Laut Darren brennt es in Belfast seit Jahren. Angezündete Autos auf Straßenkreuzungen machen nur kurzzeitig Schlagzeilen, aber die Flamme in der nordirischen Hauptstadt erlischt laut dem Sozialarbeiter nie. Dementsprechend hat ihn der Wutausbruch diese Woche wenig überrascht: „Wenn eine Flamme einmal brennt, ist es schwer, sie auszumachen.“Darren ist in Belfast aufgewachsen, er wohnt sein ganzes Leben schon um die Ecke von Sandy Row – eine Straße, die mitten durch eines der bekanntesten Arbeiterviertel der Stadt läuft. Am Freitagmittag steht der junge Mann, der wie viele in der Stadt seinen Nachnamen in der Zeitung nicht lesen will, mit Sportjacke und Sidecut auf der Sandy Row zwischen Wettstudio und asiatischem Lebensmittelladen. Immer wieder wird er gegrüßt. Er sagt, er spreche täglich mit den Einwohnern des Distrikts „Botanic“ im Süden Belfasts. Das habe er zu seinem Beruf gemacht. Der Unmut hier sei groß. Und: „Hier gibt es die Auffassung, dass Gewalt die Lösung sei.“Dass das so ist, haben die nächtlichen Ausschreitungen am Dienstag und Mittwoch in verschiedenen Stadtteilen Belfasts gezeigt. Proteste, bei denen ausländerfeindliche Sprüche skandiert wurden, schlugen in Gewalt um. Der Mob zündete Autos und Häuser an, in denen Migranten vermutet wurden. Familien mussten vor den Flammen gerettet werden.Schwarz gekleidete Mobs suchen nach AusländernDer Auslöser war ein Messerangriff am Montagabend gewesen. Ein Mann hatte auf einen anderen Mann eingestochen und versucht, seine Kehle durchzuschneiden. Ein Video davon ging innerhalb von Minuten in den sozialen Medien viral. Das Opfer liegt mit lebensgefährlichen Verletzungen weiter im Krankenhaus. Am Dienstag wurde bekannt, dass der Tatverdächtige ein sudanesischer Flüchtling ist. Noch am selben Abend zogen schwarz gekleidete Mobs auf der Suche nach Ausländern durch die Straßen.Rechtsextremistische Netzwerke aus Großbritannien und darüber hinaus hatten schon zuvor in den sozialen Medien rassistische Narrative über den Täter verbreitet – und riefen zum Protest in Belfast auf. Diese Chronologie ist in Belfast schmerzlich bekannt: Schon im Sommer 2024 kam es so zu ausländerfeindlichen und gewalttätigen Ausschreitungen, genauso wie im darauffolgenden Jahr.Ein Blick auf einen ausgebrannten Lebensmittelladen und Wohnungen am Mittwoch an der Sandy Row nach Ausschreitungen in Belfast Dienstagnachtdpa„In dem Moment, in dem ein Streifenzünder fliegt, hast du das Argument verloren“, sagt Darren. Die Gewalt verurteilt er nicht nur, sie ärgert ihn richtig. Denn die Bilder von brennenden Stadtteilen würden die ihm zufolge berechtigte Unzufriedenheit der Menschen untergraben.Laut Darren ist die Gemeinschaft überfordert von der Migration. In das Arbeiterviertel um Sandy Row herum seien in den vergangenen Jahren viele Ausländer gezogen. Zu viele, findet er. Behörden würden Häuser dort zunehmend zu sogenannten „House in multiple occupation“ (HMO) umfunktionieren, in denen sich mehrere Haushalte Küche, Gemeinschaftsraum und Bad teilen. Die Regierung in London versucht schon länger, Hotels, in denen Asylbewerber unterkommen, aufzulösen. Also gelangen diese Menschen in die HMOs.Das beobachtet auch Carl Whyte, Stadtrat für die sozialdemokratische Partei in Belfast. Er sagt, die HMOs würden vor allem in Arbeitervierteln außerhalb des Stadtinneren gegründet, wo die Miete geringer und die Demografie am Schrumpfen sei. Laut dem „Guardian“ wurden schon Monate vor den jüngsten Ausschreitungen Listen mit diesen HMOs in sozialen Medien verbreitet, damit Asylbewerber gezielt angegriffen werden können. Mittlerweile hat die