„Ich verstehe Ihren Unmut“, spricht die erschöpfte Reinigungskraft auf dem blauen Filmplakat am Kino Friedrichshain zu mir, als ich Donnerstag spätabends aus dem Büro nach Hause gehe, vorbei an Fernsehern vor Kneipen und ersten Fahnen auf Balkonen. Weltmeisterschaft, und ich guck nicht mit: Das Maß ist voll (vergleiche F.A.Z.-FIFA-Berichterstattung der letzten zehn Jahre mindestens und bedarf keiner weiteren Erklärung). Bei dieser „Mega-WM“ werde ich als Headcoach und Torwart der Autorennationalmannschaft, als lebenslanger Fußball-Fan und abgehärteter FC-Allesgucker zum ersten Mal nicht mehr mitschauen.Das ist der Plan, ich nenne ihn zunächst vorsichtig „partieller Boykott“ („partiell“, weil ich noch nicht genau weiß, ob ich in den kommenden Wochen nicht zwischendurch einknicken werde). Hierfür habe ich mir die Selbstbezeichnung „Ghostcoach“ ausgedacht, eine Mischung aus „Ghostwriter“ und „Headcoach“, der übergriffig oder auch irgendwie magisch-realistisch über Spiele schreiben wird, die er NICHT geschaut hat – und die ihn aus fußballbiographischen Gründen dennoch hätten interessieren können.Mächtiges NichtwissenDen Beginn macht die Partie USA – Paraguay, die ich in der Nacht von Freitag auf Sonnabend in einem Hotelzimmer im Allgäu nicht geschaut habe. Am nächsten Morgen nehme ich hier mitten in der WM an einem Tischtennisturnier teil, das ein Freund zur Feier seines 55. Geburtstags ausrichtet.Das Spiel der Gastgebernation hätte mich vor allem wegen meiner mittlerweile gebrochenen Liebe zu Amerika (Entschuldigung, Amerika: Ich meine die USA) interessiert. Aber Nichtgucken heißt natürlich auch Nichtwissen. Nichtwissen gilt es aber gerade jetzt als vermutlich letzte menschliche Fähigkeit (Stichwort Sokrates!) hochzuhalten, wenn demnächst unser Wissen endgültig in die KI ausgelagert worden sein wird.Mein Nichtwissen über das Spiel ist groß. Es erstreckt sich von den Kadern der beiden Teams Paraguay und USA (das Kicker-WM-Spezialheft mit den schönen bunten Mannschaftsfotos wurde diesmal zögernd, aber bewusst auch nicht gekauft!) hin zu den Aufstellungen, von da aus weiter auf den Austragungsort (New York?), wo es über den Spielverlauf und natürlich auch das Ergebnis herrscht. Dieses mächtige Nichtwissen endet jedoch, wenn es um Sport und Amerika und Sport in Amerika geht.Nicht von jedem gesehen: Folarin Balogun (Nummer 20) bejubelt mit Chris Richards den Sieg des US-Teams über Paraguay.dpaSelbst Fußball gespielt habe ich in den USA allerdings nur am Strand, dafür bin ich immer wieder ausführlich in Amerika gelaufen: im Central Park von New York um das Reservoir wie der „Marathonmann“. Entlang der Küste von Waikiki Beach auf Hawaii wie „Magnum“. Oder auf Amelia Island, wo ich vom Morgenlauf mit der frisch gekauften „New York Times“ ins Bed and Breakfast zurückkam, um von den ansonsten supernetten Senioren auf dem Sonnendeck streng getadelt zu werden: „You know that this is a bad newspaper!“Das mit dem Laufen erwähne ich an dieser Stelle, weil gegen die Fußball-Dominanz einer WM auch andere Sportarten (wie eben Jogging und Tischtennis) hochgehalten werden sollen. Und um bereits eine Ambivalenz-Erfahrung mit Amerika einzuleiten, die dann doch noch in zwei Highlight-Erfahrungen mit Soccer in the USA mündet:Friedliche Schwule statt HooligansDie erste handelt von dem Stadionbesuch einer Major-Soccer-League-Partie in Portland, Oregon, wo ich mal eine Zeit lang leben durfte. An einem windigen Sonntag ging ich zu einem