In der dritten Turnierwoche hat der Ghostcoach dieser WM-Boykott-Kolumne auf einmal viel Zeit. Denn das Team, das ich diesmal nicht gucken wollte, ist längst ausgeschieden: Aus irgendeinem Grund – vermutlich falsches Expertentum – war ich mir sicher, dass es die Türkei auf jeden Fall ins Sechzehntel-, wenn nicht ins Achtelfinale schaffen würde. Die wahren Gründe, dass es nicht so kam, verstecken sich in dem Zeitungsstapel aus WM-Beilagen, die hier ungelesen herumliegen und also glücklicherweise auch nicht mehr zusammengefasst werden müssen.Deswegen nutze ich diese Tage, um weiter dem Ideal einer fußballbefreiten „Gelehrten-Existenz“ näherzukommen: In den kühlen Hallen meiner Privatbibliothek (35 Quadratmeter in Berlin-Mitte) höre ich das neue Miles-Davis-Album „56“ und lese die Erzählung „25. August 1983“ des großen argentinischen Fußballautors Jorge Luis Borges, wo er sich selbst auf Englisch begegnet (was vielleicht aber auch nur daran liegen kann, dass ich sie auf Englisch lese). Zum WM-Schauen bei Freunden werde ich längst nicht mehr eingeladen: „Du darfst ja nicht gucken“ heißt es dann, mittlerweile eher neidisch als bemitleidend.Schonungsloses DFB-GedichtAm Dienstag checke ich auf meiner Radtour in den östlichen Außenbezirken Berlins die Fahnendichte (eine einsame Deutschlandfahne an einem Handwerker-Van in der Märkischen Allee). Am Mittwoch werden die Autonamas (Die Autorennationalmannschaft/d. Red.) auf dem Fußballplatz von Blau Weiss Berolina Mitte für unsere Absage beim Hitze-Turnier letzten Sonnabend von den Granden vor Ort als „milde 20°-Grad-Fußballer“ verhöhnt.Zur Aufarbeitung des Gewesenen lese ich dem Team am Mittelkreis vor dem Training das schonungslose DFB-Gedicht „bilanz“ (F.A.Z., 1. Juli 2026) vor – es stammt von unserem alten Torwartkollegen Albert Ostermaier und wäre nur noch besser gewesen, wenn es „julianz“ geheißen hätte.Weitgehend eingeholt: In Deutschland wird kaum noch Flagge gezeigt – nach dem Desaster bei der WM.dpaAm Donnerstagmorgen gehe ich, wie immer nach dem Fußball humpelnd, durch Prenzlauer Berg zurück in die Schreibwohnung. Im Ladenfenster einer Kinder-Alten-Begegnungsstätte sehe ich ein mögliches Programm für die Zukunft: „Montag: Quiz, Rätsel & Gedächtnistraining mit Klaus, Dienstag: Stuhlgymnastik I, Mittwoch: Tanz mit Kordula (Kurs ist voll), Donnerstag: Ehrliches Mitteilen, Freitag: Wandergruppe und Kinderschach“.Aber bis dahin gilt es natürlich erst mal, eine WM zu boykottieren und trotzdem vom Fußball nicht loszukommen. So suche ich dringend jemanden, der mit mir ins Kino geht, um drei Stunden „Dry Leaf“ zu gucken. In dem neuen Film von Aleksandre Koberidze geht es offenbar vor allem darum, in georgischen Provinzdörfern nach verlassenen Fußballplätzen zu suchen – was für ein phantastisches Vorhaben, gedreht mit einem alten Sony-Ericsson-Handy, „es zeigt weniger, und gerade dadurch entsteht Raum für Fantasie“ (Koberidze in der „taz“).Während der WM über ausgeschiedene Teams nachzudenken, fühlt sich ein wenig so an, wie in der Provinz einsamen Bolzplätzen nachzuforschen. Die Türkei wird zum Ghost-Team. Zum Glück verfügt die große, stolze Fußballnation aber wie Deutschland auch über eine nicht ganz so große Autorennationalmannschaft in der Hinterhand.2011 haben uns die türkischen Autoren als Revanche für Unna nach Istanbul eingeladen. In Unna hatten wir sie im Vorjahr noch knapp im Elfmeterschießen beim Finale der Autoren-EM schlagen können. Der Trip nach Istanbul war damals rund um das