zuständige Behörde diese Daten von ihrer Webseite genommen. Doch am Ende der Woche der Gewalt ist klar: Die Brandstiftungen fanden in Arbeitervierteln statt, die protestantisch und unionistisch geprägt sind – so wie die Sandy Row.30 Jahre Gewalt auf den Straßen von BelfastDie Sandy Row beginnt, wo eine riesige Wandmalerei an einer mehrstöckigen Hauswand an den Sieg der Protestanten über die Katholiken bei der Schlacht am Boyne 1690 erinnert. Das Viertel ist tief protestantisch geprägt, vor zahlreichen Häusern weht der „Union Jack“ oder das nordirische „Ulster Banner“. Bewohner identifizieren sich hier vorrangig als Unionisten oder Loyalisten. Im Bürgerkrieg kämpften sie ab den sechziger Jahren für den Verbleib im Vereinigten Königreich.Meterhohe „Peace Walls“ trennen Viertel in Belfast teilweise bis heute von katholischen Stadtteilen, in denen vor allem Nationalisten wohnen, die die Vereinigung mit der Republik Irland anstrebten. Seit dem Ende des Bürgerkriegs in den Neunzigerjahren mischen sich die Ethnien Belfasts über die Grenzen der Viertel hinweg. Doch in einigen sitzt die Identität immer noch tief.Die Wandmalerei an der Sandy Row erinnert an die Schlacht am BoyneCarlota Brandis30 Jahre hätten sie in Nordirland während des Bürgerkriegs mit täglicher Gewalt gelebt, und es hätte nichts gebracht, sagt Darren. Gewalt könne nicht die Antwort sein. Er zeigt auf die Sandy Row und dann auf eine dahinterliegende Kreuzung: „Auf all diesen Straßen wurde jemand erschossen.“ Jede Familie hier sei irgendwie davon betroffen gewesen. „Wir haben noch nicht unsere eigene schwierige Vergangenheit verarbeitet, wir können uns nicht auch mit deren schwierigen Vergangenheit auseinandersetzen“, sagt der Sozialarbeiter mit Blick auf hier ankommende Migranten.Die Menschen hier fühlten sich missverstanden, in Medien und von Politikern als Rassisten stigmatisiert. Von beiden hätten sich die meisten in seinem Umkreis deswegen abgewandt, meint Darren. Vor allem aber fühlten sie sich mit ihren Sorgen über die Entwicklung ihrer Gemeinde nicht ernst genommen. Investitionen habe das Viertel seit Jahrzehnten nicht erlebt. Deshalb wollen es einige laut ihm selbst in die Hand nehmen – mit dem Ziel: „Man muss das eigene soziale Gefüge verteidigen.“Sozialarbeiter Darren und DUP-Stadträtin Sarah Bonting vor dem Büro der Partei auf der Sandy RowCarlota BrandisMittlerweile steht Darren im Büro der „Democratic Unionist Party“ auf der Sandy Row. Mit der Stadträtin Sarah Bonting will er über die Probleme hier sprechen. Sie stimmt ihm zu. Und dann sagt sie, wenn das alles Rassisten seien, dann hätten sie alleine auf der Sandy Row zehn Geschäfte von Ausländern anzünden können. Es sei aber nur das eine gewesen.Jagd auf eine Krankenschwester wegen ihrer HautfarbeAus den Fenstern der evangelischen „New Life City Church“ im Norden Belfasts kann man das Gitter der „Peace Walls“ sehen. Ein Mann mit Schiebermütze und tiefen Falten im Gesicht sitzt im Gemeindehaus. Mit Facebookvideos will er beweisen, wie kriminell Migranten seien. Seinen Namen will er nicht nennen, auch das Handy soll nichts aufzeichnen. „Ich bin mit Bürgerkrieg aufgewachsen“, sagt er. Täglich seien Bomben auf den Straßen der Stadt explodiert. Die aktuelle Lage erinnere ihn daran. Auch er will kein Rassist sein. Der Mann verurteilt zwar die Gewalt der vergangenen Nächte, doch sein Verständnis für den Unmut ist groß.Ausländische Bewohner des Viertels leben dagegen in Angst. Preetika ist bei den Ausschreitungen im Sommer 2025 mit dem Krankenwagen nach Hause gekommen. Busse sind nicht mehr gefahren. Es war zu spät und vor allem