Heimspiel der Portland Timbers, das in einem zum Fußballstadion umfunktionierten malerischen alten Baseballstadion auf Kunstrasen ausgetragen wurde. Bärtige Muskelmänner in körperbetonten Timber-Trikots bevölkerten die Straßen. In Europa würden sie als aggressive Hooligans durchgehen, hier entpuppten sie sich jedoch als friedliche Schwule, die im Stadion ihre Regenbogenfahnen schwenkten.Nach jedem Tor wurde an der Seitenlinie mit einer Motorsäge eine dicke Scheibe von einem Redwood-Baumstamm abgeschnitten: Fröhliche Heavy-Metal-Folklore traf auf entspannte Fußball-Party, während etwas abgehalfterte Legionäre aus Brasilien und Mexiko ein 2:2 hinbekamen, das in Deutschland zweifellos Drittliga-Niveau erreicht hätte. – Happy liberal Soccer-Portland reichte allerdings damals schon nur bis zur Stadtgrenze. Im ländlichen Oregon drumherum lauerte dann schon das andere, gefährliche Amerika mit Trailer-Park-Rednecks, Schusswaffen und Südstaaten-Fahnen.Und Happy Soccer-America mit Heldinnen wie Megan Rapinoe, der Alison Bechdel des Weltfußballs, reichte vor allem nicht bis zu meiner zweiten Fußballerfahrung in Portland mit europäischen Expats: Das legendäre Euroleague-Comeback meines Vereins schaute ich mir seinerzeit zur besten Mittagszeit in einem Portland-Pub an: Arsenal – 1. FC Köln lief live im Beulah Land, einer runtergerockten Arsenal-Kneipe auf der North East 28th. Im schwarzen FC-Torwart-Trikot stand ich einsam jubelnd im Raum, als „wir“ völlig überraschend durch Córdoba in Führung gingen.Ich kassierte das geballte Schweigen der versammelten Arsenal-Expats, die um diese Uhrzeit bereits gut am Glas waren – und in der Folge mit jedem Gegentreffer, den der FC bekam, ein bisschen aggressiver in Richtung FC-Trikot zurückjubelten – Europa, du bist auch nicht besser.Wenn Sie sich an dieser Stelle darüber hinaus ein Bild meiner Gefühle für diesen WM-Boykott machen möchten, schauen Sie sich bitte den phantastischen Bildband „Torhüter“ an (Hartmann Books, Stuttgart 2026). Der holländische Fotograf (und Torwart!) Hans van der Meer hat jahrzehntelang auf europäischen Amateurplätzen einsame Amateur-Torhüter vor ihrem Kasten fotografiert. Es sind großartige Landschaftsbilder des Fußballs: Zu sehen ist immer nur die Platzhälfte, in der gerade nichts los ist. Ein Torwart steht allein in der Morgen- oder Abendsonne seines Strafraums (wo ab und zu noch ein verletzter Mitspieler rumliegt) und starrt auf die andere Seite, wo (vermutlich) gerade Action und Ball sind.Und jeder der Amateurplätze liegt in einer Landschaft hinter dem Fußball: Weite Wiesen, Täler, Berge, Meeresküsten, Industriegebiete, Klein- und Großstädte. Jede Menge Welt also, bei der es fast den Eindruck hat, der Torwart würde nicht das Tor vor dem Ball behüten, sondern das Tor den Torwart vor der Welt und gezielt mich vor der Weltmeisterschaft dahinter …Zurück in der Gegenwart des Boykotts verschenke ich im Allgäu nach sieben überstandenen Tischtennis-Runden im Halbfinale leichtfertig den Turniersieg. Danach Mittagsschlaf (ich musste ja auch noch nachts das Spiel nicht gucken) und Anruf vom FC-Sohn: El Mala wechselt gerüchtehalber nach Hoffenheim und das Ergebnis USA – Paraguay. Es gibt wohl einen neuen Turnierfavoriten.
Fußball-WM 2026: Der Boykottversuch von Schriftsteller Andreas Merkel
Andreas Merkel ist nicht nur Schriftsteller, sondern bekennender Fan und Kenner des Fußballs. Erstmals in seiner WM-Geschichte schaut er weg – und schreibt darüber.