EM-Qualifikationsspiel Türkei–Deutschland organisiert – und wurde vor allem für mich eine Reise ins Reich des Fehlersports, der Fußball ja nun mal auch ist.Nichts gelernt: Die Kunst des Nationaltorwarts beim EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei 2011 in Istanbul verhindert nicht den Lapsus des „Ghostkeepers“.dpaBei den Profis im Stadion von Galatasaray bewunderten wir zunächst live Manuel Neuer, der das Torwartspiel damals auf eine leichtfüßig-stabile Weise neu interpretierte, die sich vielleicht nur mit Roger Federers Tennis vergleichen lässt. Anderntags waren wir dran: Auf einem wunderbaren Amateurplatz mit Blick über den Bosporus versuchte ich einen Fernschuss mit einer Hand zu halten, als würde ich Mitspielern im Mittelfeld zuwinken – die dann nur noch entgeistert zurückstarrten, wie der Ball über mir ins Tor fiel.Wir verloren klar, und ich – erst drei Jahre zuvor wegen Knieproblemen vom Feld ins Tor gewechselt – begegnete mir selbst nicht als Borges, sondern als lächerlich ausgedachter Torwart: ein Ghostkeeper. – „Thank God, Ostermaier didn’t play“, meinte der 1,70 große türkische Keeper nach dem Spiel zu mir (weil Ostermaier auf Lebenszeit bei den Türken der Fame des Elfer-Killers von Unna umweht). Danach verstanden wir uns aber alle wieder hervorragend: Wenig schweißt mittelalte Autoren weltweit herzlicher zusammen als gemeinsam überstandener schlechter Fußball.Vielleicht ist das die große Magie im harten Realismus des Sports: Die Chance, Fehler zu machen wie selten sonst im Leben, die einen dafür allein schon beim Zuschauen mit einem grandiosen Risiko-Gefühl für die eigene Sofa-Existenz belebt.In dem pünktlich zur WM erschienenen Roman „Panenka“ (Blessing, 2026) von Ronan Hession verschießt der Protagonist Joseph den entscheidenden Elfmeter für sein Team, den „FC Seneca“. Weil Joseph einen Panenka versucht und der Torwart einfach stehen geblieben ist und den Ball fängt, gelingt allen Beteiligten nie wieder etwas im Leben, es ist wie ein Fluch: Der Verein verliert jedes Spiel, Joseph wird im Pub nur noch als „Panenka“ verspottet, von seiner Frau verlassen, leidet unter unerträglichen Kopfschmerzen und wird am Ende eventuell nur noch ein bisschen von der Liebe gerettet, wie sich das im Roman gehört.Ganz so schlimm kam es für den Ghostkeeper nicht, der sich jetzt dennoch gebannt an weitere Torwartfehler erinnert. Sie laufen wie Selbsterkenntnisse in Ultra-HD vor dem inneren Auge ab. Während sich die guten Spiele und Paraden eher anfühlen, als wären sie unscharf mit einem alten Tastenhandy für georgisches Arthousekino gefilmt worden – weniger zeigen, mehr Raum für Phantasie: „Ja, ja, wird schon geil gewesen sein, wie du gegen den SPIEGEL in der Medienliga den Neunmeter gehalten hast und zur Buchmesse in Basel den Seitfallzieher des Schweizers rausfischtest …“Borges geht dann lieber noch auf den Balkon der Schreibwohnung, über dem Bolzplatz der Schule nebenan. Er ist zum Glück nicht verlassen, auf ihm ist immer was los, rumkickende und -schreiende Kids den ganzen Tag. Borges raucht eine American Spirit und ruft dem kleinen Schreihals im Messi-Trikot unten zu, er soll endlich die Klappe halten und lieber Tore sprechen lassen. Dann überlegt er, wo er Brasilien–Norwegen nicht guckt.
Fußball-WM 2026: Große Magie im harten Fußball-Realismus
In Woche drei seines WM-Boykottversuchs wird Andreas Merkel nicht mehr zum Fußballgucken eingeladen. Er checkt Berlins Flaggendichte und enthüllt, was Manuel Neuer nicht lehrte.






