Das System Infantino – die grenzenlose Vermarktung des FussballsDer Weltfussballverband nimmt Geld und gibt Geld – das war schon immer so. Aber der Fifa-Präsident Gianni Infantino hat das Prinzip Macht durch Expansion perfektioniert: Er herrscht wie ein König über die Fussballwelt.14.06.2026, 05.30 Uhr8 Leseminuten«Ich bereue nichts»: Fifa-Präsident Gianni Infantino über die hohen Preise für Tickets an der WM 2026.Andreas Chudowski / Laif /Wer wollte bestreiten, dass Gianni Infantino, der Präsident des Weltfussballverbands (Fifa), ein privilegierter Mann ist? Als ihm die Schauspielerin Salma Hayek an diesem Donnerstag an der WM-Eröffnungsfeier in Mexiko-Stadt die Trophäe überreicht, zeigt sich das besonders deutlich. Hayek ist behandschuht, denn es ist nur wenigen Auserwählten gestattet, den WM-Pokal mit blossen Händen zu berühren. Weltmeistern. Staatsoberhäuptern. Einigen Funktionären der Fifa, allen voran dem Präsidenten Infantino.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Aztekenstadion erlebt Infantino eine knallbunte Eröffnungsfeier. Draussen, vor dem Stadion, geht es turbulent zu, es kommt zu Tumulten, aber drinnen funktioniert alles reibungslos. Zuerst die Festivität, dann das Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika (2:0). «König Gianni», wie er in einer SRF-Doku genannt wird, ist zufrieden.Tags zuvor hatte sich der 56-Jährige gleichenorts verteidigen müssen, an der Eröffnungs-Pressekonferenz gegen unliebsame Fragen aus dem Fussballvolk. Im Falle des somalischen Schiedsrichters Omar Artan, der von der amerikanischen Einreisebehörde abgewiesen wurde, habe die Fifa eben nichts tun können, erklärt Infantino den Journalisten. Schliesslich sei der Verband immer noch «eine Sportorganisation», «wir sind nicht die Könige der Welt». Und: «Manchmal ist es gut, einfach zu chillen, zu relaxen.» Irans Teilnahme am Turnier rühmt Infantino als persönlichen Erfolg. Und auch die Kritik an den hohen Ticketpreisen weist er zurück: «Ich bereue nichts.»Die Reaktionen auf den selbstherrlichen Auftritt waren ablehnend: «Infantinos Trumpsches Geschwafel ist ein chaotischer Start in die Weltmeisterschaft», schrieb etwa der englische «Independent».Muss sich auch kritische Fragen gefallen lassen: Gianni Infantino an der Pressekonferenz zur Eröffnung der WM 2026.CVG / ImagoDas Monster wurde noch furchteinflössenderEinspruch und Apologie hin oder her, seit Donnerstag läuft die Fussball-WM nun also. Und eines kann man jetzt schon sagen, lange bevor der Gewinner feststeht: Sie ist ein Fest des Geldes wie keine WM zuvor. Und damit ein Sinnbild für die Ära des Präsidenten Gianni Infantino, der die Fifa seit zehn Jahren führt. Denn im System Infantino geht es am Ende immer ums Geld, so banal das auch klingen mag.Infantinos Fifa nimmt das Geld, und dann verteilt sie es weiter, und dieser Mechanismus sichert die Macht des Präsidenten. Das ist kein neues Prinzip, so hat das schon Sepp Blatter gehandhabt, Infantinos Vorgänger. Doch Infantino treibt es auf die Spitze, er kennt keine Grenzen. Er hat das System perfektioniert.Sein Vorgänger João Havelange sagte einst zu Blatter, er habe ein Monster geschaffen. Unter Infantino ist dieses Monster noch furchteinflössender geworden. Aber natürlich ist alles eine Frage der Perspektive. Fussballromantiker sehen ein Monster, das sich ganz dem Geld verschrieben hat. Realisten sehen die nackten Zahlen. Und die sprechen für Infantino. Aus ökonomischer Sicht ist seine Ära eine Erfolgsgeschichte.Die Fifa kalkuliert in Vierjahreszyklen, die jeweils in jenem Jahr enden, in dem die Fussball-WM stattfindet. Als Infantino an die Macht kam, lief gerade der Russland-Zyklus; 2018 fand dort die WM statt. Sie spülte der Fifa 6,4 Milliarden Dollar in die Kassen.Das Jahr 2026 ist das letzte im USA-Zyklus, den man auch den Infantino-Zyklus nennen kann. Denn die WM in den USA, Kanada und Mexiko ist die erste, die in seiner Amtszeit vergeben wurde, die überhaupt seine Handschrift trägt, weil Infantino alles daransetzte, dass die USA zum Zug kommen. Und dieser erste Infantino-Zyklus wird der Fifa voraussichtlich 13 Milliarden Dollar in die Kassen