zu gefährlich, um zu laufen. An diesem Dienstagabend hat ein Bus spontan angehalten, die indische Krankenschwester am Straßenrand vor dem Ulster Krankenhaus am östlichen Rand der nordirischen Stadt einsteigen lassen und sicher nach Hause gebracht. „Irgendwie haben wir es nach Belfast geschafft“, erzählt sie. Aber auch zuhause, habe man noch Angst gehabt. Preetika lebt in einer Wohngemeinschaft an der Sandy Row.Auch noch Tage später ist die Angst bei der Krankenschwester nicht verflogen. Auch sie will ihren Nachnamen in der Zeitung nicht lesen und ihr Foto nicht sehen. Sonst werde sie die nächste Zielscheibe, sagt sie. So wie eine Kollegin von Preetika. Auf der Straße war sie am Mittwoch auf dem Weg zu ihrer Nachtschicht von einer Menschengruppe verfolgt worden.Der regionale Gesundheitsdienst teilte mit, dass eine Männergruppe einer Krankenschwester wegen ihrer Hautfarbe nachgejagt habe. Sie habe sich schließlich ins Krankenhaus retten können. Preetika hatte davon auf direktem Weg erfahren. „In der Situation hätte ich um mein Leben gefürchtet – wenn sie nicht erkennen, dass du im Gesundheitswesen arbeitest und da bist, um Menschen zu helfen, dann machen sie einfach, was sie wollen.“ Von einer Jagd auf Ausländer in Belfast war die Woche öfters die Rede. Und nicht nur die sozialdemokratische Abgeordnete im Unterhaus, Claire Hanna, sprach von einem Pogrom.Die Familie in Indien rät: Preetika soll das Land verlassenPreetika sitzt im Wartebereich des Krankenhauses, am Ende einer weiteren langen Schicht, die sie durch die Ausschreitungen doppelt belastet hat. Vor fünf Jahren ist sie nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester in der Nähe von Mumbai nach Belfast gezogen. Zu dem Zeitpunkt hätte sie die Stadt auf einer Weltkarte nicht finden können, erzählt sie lachend. Ihre Familie aus England und Indien habe sie diese Woche angerufen und ihr geraten, das Land zu verlassen. Und ihr Vorgesetzter habe ihr die Option gegeben, nicht in die Arbeit zu kommen. Ihr Arbeitsweg sei zu gefährlich. Das sei aber keine Option für sie gewesen. Patienten in einem ohnehin schon überlasteten Gesundheitssystem könnten nicht warten, findet Preetika.Bis einschließlich Donnerstagnacht ist Belfast im Ausnahmezustand geblieben: Geschäfte wurden nicht geöffnet, Schulen früher geschlossen, der öffentliche Nahverkehr gestoppt. Auf den Straßen waren lange vor Einbruch der Dunkelheit vor allem Polizeiautos zu sehen, nur das Tuckern von einem Helikopter und Sirenengeräusche haben die Stille des frühen Abends durchbrochen.Am Freitagabend sind die Terrassen von Pubs wieder gefüllt und Preetika fährt wieder mit dem „Glider-Bus“ ins Stadtinnere; Bilder, wie der lila Linienbus in Flammen steht, waren vor zwei Tagen noch um die Welt gegangen. Den letzten Kilometer läuft die Krankenschwester zu Fuß nach Hause, bei der Wandmalerei der Schlacht am Boyne an der Sandy Row biegt sie ab. Sie zeigt auf Jugendliche, die hinter Absperrgittern mit alten Holzpaletten spielen. Im Juli werde dort ein großes Feuer zur Feier des Jahrestags des Sieges gemacht, erzählt sie.Preetika mag Belfast. Es sei ruhiger als Dublin oder London, zumindest an den meisten Tagen im Jahr, betont die Krankenschwester. Die Menschen seien freundlich und hilfsbereit, zumindest die meisten. Sie will hier bleiben, solange es geht.
Unruhen in Nordirland: Woher die Wut im Arbeiterviertel kommt
In Belfast haben Randalierer Häuser angezündet, um Migranten zu verjagen. Ein Sozialarbeiter versteht den Unmut. Eine indische Krankenschwester fürchtet den Heimweg.
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