In der letzten Woche dieser Mega-Maga-Disney-WM gucke ich Sonnabendnacht das Spiel um Platz drei zwischen den längst ausgeschiedenen Favoriten England und Frankreich nicht, weil es sowieso nur auf Magenta läuft. Stattdessen möchte ich als Ghostcoach ein letztes Mal nicht im Anti des Wesens eines Boykotts steckenbleiben, sondern mich daran erinnern, was schön am Fußball ist.Es sind das Spiel und die Beobachtung. Irgendjemand hat sich das mal ausgedacht: Ein Spiel mit nur einem Ball, den man rumschießt, auf einem Feld mit Linien und Toren, alles genau ausgedacht und ausgemessen. Dazu ebenso genau ausgedachte Regeln, die das Spiel erklären: Es gibt zwei Mannschaften, der Ball muss ins Tor. Es gibt Moral: Fairplay – die Spieler sollen den Ball, nicht andere Spieler treten. Deswegen wurden Trainer, Schiedsrichter, Foul, Abseits, Karten und die Beobachtung des Spiels durch andere Menschen dazu erfunden.Die Beobachtung versautDenn beim Spiel geht es darum, Menschen in künstlich erzeugte Extremsituationen zu bringen, die sich beim Spielen und Schauen trotzdem absolut echt anfühlen und also das absolute Gegenteil zum normalen Leben (Stichwort: Entfremdung) sind.Das Ganze wurde ein gigantischer Erfolg, vor allem, was das Beobachten angeht, und führte zur Erfindung von weltweiten Wettkämpfen, die von Menschen in Ehrenämtern organisiert werden mussten, die sich gemäß der mafiosen Natur der Ehre bald fragten, was denn diese Ehre wert sei, und so kamen sie recht bald auf entsprechende Aufwandsentschädigungen, Marketingverträge und Fernsehrechte, die einem die Beobachtung recht bald versauten, um die es hier doch eigentlich gehen soll.„Geil, ein Fußballplatz!“Deswegen lieber schnell wieder zurück zum Anfang und der Reihe nach:Das Spielfeld. Man kennt das: Beim Spazieren durch triste Vororte und Industriegebiete, beim Fahren auf der Autobahn oder im Zug … – und plötzlich: „Geil, ein Fußballplatz!“ Geniale global gültige Geometrie, Heimatgefühle von Freude in der Fremde, vielleicht am intensivsten und magischsten beim Blick aus kleinen Flugzeugfenstern im An- oder Abflug auf abendliche Städte, wenn aus diesen weltenthobenen Augenblicken tief unter der Maschine kleine grüne Oasen im Flutlicht auftauchen, wo gerade trainiert wird.Kleine grüne Oase: der Fußballplatz mit seiner global gültigen Geometrie als LichtblickAnton VesterDas Spiel. Hier sind vor allem die Einfachheit und Erklärbarkeit von Idee und Zählweise im Gegensatz zu zum Beispiel Tennis zu loben. Versuchen Sie mal, jemandem Fachfremden 40:30 und dann Einstand zu erklären. Ich komme auf Tennis, weil ich mich in den vergangenen Wochen des Nichtguckens sportbeobachtungskompensatorisch vor allem diätetisch von Highlight-Clips aus Wimbledon ernährt habe.Als Tennistrainer unterrichtete ich mal ein Senioren-Team aus Hohn, Schleswig-Holstein, die die Schläge immer ganz genau erklärt haben wollten: Als könnte man eine Rückhand Top-Spin rein theoretisch in analytischen Einzelschritten verstehen und lernen. Beim Fußball versteht dagegen jeder sofort, dass es um den Flow geht, der natürlich auch in die grandiose Langeweile eines 0:0 münden kann, das ist ja das Einfache daran.Die (künstlich erzeugte) Extremsituation. Denn Einfachheit und Langeweile bilden gewissermaßen die Grundlage der (künstlich erzeugten) Extremsituationen, auf deren emotionale Reinheit einen nichts im Alltag vorbereitet