Karibische Klänge sind nicht weit, wenn das Nationalteam von Curaçao auftaucht. Im Hotel, im Bus, im Flugzeug, in der Kabine, an den Trainingsplätzen. Im niederländischen Noordwijk, wo der erste Gegner der deutschen Mannschaft sich auf das WM-Turnier vorbereitet hat, wirkt dieses Temperament ein wenig fremd, urlaubende Rentner staunen, telefonierende Besucher eines Kongresses versuchen, ihre Handys abzuschirmen, aber der einst für Bochum und Hoffenheim spielende und nun bei Miami FC angestellte Stürmer Jürgen Locadia sagt im Gespräch mit der F.A.Z: „Wir haben immer Musik um uns herum, sogar während der Spiele und nach Siegen sowieso.“Diese karibischen Schwingungen bilden einen harten Kontrast zum reichlich altmodischen Nordseeambiente in einem Hotel, dessen Wände mit dunklem Holz vertäfelt sind und wo schwere Teppiche auf braunen Marmorböden liegen. Es gibt hier ein Dick-Advocaat-Penthouse, benannt nach dem Trainer, der hier schon 1994 ein Team in WM-Form brachte: die Niederlande.Jetzt ist der 78 Jahre alte Chefcoach ein Mann der Rekorde. Nie war ein älterer Trainer bei einer Weltmeisterschaft für eine Mannschaft verantwortlich. Zudem ist Curaçao mit seinen 158.000 Einwohnern das kleinste Land, das sich je für so ein Weltturnier qualifizierte. Und die Fußballer, die mehrheitlich bei kleineren Klubs in den Niederlanden unter Vertrag stehen, sind gut vertraut mit dieser Verschränkung der Kulturen.Die meisten von ihnen wurden in den Niederlanden geboren und kennen Curaçao zuallererst als Heimat der Eltern oder Großeltern, während Advocaat in diesem Spannungsfeld zwischen Überschwang und Spießigkeit die Rolle des wohlwollenden Herbergsvaters genießt. Als sein Team zum Abschluss der WM-Vorbereitung mit 4:0 gegen Aruba gewonnen hatte, wippt auch der Mann mit, der aufgrund seines autoritären Führungsstils einst den Namen „kleiner General“ erhalten hat. „Es stimmt, dass ich heute Dinge zulasse, die ich früher nicht akzeptiert hätte“, sagt er jetzt.Curaçaos mit Deutschland vertrauter Spieler Jürgen Locadia: „Wir haben immer Musik um uns herum.“ReutersAdvocaat ist bestens gelaunt vor seiner dritten WM-Teilnahme mit dem nunmehr dritten Team. 1994 war er für die Niederlande verantwortlich und scheiterte sehr knapp mit 2:3 im Viertelfinale gegen den späteren Weltmeister Brasilien. Das Turnier 2006 in Deutschland bestritt er mit Südkorea, und nun ist er mit Curaçao dabei, befreit von allem Druck. „Wenn man unsere Spieler direkt mit denen der anderen drei Mannschaften in unserer Gruppe vergleichen würde, sähen wir aus wie ein Amateurverein“, sagt Advocaat. „Aber auch Amateurvereine können gegen alle Erwartungen gewinnen.“Spieler haben ihre Ehefrauen und Freundinnen dabeiNiemand erwartet irgendetwas von dem winzigen Inselstaat, der erst seit 2010 ein eigenständiges Land ist, aber immer noch zum Königreich Niederlande gehört. Die Menschen auf der Karibikinsel seien „überglücklich“, sagt Locadia, und Advocaat ist geradezu begeistert von seinem womöglich allerletzten Großprojekt als Trainer. „Es ist phantastisch, das alles mitzumachen. (…) Die Leidenschaft, die die Menschen auf der Insel an den Tag legen, ist wirklich unglaublich. Was sich gerade abspielt – und was dies für die Insel bedeutet –, ist schlichtweg großartig. Wir dürfen die Bedeutung dessen keinesfalls unterschätzen.