Nach der Gewalt in Belfast: Autowracks, ausgebrannte Häuser und verstörte AnwohnerNoch immer sind die Bürger der nordirischen Hauptstadt aufgewühlt von den ausländerfeindlichen Ausschreitungen. Bei vielen werden Erinnerungen an die «Troubles» geweckt. Es gibt allerdings auch Leute, die Verständnis für die Randalierer aufbringen.13.06.2026, 14.27 Uhr5 LeseminutenDie Polizei versucht Randalierer am 10. Juni in der Nähe von Newtownabbey im Norden von Belfast zu vertreiben.Peter Morrison / APDie Lendrick Street ist eine kleine Wohnstrasse im Osten von Belfast. Zwei ausgebrannte Autos stehen auf dem Asphalt, es riecht noch immer nach versengtem Plastik. Das Trottoir ist von Scherben übersät. Ein Haus ist ausgebrannt, Fenster und Türen mit Brettern vernagelt, die Backsteinfassade russgeschwärzt. Der Lieferwagen einer Reparaturfirma steht am Eingang der Strasse, ein Mann in einer gelben Weste begutachtet die Brandruine und protokolliert die Schäden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Von Haus zu Haus sind Schnüre mit britischen Wimpeln gespannt, vor einer Fassade weht eine Fahne, die den protestantischen König Wilhelm von Oranien zeigt. Hier ist offensichtlich Loyalisten-Gebiet mit Protestanten, die sich zu Britannien bekennen. Der gewalttätige Konflikt zwischen Katholiken, die sich von England abspalten und mit Irland vereinigen wollten, und den pro-britischen Unionisten ist zwar seit fast dreissig Jahren beigelegt, aber es existiert ein unsichtbarer Stadtplan in Belfast. Die Bewohner wissen genau, welche Gruppen in welchen Vierteln wohnen. Und die jüngsten Unruhen rufen vor allem bei der alteingesessenen Bevölkerung schreckliche Erinnerungen an die Zeit der «Troubles» wach.«Wir brauchen das nicht mehr»Zum Beispiel bei der älteren Frau, die an diesem Freitagnachmittag mit ihrem Mann die Lendrick Street hinuntergeht zu ihrem Häuschen. Vor einem der Autowracks bleibt sie stehen und sagt: «Ist es nicht schrecklich?». Sie erzählt, wie der Mob am Dienstag von der grossen Newtownards Road, wo ein Bus in Brand gesetzt wurde, in ihr Strässchen einbog und das Haus anzündete, in dem eine ukrainische Familie wohnte. Glücklicherweise konnte sie noch rechtzeitig evakuiert und in Sicherheit gebracht werden. «Das brauchen wir hier nicht», sagt die Frau. Die Kinder der Anwohner seien verstört. Auch sie wirkt immer noch fassungslos. «Wir hatten das schon einmal, wir brauchen das nicht mehr», sagt sie wieder und wieder.Ausgelöst wurden die Unruhen durch einen brutalen Angriff am Montag. Ein Sudanese versuchte einen Mann zu enthaupten. Durch das mutige Eingreifen eines Passanten konnte das Opfer gerettet werden. Aber der 44-jährige Mann wurde schwer verletzt und hat ein Auge verloren.Die Videoaufnahme des Geschehens verbreitete sich rasch auf den sozialen Netzwerken. Rechtsextreme Influencer wie Tommy Robertson riefen zu Protesten auf, unterstützt von einflussreichen Persönlichkeiten wie Elon Musk. Am Dienstag zog ein gewalttätiger Mob durch Nord-Belfast, wo sich die Attacke zugetragen hatte, am Mittwoch durch den Osten der Stadt. Die Randalierer zündeten gezielt Häuser an, in denen Ausländer wohnten.Angst, auf der schwarzen Liste der Randalierer zu landenDie Spuren sieht man auch an der Oakley Street. Hier wurde in der Dienstagnacht ebenfalls ein Auto angezündet, und die Flammen griffen auf die Häuser über. In einem der Gebäude wohnten zwei ugandische Pflegerinnen. Sie sassen stundenlang im oberen Stock fest und konnten das Gebäude wegen des dichten Rauchs nicht verlassen. Schliesslich rettete sie ein lokaler Pfarrer.Ein junger Mann auf der Strasse tippt verärgert auf seinem Handy herum. «Die Verbindung klappt nicht, weil die Pfosten mit den Leitungen angezündet wurden», sagt er. Er wohnt hier. Aber am Abend, als die Randalierer hierher kamen, steckte er im Auto in einem anderen Stadtteil fest. Als er von den Ausschreitungen hörte, rief er seinen Nachbar an, um ihn zu bitten, seinen Hund aus der Wohnung