«Das Glück der Menschen ist ansteckend»: Das Trainer-Urgestein Dick Advocaat will mit der Auswahl von Curaçao an der WM überraschenDer Karibikstaat ist am Sonntagabend der erste Gegner Deutschlands an der Fussball-WM. Das Team, das gerne singend und tanzend zum Training geht, bildet mit dem 78-jährigen Coach eine erstaunlich funktionierende Gemeinschaft.Bertram Job13.06.2026, 11.30 Uhr4 LeseminutenDick Advocaat fühlt sich als Trainer des Karibikstaates wohl.Rebecca Blackwell / APMan sollte davon ausgehen, dass Dick Advocaat schon alles erlebt hat. Der weitgereiste Fussballlehrer aus Den Haag hat in 45 Berufsjahren bei vierzehn Vereinen zwischen Eindhoven und Istanbul gearbeitet. Er gewann mit Zenit St. Petersburg den Uefa-Cup, führte den PSV Eindhoven wie die Glasgow Rangers zu nationalen Titeln und schmiss bei Borussia Mönchengladbach nach 167 Tagen hin. Dazu hat Advocaat in Europa und Asien sieben Nationalmannschaften betreut.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch so entfesselte Spontanfeiern nach jedem Tor wie bei der Auswahl von Curaçao, seiner achten Station, sind selbst für ihn ein Novum.«Ich habe so etwas noch nie gesehen», räumte der knorrige Routinier im vergangenen Jahr ein, als ihn das Team eines niederländischen TV-Senders für eine Reportage vor Ort besuchte. Das gelte auch für den Umgang aller Akteure miteinander: Während man sich anderswo nur kurz begrüsse, umarmten sich hier alle ausgiebig, jedes Mal. In diesem Sinne legte Advocaat bei einem Pressetermin vor wenigen Tagen noch einmal nach. «Das Glück der Menschen ist ansteckend», sagte er da fast schwärmerisch, «davon können wir etwas lernen».Das sind ungewohnte Töne für einen Coach, der früher wahlweise «kleiner General», «Dickschädel» oder «harter Hund» genannt wurde. Aber es ist auch eine neue Situation: Der 78-Jährige hat die «Blue Wave», wie die Auswahl der autonomen karibischen Insel im niederländischen Königreich genannt wird, zur ersten WM-Endrunde ihrer Geschichte geführt. Sie hat sich in der Qualifikation der Concacaf-Region gegen Trinidad und Tobago, Bermuda und Jamaica durchgesetzt – und wird am Sonntag in Houston ihr erstes Spiel in der Gruppe E gegen Deutschland bestreiten (19 Uhr MESZ).1994 war er mit den Niederlanden im ViertelfinalDamit stehen gleich zwei Rekorde fest. Nie zuvor hat ein Land mit einer so kleinen Bevölkerung (etwa 155 000 Einwohner) an der Weltmeisterschaft teilgenommen. Ausserdem ist Advocaat der älteste unter 48 Trainern, die in den nächsten fünf Wochen zwischen Mexiko, den USA und Kanada ihr Glück versuchen. Ganz neu ist das Theater für ihn allerdings nicht. 1994 hat der ehemalige Mittelfeldspieler das Team der Niederlande in den Staaten in die Viertelfinals geführt. Zwölf Jahre darauf betreute er in Deutschland die südkoreanische Mannschaft, die in der Vorrunde hinter der Schweiz und Frankreich blieb.Dass der mit allen Wassern gewaschene Übungsleiter in diesen Tagen so zugänglich wirkt, dürfte jedoch eher an den jüngsten Erfahrungen liegen. Advocaat sei auf der grössten der ABC-Inseln «menschlicher» geworden, findet der Assistent Cor Pot, der auch in St. Petersburg und Istanbul zum Stab gehörte.Der einst so autoritäre Cheftrainer hatte seine Eleven gewähren lassen, wenn sie auf dem Weg zum Training oder zu einem Spiel schon zu tanzen und singen begannen. Im Gegenzug hörten ihm die Spieler genau zu, wenn er ihnen taktische Disziplin in einer festen Grundordnung (4-2-3-1) vermittelte. Da haben sich die beiden Seiten ein gutes Stück aufeinander zubewegt.Ausserdem streichelt es Advocaats Seele, dass er auf Curaçao inzwischen mit Zuneigung überschüttet wird. Er gilt dort als Vater einer Hoffnung gegen jede Wahrscheinlichkeit, die sich letzten November mit dem erzitterten 0:0 im entscheidenden Spiel auf Jamaica erfüllt hat. Dabei hatte der Maestro das nicht an der Seitenlinie erlebt: Er war wegen der Erkrankung seiner Tochter kurzfristig nach Hause zurückgekehrt. Zum Frühjahr quittierte Advocaat den Job aus dem Grund sogar komplett. Doch die Mannschaft verlangte nach zwei WM-Testspielen unter der Regie seines Landsmanns Fred Rutten sozusagen das Original zurück. Das stimmte den Routinier wieder um.Der Trainer Dick Advocaat verlangt von seinen Spielern taktische Disziplin – lässt sie dafür auf dem Weg zum Training singen und tanzen.Koen Van Weel / ImagoSo viel Sympathie war nicht von Anfang an da. In der Hauptstadt Willemstad wurde gelegentlich über die «weissen Pensionäre» gelästert, als Advocaat mit altbewährten Wegbegleitern Anfang 2024 die Arbeit aufnahm. Er war bei der «Federashon Futbol Korsou» auch nicht erste Wahl, sondern hatte sich nach diversen Absagen selbst ins Gespräch gebracht.Die meisten Spieler sind in den Niederlanden geborenMit den Erfolgen baute sich indes Begeisterung auf, bei den Fans wie unter den Spielern. «Es ist eine Ehre für uns, ihn als Trainer zu haben», sagte der Captain Leandro Bacuna früh. In der Folge stiessen noch mehr in Europa aktive Profis mit Wurzeln in Curaçao dazu und machten die Mannschaft immer besser. Etwa Sontje Hansen (Middlesbrough FC), Armando Obispo (PSV Eindhoven) oder Tahith Chong (Sheffield Wednesday).Chong ist der einzige Spieler im WM-Kader, der tatsächlich auf Curaçao geboren ist. Alle anderen sind in den Niederlanden zur Welt gekommen, wo weitere 145 000 Curaçaoënaars leben. Damit haben die Niederländisch oder das kreolische Papiamentu sprechenden Insulaner jedoch kein Problem. Sie wissen, dass der Amateurfussball auf ihrer Insel nicht die Sorte Spieler hervorbringt, die es auf internationaler Ebene braucht. Sowie auch keine Übungsleiter wie Guus Hiddink oder Patrick Kluivert, die hier vor Jahren neue Massstäbe in Sachen Professionalität setzten.Im WM-Hauptquartier der Blue Wave an der Florida Atlantic University in Boca Raton findet es Advocaat nun «phantastisch», dass es zum WM-Debüt gegen Deutschland geht: «Da wissen wir gleich, wo wir stehen.» Gleichzeitig gibt er im Abgleich mit den besten Mannschaften «grosse Unterschiede» zu. So sind die Chancen der Blue Wave auf die K.-o.-Runde eher minimal. Dennoch will man sich so teuer wie möglich verkaufen. «Jeder kann überraschen», so Advocaat, «warum nicht Curaçao?» Etwas vom Dickschädel ist also noch da.Passend zum Artikel