Die Welt atmet auf – oder auch nicht. Nach der Unterzeichnung des Rahmenabkommens zwischen den USA und Iran ist die Lage im Nahen Osten volatil. Ob und wann die Blockade der Straße von Hormus beendet werden könnte, ist unklar. Durch die Meerenge verlief vor Beginn des Iran-Kriegs rund ein Fünftel des globalen Rohölhandels. Die Sperrung hatte den Ölpreis zeitweise auf über 100 Dollar je Barrel getrieben und die Inflationsraten im Euro-Raum auf 3,2 Prozent und in den USA auf 4,2 Prozent steigen lassen. Nun stehen die Zentralbanken vor einer heiklen Frage: Sollen die Leitzinsen angesichts des Preisdrucks erhöht werden?Die Europäische Zentralbank hat vorletzte Woche beschlossen, den Einlagensatz um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent anzuheben; ein weiterer Schritt ist nicht ausgeschlossen. Auch der neue US-Notenbankchef Kevin Warsh deutete am Mittwoch – dem Tag des Iran-Abkommens – an, dass er Zinserhöhungen in Betracht ziehe. Das mag überraschen, denn auf den ersten Blick dürfte der Inflationsdruck bald nachlassen: Der Ölpreis ist nach Bekanntgabe des Iran-Deals auf rund 80 Dollar je Barrel gefallen. Doch kaum ein Zentralbanker gibt bereits Entwarnung. Ist die Lage womöglich gefährlicher, als sie erscheint, und besteht das Risiko, dass die Inflationsrate – wie 2022 – erneut in Richtung zehn Prozent steigt?Der Ölpreis fällt, aber das kann sich schnell ändernPrasanna Gai, Professor für Makroökonomie an der University of Auckland, warnt davor, die Inflationsgefahr zu unterschätzen. Er bezeichnet den Iran-Krieg und die Schließung der Straße von Hormus als „Hub-Shock“, einen „Knotenpunktschock“, der sich deutlich von anderen preistreibenden Angebotsschocks unterscheide. Die Schließung von Hormus, so Gai, habe die Vernetzung der globalen Lieferketten getroffen und hier insbesondere die wichtige Funktion von Energieversorgung, Logistik und Schifffahrtsrouten beeinträchtigt. Diese Knotenpunkte seien unentbehrlich für die Produktion in praktisch jedem einzelnen Wirtschaftssektor. „Wenn der ‚Hub‘ durch einen Schock beeinträchtigt wird, ist die Frage nur noch, ob es irgendeinen Wirtschaftssektor gibt, der nicht betroffen ist“, sagt der Ökonom. Ein Hub‑Schock, so Gai, wirke unmittelbar und weltweit, weil nahezu alle Wirtschaftsbereiche von Ölversorgung, Logistik und offenen Schifffahrtsrouten abhingen.Die Konsequenz: Unternehmen würden in dieser Situation keine eigenständigen Einschätzungen mehr darüber treffen, wie lange der Schock anhält. Das könnte einen paradoxen Effekt haben: Obwohl die Ölpreise sinken, erhöhen die Unternehmen ihre Preise weiter, weil sie erwarten, dass auch der Rest der Wirtschaft so handeln wird. Auf diese Weise gewinnt die Inflation eine Eigendynamik. Die Teuerungsrate bei den Verbraucherpreisen in den USA, im Euro-Raum und in anderen europäischen Ländern liegen bereits deutlich über dem Zielwert von zwei Prozent – nicht zuletzt infolge gestiegener Transport- und Düngerkosten sowie höherer Preise für chemische Produkte.„Bei einem solchen Knotenpunktschock wie der Schließung der Straße von Hormus erleben ganz plötzlich sehr viele Unternehmen auf der ganzen Welt einen Kostenschub; das verändert die Wahrnehmung, alle denken und merken gleichzeitig: Wir haben ein Inflationsproblem“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. „Die Inflationserwartungen gehen hoch, und plötzlich hat man ein Inflationsproblem, obwohl die Wirtschaft schwach ist, und es droht Stagflation.“Die Notenbanker erinnern sich an ihre Fehler in früheren KrisenMan kann es auch so beschreiben: Der Schreck über die Blockade der Straße von Hormus ist der Weltwirtschaft nachhaltig in die Glieder gefahren, weil das Vertrauen in eine reibungslose Versorgung mit Rohöl zerstört wurde. Andy Haldane, der ehemalige Chefvolkswirt der Bank of England, vergleicht die Hormus-Blockade historisch mit dem „Lehman-Schock“. „Die Lehren, die Zentralbanken beachten müssen, stammen nicht aus dem Jahr 2022, sondern dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Jahr 2008“, schreibt Haldane in einer Kolumne für die Financial Times.Die Entscheidung der US-Behörden, die Investmentbank Lehman Brothers am 11. September 2008 in die Insolvenz gehen zu lassen, markierte den Ausgangspunkt der globalen Finanzkrise. „Die Übertragungskanäle sind dieselben wie 2008“, findet Haldane. „Das dichte Fadengeflecht moderner Lieferketten führt dazu, dass Störungen an zentralen Knotenpunkten deutlich stärkere und breitere Wellen durch Märkte und Sektoren schlagen, als es herkömmliche geldpolitische Modelle vorhersagen.“ Folgt man seiner Einschätzung, müssten die Zentralbanken die Leitzinsen rasch und entschlossen anheben, um den schwelenden Inflationsdruck einzudämmen.In den vergangenen Wochen haben Ökonomen und Notenbanker immer wieder nach historischen Analogien gesucht, um die aktuelle Lage einzuordnen. Dabei zeigt sich: Die EZB lag in vergleichbaren Situationen bereits zweimal falsch. Sowohl 2008 als auch 2011 trieben vor allem steigende Energiepreise die Inflation nach oben. Die Notenbank reagierte jeweils mit Zinserhöhungen – und musste beide Entscheidungen kurz darauf revidieren. Rückblickend erwiesen sich die damaligen Inflationsraten von drei bis vier Prozent als vorübergehende Ausschläge; die Teuerung ließ bald deutlich nach. Das eigentliche Problem war die schwache Konjunktur, die niedrigere, nicht höhere Zinsen erforderte.Zugleich ist vielen Menschen noch das Jahr 2022 präsent, als die Inflation auf bis zu zehn Prozent kletterte. Damals zögerten Europas Währungshüter zu lange mit Leitzinserhöhungen und beschädigten damit ihre Glaubwürdigkeit. Vor diesem Hintergrund gewinnt nun die These eines „Knotenpunktschocks“ in Analogie zur Lehman-Pleite 2008 an Gewicht. Ein solches Szenario spräche ebenfalls für deutlich höhere Leitzinsen – mit dem Risiko, die ohnehin schwache Wirtschaft weiter zu belasten. Was ist die richtige Maßnahme? Für die Geldpolitik sind es ungemütliche Zeiten.
Inflation und Leitzinsen nach Blockade der Straße von Hormus
Das Abkommen zwischen USA und Iran beendet die Blockade der Straße von Hormus, was Ölpreise und Inflation beeinflusst. Zentralbanken diskutieren Leitzinsanpassungen angesichts globaler Lieferkettenprobleme und steigender Kosten.
Die Blockade der Straße von Hormus trieb die Inflation auf 3,2% (Eurozone) und 4,2% (USA), was EZB und Fed zu Zinserhöhungen bewog. Der „Knotenpunktschock" offenbart das Dilemma: Zinserhöhungen bekämpfen die Inflation, riskieren aber Stagflation in schwacher Wirtschaft – ein Glaubwürdigkeitsfehler wie 2022.