zu holen. Aber der weigerte sich. Zu gefährlich, befand er.Zudem stand der Wagen seiner Freundin in der Strasse. Er rief sie an, aber sie befand auch am andern Ende der Stadt. «Ich stand in diesem Stau und wurde fast wahnsinnig», sagt er. Immer wieder zeigt er auf seinem Handy die Aufnahmen des Geschehens, die er auf Facebook gefunden hat. «Die Leute stehen einfach da und lachen!», sagt er.Auffällig ist, dass niemand der Angesprochenen seinen Namen nennen will. Sie verweisen darauf, dass bei den Randalierern offensichtlich Listen zirkulieren. Sie wussten genau, in welchem Haus Ausländer wohnen. «Ich bin zwar ein Einheimischer», sagt der Mann. «Aber ich möchte nicht, dass ich wegen meiner Aussagen auf so einer Liste lande.»Empörung und Verständnis für die AusländerfeindlichkeitZeeshan ist ein Taxifahrer, der ursprünglich aus Pakistan kommt. Er sah, wie überfordert und hilflos die Polizei angesichts der Ausschreitungen war. Er glaubt, dass die Gewalt vor allem von Protestanten ausgehe, und er vermeidet ihre Viertel. «Was der Sudanese gemacht hat, ist schrecklich», sagt er. «Aber man kann doch nicht einfach alle Ausländer in einen Topf werfen.» Er hat Angst und hat sich entschieden, vorläufig nur noch tagsüber zu fahren, trotz der finanziellen Einbussen.Es gibt allerdings auch Leute, die Verständnis für die Randalierer aufbringen. Ein etwa fünfzigjähriger Mann in einem Pub, der sich als James vorstellt, spricht von der weit verbreiteten Frustration in der Bevölkerung. «Es gab schon vorher Angriffe von Ausländern, Vergewaltigungen, Beleidigungen. Die Unzufriedenheit hatte sich lange zusammengebraut, und das war nun der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.» Er findet, die Ausschreitungen seien mild gewesen. «Ein paar brennende Autos – daran haben wir uns gewöhnt. Ich habe mit Schlimmerem gerechnet. Die Medien haben das aufgebauscht.» Es sei notwendig gewesen, der Regierung zu zeigen, dass es jetzt reiche. Er hofft, der Aufruhr sei ein Wendepunkt.Er verweist auch darauf, dass während der Sommermonate die Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten immer besonders gross seien. Am 12. Juli ist Orangemen's Day. An diesem Feiertag wird der Sieg des protestantischen Königs Wilhelm von Oranien über den katholischen König Jakob II. gefeiert, und im August folgen dann verschiedene katholische Veranstaltungen und Feiertage. «Schon während der Troubles war um diese Zeit immer der Teufel los», sagt er.Auffällig viele JungeIn den Medien ist viel davon die Rede, wie jung die Teilnehmer der Ausschreitungen waren. Das ist auch Alexandru aufgefallen, der an einer Haltestelle auf den Bus wartet. Viele seien erst 16 oder 17 Jahre alt gewesen. Er glaubt, dass sie von Erwachsenen aufgehetzt wurden, und zwar von solchen, die von der Sozialfürsorge leben. «Das sind unsere wahren Patrioten», sagt er sarkastisch. «Sie kriegen alles vom britischen Staat bezahlt, und deshalb lieben sie ihn. Und sie haben Angst, dass sie ihr Geld mit den Ausländern teilen müssen. Deshalb hassen sie sie.» Er selbst habe mehrere Jobs, um zu überleben: Als Übersetzer am Gericht, als Fahrer und im Spital. Er gebe einen grossen Teil seines Verdiensts an den Staat ab. Zeit für Demonstrationen habe er nicht.In der Tat gibt es Quartiere in Nord-Belfast, wo fast vierzig Prozent der Bevölkerung Sozialgeld beziehen. Es existieren also abgesehen von der Migrationsfrage und den alten konfessionellen und politischen Spannungen auch noch explosive wirtschaftliche Probleme. So unterschiedlich die Ansichten zu den Unruhen sind, einig sind sich alle Befragten, dass es wenig braucht für einen neuerlichen Ausbruch.Die Spuren der Verwüstung an der Lendrick Street im Osten von Belfast.Isabel Infantes / ReutersBrennende Autos an der Lendrick Street am 9. Juni.APEin abgefackeltes Haus und ein Autowrack in Newtownabbey.Adam Vaughan / EPABrennende Abfalleimer an der Antrim Road in am 10. Juni.Isabel Infantes / ReutersPassend zum Artikel