spülen, so haben das die Buchhalter des Verbands berechnet.Von 6,4 auf 13 Milliarden: verdoppelte Einnahmen, und das in nur acht Jahren.Dafür hat Infantino das Teilnehmerfeld der WM in Nordamerika auf 48 aufgebläht. Sportlich ist das eine Abwertung, aber wirtschaftlich zahlt sich die Aufstockung aus. Denn mehr Teilnehmer bedeuten mehr Spiele. Und mehr Spiele bringen mehr Einnahmen, vor allem im Ticketing-Bereich.In Amerika geht Infantinos Fifa an die Schmerzgrenze. Die USA sind das Land des ungezügelten Kapitalismus, und das trifft auch auf den Markt der Sporttickets zu. Die Preise sind dynamisch, je höher die Nachfrage, desto höher werden sie. Wiederverkaufsplattformen befeuern die Dynamik zusätzlich.Für viele WM-Spiele hat das zu horrenden Preisen von mehreren hundert, gar Tausenden Dollar geführt. Die mexikanische Staatspräsidentin Claudia Sheinbaum fehlte an der Eröffnungsfeier in der Ehrenloge. Aus Protest? Sie gab ihr Ticket an eine indigene Bürgerin aus Veracruz weiter. Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani hat 1000 verbilligte WM-Tickets zu je 50 Dollar erworben, die per Losverfahren an Fans weitergereicht wurden.Und sogar der US-Präsident Donald Trump meinte unlängst, dass er die rund 1000 Dollar, die für das erste Spiel der USA gegen Paraguay aufgerufen wurden, nicht zahlen würde. Natürlich sprach da der Populist aus ihm. Aber die Fussball-WM 2026 ist die teuerste der Geschichte, mit grossem Abstand. Der Fan-Verband Football Supporters Europe bezeichnet die Eintrittspreise als «monumentalen Betrug an der Geschichte der WM». Infantino verteidigt die Preispolitik damit, dass der Ticketmarkt in den USA nun einmal «ein sehr spezieller Markt» sei.Die Ticketing- und Hospitality-Einnahmen sind der Haupttreiber für die Einnahmen-Explosion, in keinem anderen Bereich verzeichnet die Fifa im laufenden Zyklus ein grösseres Wachstum. Sie kalkuliert mit 3 Milliarden Dollar. Im letzten WM-Zyklus in Katar war es noch eine Milliarde gewesen. Dabei treibt es die Fifa sogar für amerikanische Verhältnisse bunt. Verschiedene Gliedstaaten ermitteln, unter anderem wegen Wuchers bei Ticketpreisen. Auch Kongressabgeordnete haben kritische Briefe an Infantino geschrieben.Doch die breite Kritik perlt weitgehend an der Fifa ab. Nur hin und wieder gibt sie punktuell nach. Etwa, als sie im Dezember angesichts der Empörung über die hohen Kartenpreise 60-Dollar-Tickets einführte, allerdings für nur 1,6 Prozent der Stadionkapazität.Generell aber gilt: Was es zu holen gibt, holt sich die Fifa. Mit Parkplatztickets, die mehrere hundert Dollar kosten. Mit neuartigen Medien-Deals, die WM-Inhalte auch über Youtube oder Tiktok verbreiten.In der Uefa stand er in Platinis SchattenDie Expansion in immer neue Märkte ist das Machwerk von Gianni Infantino. Er hat einen erstaunlichen Weg hinter sich. Seine Eltern wanderten einst aus Italien in die Schweiz ein, die Mutter arbeitete an einem Kiosk, der Vater am Bahnhof.Infantino verliebt sich früh in den Fussball, träumt von einer Karriere, merkt aber rasch, dass ihm dazu das Talent fehlt. Er studiert Jura in Freiburg und steigt im europäischen Fussballverband (Uefa) 2009 zum Generalsekretär auf.Dort steht er jahrelang im Schatten des Präsidenten Michel Platini, des früheren Fussballstars, der als prädestinierter Thronfolger Sepp Blatters gilt. Wegbegleiter von Infantino sagen, dass dieser von Platini hochgezogen worden sei. Sie sprechen von einem «komplementären Duo» und einer «komplexen Emanzipationsgeschichte». Sie ruht nicht: Vor ein paar Tagen hat Platini in Frankreich Strafanzeige gegen Infantino eingereicht. Er sprach immer von einer «Verschwörung» in einem Justizfall, der für Platini und Blatter Jahre später mit Freisprüchen endete.Davon ist 2016 noch keine Rede. Als Blatter und Platini wegen einer obskuren Fifa-Zahlung stürzen, schlägt die Stunde Infantinos. Er muss Platini nicht ausbooten. Er läuft einfach an ihm vorbei, als dieser am Boden liegt.In der Uefa verstehen sie den Wandel Infantinos bis heute nicht. Einer aus der Chefetage sagt, Infantino habe immer ein grosses Ego gehabt, einfach etwas verkappt. «Jetzt hat er ein