hat. Es ist nur ein Spiel, aber alle – Spieler, Trainer, Zuschauer – flippen aus: Bis eben führte England noch 1:0, jetzt steht es 2:1 für Argentinien, und die Falkland-Inseln kehren heim. Der Wahnsinn.Der Trainer. Als Trainer empfiehlt es sich, den Wahnsinn des Fußballs aus dem Effeff selbst zu kennen: Panik, Euphorie, Ärger, Hass, Verbrüderung, oft alles gleichzeitig. Als Headcoach musste ich schon tobende Mitspieler auf Zypern im Schwitzkasten vom Platz führen, weil sie die klare rote Karte wegen Handspiels im 16er nicht akzeptierten (Der Kollege war selber Schiri und der Meinung, man muss so ausrasten, sonst wird man nicht gehört, und wurde später von uns rausgeschmissen.).Hör mal zu: Mbappé erklärt Schiedsrichter Ivan Barton im Halbfinale gegen Spanien, worauf er pfeifen könnte.dpaAls Ghostcoach schwebte mir vor, während dieser WM den Boykott zu nutzen, um alte Tagebücher auszumisten und als Privatgelehrter mein „Memoir“ über den Headcoach der Autonama (Autorennationalteam/d.Red.) zu schreiben. Das Vorhaben ist gescheitert, weil die Tagebücher an der Nacherzählbarkeit des Wahnsinns scheiterten. Statt Spielberichten aus Norwegen (vgl. FAZ vom 13. 7. 2026) gibt es Einträge wie:„28. 5. 2010. LYRIK LÄNDERSPIEL. Wir spielen Fußball, wie andere Gedichte schreiben. Langsam, laut und dilettantisch, ab und zu mit einer schönen Kombination, die uns gerade genug zum Weitermachen ist. Wir sind – wieder lautstark – Ungerechtigkeiten unterworfen, wir foulen und werden gefoult, wir gehen glücklich in Führung und kassieren ärgerliche Gegentore, wir hassen einander und reden uns gut zu, wir rasten aus und umarmen uns, nachher auch den Gegenspieler.Wir geben nicht auf, wir glauben an Wunder, wir sind deutsch, wir verstehen keinen Spaß, weil es uns sonst keinen Spaß macht, verklemmt kommen wir aus uns raus, biegen das Ding, holen den Pokal, singen – ein Schuss, ein Tor: die Schreiber –, sind Kinder in Nationaltrikots. Die Hymnen wurden gespielt, als wir uns noch einliefen…“Die Beobachtung. Wird live gemacht und schließt niemanden aus – egal, was Steffen Baumgart meint („Da haben Sie ein anderes Spiel gesehen.“). Auch der fußballhassende Yoga-Vater verstand auf dem am selben Abend stattfindenden Abi-Ball beim Mitgucken auf den Smartphones der Kinder, dass gegen Paraguay im deutschen Mittelfeld und mit der Körpersprache des Trainers etwas nicht stimmte. Fußball verbindet, jenseits aller Sender-Empfänger-Probleme.Oberste Coaching-Regel: You can never tell anybody anything, I’ve learned that („Man kann niemanden jemals was erzählen, das habe ich gelernt“/Lou Reed, Songs for Drella, 1990). In der Autonama werden trotzdem aus Natural Born Eigenerzählern, die einander nicht lesen, halbwegs soziale Typen, die miteinander Fußball spielen und anschließend noch das Spiel zusammen gucken. Letzte Woche konnte ich nicht mittrainieren und schaute das letzte WM-Halbfinale heimlich allein. An diesem späten Mittwochabend wollte ich auf den korrupten Trost, den es bedeutet, biertrinkend andere bei der Kunst, gegen einen Ball zu treten, zu beobachten, nicht verzichten. Es bleibt das beste Spiel.
Fußball-WM 2026: Was schön am Fußball ist
In den letzten Tagen seines WM-Boykottversuchs erinnert Andreas Merkel an die Gründe für den riesigen Erfolg des Spiels, wie es Literaten ausrasten und zusammenfinden lässt und wann er heimlich hingeschaut hat.












