Am Ende, als die meisten Parteimitglieder schon auf dem Nachhauseweg sind, stellen sie Sektflaschen auf den Tisch: die Mitglieder der Sondierungskommission der Frankfurter Grünen, die in den vergangen 13 Wochen nach eigenen Angaben „hart“ gekämpft haben, damit „diese Stadt weiter grün geprägt ist“. Zu diesem Zeitpunkt hat die Parteibasis dem ausgehandelten Koalitionsvertrag mit breiter Mehrheit zugestimmt und die von der Grünen Jugend geforderten Nachverhandlungen abgelehnt. Nur 29 der 163 Mitglieder votierten mit Nein, vier enthielten sich. 130 Mitglieder und damit 80 Prozent der Grünen haben für das Vertragswerk gestimmt.Die Basis akzeptiert auch das Verfahren, zunächst „inhaltlich sinnvolle“ Zuschnitte der künftig nur noch drei statt bisher fünf Dezernate zu ermitteln und daraus Personalvorschläge „aus der Gruppe derjenigen, die bereits hauptamtliche Verantwortung im Magistrat tragen“, abzuleiten. Partei- und Fraktionsvorstand sollen gemeinsam mit zwei Vertretern der Grünen Jugend bis zum 24. Juni Vorschläge erarbeiten. Die Zeit drängt. Formalien zwingen die Partei zu entscheiden, ob im August Nochbürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg in neuer Funktion in den Magistrat gewählt wird oder ob es Kämmerer Bastian Bergerhoff ist.Grüne erhalten 2028 eines der SPD-Ressorts: Bildung oder KulturUnumstritten ist, dass Sozialdezernentin Elke Voitl und Umweltdezernentin Tina Zapf-Rodriguez weiter die Grünen im Magistrat vertreten. Die Partei bleibt laut Koalitionsvertrag für Soziales und Umwelt zuständig. Diversität bleibt ebenso ihre Aufgabe. Um das Thema kümmert sich bisher Eskandari-Grünberg.Eine Überraschung bietet der Parteitag mit Blick auf die Aufgaben, die den Grünen künftig zusätzlich zufallen. Das ist nicht nur, wie bisher bekannt, Bauen und Immobilien. Die Grünen sollen 2028 eines der SPD-Ressorts übernehmen, entweder Kultur oder Bildung, wenn die Amtszeiten von Kulturdezernentin Ina Hartwig und Sylvia Weber (beide SPD) enden. Diese Vereinbarung steht in einem Zusatzpapier.Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, warum die Parteisprecher Tara Moradi und Burkhard Schwetje zum Auftakt darauf hinweisen, dass der Koalitionsvertrag nicht nur „zahlreiche grüne Projekte und Zielsetzungen“ enthalte, ja sogar „an vielen Stellen Formulierungen aus unserem Wahlprogramm übernommen wurden“, sondern dass er den Grünen „mit drei großen bis sehr großen Dezernaten Einflussmöglichkeiten im Magistrat sichert“.„Habt ihr einen Schlag? Vielfalt ist mehr als ethnische Herkunft“Der Konflikt um die Besetzung des dritten Dezernats schwelt längst in der Partei und wird am Samstag mehr oder weniger deutlich ausgetragen. Landtagsabgeordnete Martina Feldmayer warnt, dass es nicht sein könne, „dass wir im Magistrat nur Menschen haben, die keinen Migrationshintergrund haben“. Die bisherige Stadtverordnetenvorsteherin Hilime Arslaner rät den Grünen, „aus der eigenen Bubble herauszukommen“ und zu sehen, wie stark die Unterstützung in der Stadtgesellschaft für das eigenständige Diversitätsdezernat sei.Gegenspieler der Nochbürgermeisterin Eskandari-Grünberg: Kämmerer Bastian BergerhoffBen KilbAls der Vorsitzende des hessischen Flüchtlingsrats, Günter Burkhardt, sagt, dass es ein bundesweites Signal sei, wenn „die starke Person an der Spitze“ abgewählt würde, platzt der langjährigen Stadtverordneten Beatrix Baumann der Kragen: „Habt ihr einen Schlag, dass Vielfalt immer nur unter dem Aspekt der ethnischen Herkunft diskutiert wird?“, sagt sie. Sie selbst sei Frau, lesbisch und behindert und erfülle damit gleich drei Kriterien des Vielfalt-Status der Partei, auch wenn sie blond und blauäugig sei. Die Frage sei doch nur, ob Diversität ein eigenständiges Dezernat bleibe. Es könne doch niemand Bauen und Liegenschaften „noch nebenbei erledigen“.„Grüner kann der Vertrag nicht werden“Erwartbar wäre gewesen, dass der Verlust des Verkehrsdezernats an die CDU bei der Mitgliederversammlung für viel Sprengstoff sorgt. Zwar nennt Stadtverordnete Julia Eberz den Verlust „eine absolute Katastrophe“. Doch gleichzeitig weist sie darauf hin, dass die Grünen ein „Rollback in der Mobilitätswende wie in Berlin mit aller Kraft verhindern werden“. Als entschiedenster Gegner der Koalitionsvereinbarung tritt Norbert Szep vom Radentscheid auf: Mit der Aufgabe des Dezernats seien alle Errungenschaften der vergangenen Jahre „futsch“.Der noch amtierende Verkehrsdezernent Wolfgang Siefert selbst bewertet die Verkehrsthemen im Koalitionsvertrag „in der Summe als wirklich gut“. Der Beschluss zur Fahrradstadt Frankfurt werde „weiterentwickelt“. Das sei für ihn eine Kernbedingung gewesen – „und damit ist auch nicht alles futsch“, auch wenn der Vertrag „natürlich viel CDU-Sprech“ enthalte.Für Omid Nouripour, den Frankfurter Bundestagsabgeordneten, steht ohnehin fest, dass die politische Arbeit „auf der Strecke gemacht wird“. Aufgrund seiner Erfahrungen vertraue er CDU und SPD nicht. Doch dem Vertrag nicht zuzustimmen, bedeute, „dafür zu stimmen, dass die Grünen in Frankfurt nicht in der Regierung sind“. Und Pia Troßbach, einst Sprecherin der Grünen Jugend und Mitglied in der Sondierungskommission, ergänzte mit Blick auf die geforderten Nachverhandlungen: „Grüner kann es nicht werden.“