens noch nicht. Scheitert das Abkommen zwischen Iran und den USA, bleibt die Durchfahrt durch die Strasse von Hormuz eingeschränkt. Die Lagerbestände, die in den vergangenen Monaten die Versorgungslage stabilisierten, sind jedoch fast ausgeschöpft. Vor einigen Tagen noch warnten der Chevron-CEO Wirth wie auch Jeff Currie, ein angesehener Berater des Finanzhauses Carlyle Group, vor einem Engpass in den Sommermonaten. Sollte sich die Lage am Golf nicht entschärfen, könnte es doch noch brenzlig werden.Passend zum Artikel
Hormuz-Blockade: Warum die Rohstoffkrise ausblieb
China und die USA haben den Erdölmarkt während der Blockade der Strasse von Hormuz stabilisiert. Über dem Schiffsverkehr durch die Meerenge schwebt weiter ein Fragezeichen.















