PfadnavigationHomeSportFußballWM-DebütantDeutscher Gegner – Nur ein Spieler ist auf Curaçao geborenStand: 10:01 UhrLesedauer: 6 MinutenCuraçaos Fußballnationalteam qualifiziert sich erstmals für die WM. Verbandspräsident Gilbert Martina betont die Bedeutung von Sponsoren, dem erfahrenen Trainer und Teamgeist. „Wir wollen der Welt zeigen, dass Größe nicht alles ist.“Curaçao ist die kleinste Nation, die sich je für eine Fußball-WM qualifiziert hat. Zum Start geht gleich gegen Deutschland. Verbandschef Martina rechnet sich im Interview durchaus Chancen aus.Die große Sensation des kleinen Landes steht schon vor dem ersten WM-Auftritt fest: Nie zuvor hat sich eine Nation mit nur rund 156.000 Einwohnern für die Endrunde einer Weltmeisterschaft qualifiziert. Curaçao ist dies gelungen, am 14. Juni (19 Uhr, MEZ, ARD/Magenta und im WELT-Liveticker) trifft die Mannschaft von Trainer Dick Advocaat zum Start des globalen Kräftemessens auf Deutschland.Im Interview erklärt Gilbert Martina, Präsident des Fußballverbandes von Curaçao, das Geheimnis des Erfolges, gemeinsames Beten innerhalb der Mannschaft und den Plan für die WM. Er ist seit 2023 im Amt und hat maßgeblichen Anteil an der Professionalisierung und Qualifikation des Teams. WELT hat ihn in Glasgow rund um das Testspiel gegen Schottland (1:4) zum Gespräch getroffen. „Wir wollen der Welt zeigen, dass Größe nicht immer eine Rolle spielt“, sagt der Boss.WELT: Curaçao ist das kleinste Land, das sich jemals für die WM qualifiziert hat – mit gerade mal 156.000 Einwohnern. In wenigen Tagen geht es los. Sind Sie inzwischen in der Realität angekommen, oder fühlt es sich immer noch wie ein Traum an?Gilbert Martina: Definitiv, es ist ein wahr gewordener Traum. Ich nenne es eine göttliche Reise, denn der Traum begann vor vielen Jahren, 2002–2003, mit viel Aufwand und Vorbereitung und wurde von Präsident zu Präsident weitergegeben. Ich bin der vierte Präsident der Föderation und habe damals dem ersten Präsidenten geholfen, weil ich für das größte Versicherungsunternehmen gearbeitet habe und einer der Sponsoren war. Als ich 2023 gefragt wurde, ob ich Präsident werden möchte, dachte ich: Warum nicht? Es ist ein schöner Traum, der mit allen – Spielern, Team und dem ganzen Land – wahr geworden ist.Lesen Sie auchWELT: Sie sagen, es war eine jahrzehntelange Mission. Was hat die Qualifikation letztlich möglich gemacht? Lesen Sie auchMartina: Zunächst einmal ging es um die Finanzen. Einer der Hauptkostenpunkte für das Nationalteam sind gute Trainingsbedingungen, Reisen und Unterkünfte. Durch mein Netzwerk habe ich dafür gesorgt, dass wir die richtigen Sponsoren hatten, um die Kosten zu decken. Der zweite Punkt war, einen erfahrenen Trainer zu holen, der das Team auf Ergebnisse vorbereitet. Dafür war Dick Advocaat der richtige: Er sagte zu den Spielern: ‚Ihr spielt aus Spaß, aber ihr müsst für Ergebnisse spielen.‘ In der Qualifikation haben wir das gesehen: zehn Spiele, sieben Siege, drei Unentschieden, keine Niederlage, kaum Gegentore, viele Tore für uns. Es war die Kombination aus Finanzierung und einem erfahrenen Trainer.WELT: Sie sind immer nah am Team dran, beim Training, bei den Spielen, in der Kabine. Wie würden Sie die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft beschreiben? Martina: Es ist eine Mischung aus zwei Dingen: Freude, weil wir Geschichte geschrieben haben: das kleinste Land, das sich jemals für eine WM qualifiziert hat. Aber auch der Wille, der Welt zu zeigen, dass wir nicht nur durch Glück dabei sind, sondern Fußball spielen können und vielleicht Punkte holen, um in die nächste Runde zu kommen. Gleichzeitig ist der Anspruch spürbar, weiter Leistung zu bringen und besser zu werden, um gegen Teams, gegen Giganten wie Deutschland, Ecuador und die