Es sind drei Buchstaben und eine Botschaft: YDK lautet das Trigramm, das auf Curaçao derzeit überall zu finden ist – auf Hauswänden und Aufklebern, auf T-Shirts, Kappen und Tassen. Es steht für „Yu di Kòrsou“ – ein Ausdruck in der kreolischen Landessprache Papiamentu, der „Kind von Curaçao“ bedeutet.Der Slogan YDK wird als Symbol für großen Lokalstolz gelesen, sagt Sprachforscherin Martha Eckkrammer, Präsidentin der Universität Trier und ausgewiesene Curaçao-Kennerin, im Gespräch mit der F.A.Z. „Vor dreißig Jahren gab es das nicht“, so Eckkrammer, die seit den 1990er-Jahren über Papiamentu forscht und alle zwei, drei Jahre die Insel besucht.Auf die „Kinder von Curaçao“ blicken in diesen Tagen nicht nur Bewohner und Besucher der Karibik, sondern alle, die sich halbwegs für Fußball interessieren. Denn die „Kicker von Curaçao“ konnten sich sensationell für die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko qualifizieren. Sie treffen dort an diesem Sonntag (19 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei MagentaTV) in Houston bei ihrem ersten WM-Auftritt als größtmöglicher Außenseiter auf den viermaligen Weltmeister Deutschland.Mehr „David gegen Goliath“ geht nicht. Die „Elf von Curaçao“ ist stolzer Vertreter einer 444 Quadratkilometer kleinen Insel mit gerade mal 150.000 Einwohnern – der kleinsten Nation, die es jemals zu einer Fußball-WM schaffte. Und Deutschland ist Deutschland. 83 Millionen Einwohner, 83 Millionen Bundestrainer, vier Sterne auf der Brust.„Früher haben immer alle mit den Niederlanden gefiebert“Das Spiel gegen die Deutschen sei „eine ganz große Sache“, sagt Eckkrammer, die als Österreicherin der Partie neutral entgegensehen kann: „Deutschland ist beliebt“, weiß die 57-Jährige dank ihrer zahlreichen Aufenthalte auf Curaçao. Viele Touristen kommen aus Deutschland in die südliche Karibik, besuchen die größte der drei „ABC-Inseln“ vor der Küste Venezuelas, zu denen noch Aruba und Bonaire gehören und die auch als „Inseln unter dem Winde“ bekannt sind.Yu di Kòrsou: Tahiti Chong (l.) feiert mit Mitspielern seinen Treffer im Testspiel gegen Schottland.AP Photo/Scott HeppellSie liegen nicht unter dem Einfluss des Nordostpassats wie die Inseln „über dem Winde“ und weisen deshalb ein trockeneres Klima auf. Stattdessen rollt seit Monaten eine „blaue Welle“ über Curaçao. Die „blaue Welle“ steht für die Trikotfarbe des Nationalteams, das sogar seinen offiziellen Instagram-Auftritt danach benannt hat – doch sie symbolisiert auch die Landesfarbe Blau, die für den Himmel und das Meer steht. Das Blau hat das früher allgegenwärtige „Oranje“ auf Curaçao abgelöst, das sonst bei Fußballereignissen über die Insel wehte.„Früher haben immer alle mit den Niederlanden gefiebert“, erinnert sich Eckkrammer an vergangene Turniere. Die Verbindung mit der einstigen Kolonialmacht sei immer stark gewesen, doch auch die Unabhängigkeitsbestrebungen stetig gewachsen. Im Jahr 2005 stimmte die Bevölkerung Curaçaos dann bei einem Referendum über ihre Zukunft ab. Die Mehrheit entschied sich für den Status als autonomes Land innerhalb des Königreichs der Niederlande. Am 10. Oktober 2010 wurde der Landesverband der „Niederländischen Antillen“ aufgelöst, zu denen neben den ABC-Inseln noch die SSS-Inseln Saba, Sint Eustatius und Sint Maarten gehörten. Offizielles Staatsoberhaupt blieb aber der niederländische König.Baseball ist Nationalsport auf CuraçaoNeben den 150.000 Bewohnern von Curaçao leben noch etwa genauso viele Menschen mit curaçaoischen Wurzeln in den Niederlanden. „Die Verbindungen sind sehr eng“, sagt Eckkrammer: „Junge Leute gehen zum Studieren nach Amsterdam.