“In diesem Umfeld hat der Altmeister sogar mit einer gebräuchlichen Turniergepflogenheit gebrochen. Statt das Team vom eigentlichen Leben abzuschirmen, haben die Spieler ihre Ehefrauen und Freundinnen dabei, sogar einige Kinder reisen mit. „Unsere Jungs verfügen nicht über solche finanziellen Mittel, wie beispielsweise die Deutschen“, sagt der Trainer. „Wenn diese Spieler also einen ganzen Monat lang auf ihre Familien verzichten müssten, dann wäre das, glaube ich, eine ziemliche Belastung für sie.“Gesprochen wird im Teamhotel fast durchgehend Niederländisch, der einzige in Curaçao geborene Spieler ist Tahith Chong von Sheffield Wednesday, der auch einmal bei Werder Bremen unter Vertrag stand. Alle anderen Nationalspieler sind aufgrund der Verbindungen ihrer Vorfahren für Curaçao im Einsatz. Familien, die Aufstiegschancen und eine bessere Bildung für ihre Kinder wollten, wandern bis heute oft in die Niederlande aus, auch die Großmutter von Locadia.Team Holland II will die Gruppenphase überstehenUnd so ist das Team nun eine Art Holland II bei dieser WM, das auch von vielen Holländern mit großem Interesse verfolgt wird, die keine direkte Verbindung in die ehemalige Kolonie haben. Gerade im Spiel gegen die Deutschen, in dem der kleine Außenseiter möglichst zäh und unangenehm agieren möchte. „Wir müssen erst mal defensiv stehen“, sagt Locadia, nicht nur in der Partie gegen Deutschland.Womöglich reicht ja ein einziger Sieg, um als Zweiter oder Dritter der Gruppe irgendwie ins Sechzehntelfinale zu rutschen. „Je länger wir in den Spielen ohne Gegentor bleiben, desto größer werden unsere Chancen“, erklärt Locadia, „wir sind der Underdog, aber selbstverständlich ist unser Ziel, die Gruppenphase zu überstehen.“Tatsächlich ist vieles vorstellbar in diesem neuen WM-Modus, dessen Auswirkungen noch niemand so richtig abschätzen kann. Es gab zwar schon Turniere, in denen auch Gruppendritte die Chance auf eine Teilnahme an der K.-o.-Phase hatten, aber die lange Dauer dieser WM in Verbindung mit den herausfordernden klimatischen Bedingungen könnte dazu beitragen, dass sehr große Nationen nicht von Anfang an mit dem höchsten Energieeinsatz agieren. Darin liegen Chancen für Außenseiter, wohingegen bei Curaçao schon auch ein paar Irritationen in den Monaten nach vollbrachter Qualifikation die Freude trübten.Zwischenzeitlich war Advocaat aufgrund einer schweren Erkrankung seiner Tochter zurückgetreten und hatte den Posten des Nationaltrainers an seinen Landsmann Fred Rutten abgegeben. Unter nicht ganz geklärten Umständen ist er dann doch zurückgekommen, nachdem es der Tochter wieder besser gegangen war. Von seinem Sponsor ist die Rede, der darauf gedrängt haben soll, auch Teile der Mannschaft seien nicht so glücklich gewesen mit Rutten, die Mischung aus Erfahrung, Altersmilde und natürlicher Autorität Advocaats kommt an.Aber ganz sicher hat auch der Trainer selbst signalisiert, dass er doch für die WM parat stehen würde, nachdem es gute Nachrichten von den Ärzten der Tochter gegeben hatte. „Es war eine schwierige Zeit, weil so viel passiert ist, so etwas kommt im Fußball eben vor“, antwortet Advocaat auf die Frage nach den Hintergründen. Der Mann hat große Lust auf die WM, denn zu den Gewinnern zählt dieses kleine Land schon vor dem Anpfiff des ersten Spiels. Etwas zu verlieren haben vor allen Dingen die Gegner.