Elfenbeinküste zu bestehen.WELT: Was ist das Ziel für die Vorrunde der WM? Martina: Wir wollen möglichst viele Punkte holen, das ist das Ziel, vielleicht ein Spiel gewinnen, ein Unentschieden – das wären drei bis vier Punkte. Mit drei bis vier Punkten besteht die Chance, als einer der besten Dritten weiterzukommen.WELT: Im ersten Spiel geht es gleich gegen Deutschland. Mit welcher Strategie wird Ihr Team als Außenseiter da rangehen?Martina: Das Ziel ist, nicht unter die Räder zu kommen. Wir müssen realistisch sein – und wir haben natürlich großen Respekt vor Deutschland. Deutschland ist viermal Weltmeister und hat ein starkes Team. Wir wollen es Deutschland aber schwer machen, Tore zu schießen. Und je länger das Spiel dauert, desto größer wird der Druck für Deutschland.WELT: Was sind die Stärken ihrer Mannschaft?Martina: Unsere Verteidigung ist gut, wir haben wenige Gegentore in der Qualifikation kassiert. Das Team ist eine Familie, jeder spielt für die Mannschaft. Wir haben keine Stars wie Neymar oder Messi oder Mbappé, aber wir kämpfen füreinander bis zur letzten Sekunde.WELT: Sie sind auch Buchautor – ihr Buch trägt den Titel „Conscious Healing“ (auf Deutsch: Heilung durch Bewusstsein). Inwiefern haben Schreiben und Fußball miteinander zu tun?Martina: Heilung beginnt im Inneren. Jeder Mensch erlebt Schmerz und Trauma, das beeinflusst unser Handeln. Fußball kann ein kollektives Werkzeug sein, um Schmerz zu lösen und Heilung zu fördern. Die Qualifikation hat viel Freude und Stolz für Curaçao gebracht, das ist Teil des Heilungsprozesses. In meinem Buch beschreibe ich, wie ich als Jugendlicher und als Führungskraft indigene Weisheit schätzen gelernt habe, die heute oft verloren geht. Fußball kann Menschen verbinden und gemeinsam mehr erreichen, als wenn jeder seinen eigenen Weg geht.WELT: Was den Teamgeist angeht: Wie wichtig ist der gerade für eine kleine Fußballnation wie Curaçao?Martina: Extrem wichtig! Das Team betet jeden Morgen gemeinsam, wenn wir zusammenkommen. Und natürlich auch vor den Spielen. Alles beginnt mit der richtigen Einstellung. Wenn man glaubt, Großes erreichen zu können, wird es möglich.WELT: Keiner der Nationalspieler lebt auf Curaçao oder spielt in der dortigen Liga. Ist es eher ein niederländisches B-Team? Sind die Menschen auf der Insel trotzdem stolz?Martina: Ja, die Menschen sind sehr stolz, denn alle Spieler haben familiäre Wurzeln auf Curaçao. Nur Tahith Chong wurde auf der Insel geboren und ist dort aufgewachsen. Er hat auch in Deutschland und bei Manchester United gespielt. Die anderen wurden in den Niederlanden geboren, aber ihre Eltern stammen von der Insel, ihre Großeltern. Das verbindet das Team mit Curaçao, und sie werden wie echte Inselbewohner gefeiert.Lesen Sie auchWELT: Sie haben erwähnt, dass das Team jeden Tag zusammen betet. Eine persönliche Frage: Wofür beten Sie selbst?Martina: Für Kraft und Glauben. Wenn etwas sein soll, dann wird es auch geschehen. Ich bete für kollektive Energie, damit jeder sein Bestes geben kann – Spieler, Trainer, das ganze Umfeld und die Insel. Es ist eine wundervolle Geschichte, die wir gemeinsam geschrieben haben – und wir wollen der Welt zeigen, dass Größe nicht immer eine Rolle spielt. Sondern dass es ums Kollektiv geht, um gemeinsame Stärke. Die Botschaft ist, etwas aus einem gemeinsamen Beweggrund heraus zu tun, nicht aus Egoismus.WELT: Wer wird Weltmeister?Martina: Es gibt mehrere Favoriten: Spanien, die Niederlande, Brasilien, das ja erstmals mit einem nicht-brasilianischen Trainer antritt. Dann Argentinien, aber auch Deutschland. Die letzten beiden Weltmeisterschaften waren für Deutschland nicht optimal, der Druck ist hoch. Es gibt einige Teams, die zum absoluten Favoritenkreis zählen. Drei, vier Mannschaften können es schaffen.