“ Etwa 120.000 Menschen, so ihre Schätzung, sprechen in den Niederlanden Papiamentu.Die starke Verbindung zwischen der einstigen Kolonialmacht und der heute autonomen Insel lässt sich noch immer am Kader von Curaçaos Nationalmannschaft ablesen, die von der niederländischen Trainerlegende Dick Advocaat betreut wird. Alle WM-Nominierten spielen in europäischen Teams, die meisten in der niederländischen „Eredivisie“. Umgekehrt profitieren die Niederländer bei ihrem Baseballteam von ihrer Verbindung in die Karibik. Denn Baseball ist der eigentliche Nationalsport Curaçaos, ehe die Fußballwelle die Insel erfasste.Durch die Autonomie haben sich Stolz und Status des Kreolischen auf der Insel entwickelt. Noch in den 1990er-Jahren hatte der kreolische Dialekt als lokale Sprache keine größere Bedeutung mehr. Heute sei er hoch angesehen, sagt Sprachforscherin Eckkrammer, und werde sowohl im Parlament als auch im Fernsehen benutzt. Auch Gouverneurin Lucille George-Wout sprach bei ihrem Besuch im niederländischen Parlament jüngst Papiamentu – als Zeichen des neuen Selbstbewusstseins.Offizielle Landessprachen sind daneben aber auch Niederländisch und Englisch. Und je nach Bildungsgrad kommt auch noch Spanisch dazu. Für Eckkrammer ist es faszinierend zu erleben, wie die Kinder der Insel bisweilen alle vier Sprachen im Spiel „kreativ mischen“.Das Nationalgetränk, durch das die Insel auch jenseits des Fußballs weltweit ein Begriff wurde, gilt dagegen als spanisches Relikt. Der „Blue Curaçao“ ist ein Orangenlikör, der aus den getrockneten Schalen der Lahara-Frucht gewonnen wird. Es ist ein historisches Nebenprodukt, denn die Spanier wollten einst Orangen auf dortigen Plantagen anbauen. Doch da es auf Curaçao keine nennenswerten Trinkwasservorkommen gibt, gediehen die Orangen nur sehr kümmerlich. Der herbe Likör aus den Schalen entpuppte sich als lukrative Notlösung – die leuchtend blaue, aber geschmacksneutrale Farbe des Kultgetränks ist ein reiner Marketinggag.Kinder spielen Fußball in Curaçaos Hauptstadt Willemstad.AP Photo/Matias DelacroixDie Tatsache, dass es kaum Trinkwasser auf Curaçao gibt, hat übrigens zur Folge, dass auch die Fußballspiele auf Kunstrasen ausgetragen werden. „Ein Fußballfeld zu pflegen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit“, sagt Eckkrammer. „Niemand hat hier je eine grüne Wiese gesehen.“ Auch auf dem Spielfeld im 15.000 Zuschauer fassenden Nationalstadion in der Hauptstadt Willemstad, wo das „Blue Team“ trainiert und seine internationalen Spiele austrägt, ist Kunstrasen ausgelegt.Das für Fußballer ungewohnte Terrain mag ein kleiner Vorteil in der WM-Qualifikation gewesen sein, bei der Curaçao in allen zehn Spielen ungeschlagen blieb. Der entscheidende Punktgewinn gelang allerdings auswärts, mit einem torlosen Unentschieden in Kingston gegen das favorisierte Jamaika. „Nach dem Spiel sah es aus wie nach Silvester“, erinnert sich Martha Eckkrammer: „Auf der ganzen Insel wurde gefeiert.“ Seitdem rollt die blaue Welle über Curaçao und seine „Yu di Kòrsou“.
Fußball-WM 2026: Wie die "Kinder von Curaçao" den Stolz der Insel bespielen
Ein neuer Slogan, eine einst verpönte Sprache auf dem Vormarsch und eine Notlösung als Nationalgetränk: Vor dem WM-Debüt hat Curaçao seinen Nationalstolz entdeckt. Porträt einer Insel „unter dem Winde“.
Curaçao (150.000 Einwohner) wird kleinste WM-Nation und trifft zum Auftakt 2026 auf Deutschland – David gegen Goliath. Der Erfolg signalisiert gestärkte nationale Kohäsion seit 2010-Autonomie und Papiamentu-Wiederbelebung; Sport katalysiert Zusammenhalt in ressourcenlimitierten Gesellschaften.