Ultra-Ego.» Er sei nicht transparent, betreibe obskure Machtspiele, wolle seine Überlegenheit vermitteln.Infantino ist sprachgewandt. Und ein Schnelldenker. Schon in der Uefa hat er begriffen, wem er wann welche Information zu seinem Vorteil zukommen lassen muss. Aber der Wandel ist offensichtlich: Während er in der Uefa im bürokratischen Schatten täglich zugegen war, soll er in der Fifa unter präsidialer Sonne mittlerweile täglich abwesend sein.Im Mai 2025 lässt Infantino den Fifa-Kongress in Paraguay drei Stunden lang warten. Der Grund: Verspätung nach einer Nahostreise in der Trump-Delegation. Das ist bezeichnend: Infantino kommt zu spät, weil er in den Golfstaaten Geschäfte machen will. Daraufhin verlassen einige Uefa-Vertreter den Kongress, so auch der Uefa-Präsident Aleksander Ceferin. Sie wollten ein Zeichen setzen, kamen nicht wieder zurück. Doch schon 2026 in Vancouver waren im Kongress wieder alle vereint.Die Beziehung zwischen der Uefa und der Fifa lässt sich als halb friedliche, instabile Koexistenz bezeichnen. Die kritischen Stimmen aus der Uefa sind jüngst aber leiser geworden, auch die Uefa-Funktionäre haben registriert, dass immer mehr Geld fliesst. Mittlerweile sitzt Infantino so unangefochten auf dem Fifa-Thron, dass er bei Widerständen auch einfach mal «chillen» und «relaxen» kann.Er führt den Verein Fifa wie einen GrosskonzernAn Infantinos erratische Auftritte wie jenen in Mexiko-Stadt hat man sich längst gewöhnt. Da sind etwa die Bilder aus dem Jahr 2018, als er an der WM in Russland neben Wladimir Putin und dem saudischen Kronprinzen Mohamed bin Salman sitzt. Von 2022, als er in Katar seine berühmte Rede hält: «Today, I’m gay.» Oder von letztem Dezember, als er Donald Trump an der Auslosung der WM-Gruppen in Washington einen flugs ausgedachten Fifa-Friedenspreis überreicht.Was braucht es nicht alles für eine gelungene WM: Gianni Infantino überreicht US-Präsident Donald Trump den flugs erfundenen Fifa-Friedenspreis.Koen van Weel / ImagoPutin, bin Salman, Trump: Infantino ist ein versierter Diplomat, Berührungsängste kennt er nicht. Der Zweck heiligt für ihn die Mittel. Wenn es für eine gelungene WM eine gute Beziehung zu Trump braucht, dann geht Infantino weit, um sie sicherzustellen; unterwürfige Gesten inklusive.Den Saudi hat Infantino mit einigen Winkelzügen die WM 2034 zugeschanzt. Im Gegenzug gibt es lukrative Sponsoring-Deals, etwa mit Aramco, dem staatlichen saudischen Energieriesen. Über eine Beteiligung an der Plattform Dazn rettet Saudiarabien Infantinos Prestigeprojekt, die neue Klub-WM, mit einer Milliarde Dollar. Qatar Airways, die staatliche Fluggesellschaft Katars, gehört zu den wichtigsten Fifa-Partnern, sie ist dem Verband über das Turnier 2022 hinaus treu geblieben.Letztlich dürften Infantinos enge persönliche Kontakte in Länder wie Katar oder Saudiarabien die Fifa vor einer Krise bewahrt haben. Denn im Westen hat die Fifa seit der Zäsur im Jahr 2015, als mehrere Korruptionsfälle aufflogen, kaum neue Sponsoren hinzugewonnen. Die Geldgeber aus dem Nahen Osten haben die Lücke nahtlos gefüllt.Eigentlich ist die Fifa ein Verein. Aber Infantino führt sie wie einen Grosskonzern. Seine Aktionäre sind die 211 Nationalverbände, die ihn 2016 an die Spitze wählten. Der Schweizer sagte damals, dass das Geld der Fifa nicht dem Präsidenten gehöre. Sondern den Verbänden. Dass es der Entwicklung des Fussballs dienen müsse. Und nichts anderem. Er war mit dem Versprechen angetreten, den Verbänden Geld zu geben. Und er hat es gehalten.Da ist etwa das Fifa-Forward-Programm, das Infantino dank den wachsenden Einnahmen stark ausbauen konnte. Für den laufenden Zyklus sind 2,25 Milliarden Dollar dafür vorgesehen. Blatters Vorgängerprogramm hatte rund die Hälfte bereitgestellt.Fifa Forward ist ein Investitionsprogramm für alle Verbände, doch natürlich ist es für die kleineren wichtiger. Aber Infantino schaut auch zu den grossen Playern. An der WM 2026 werden fixe Prämien von 10 Millionen Dollar für alle Teilnehmer bezahlt. Dazu gibt es einen Beitrag an die Reisekosten, den die Fifa kurz vor dem Turnier von 1,5 auf 2,5 Millionen Dollar erhöht hat. Und natürlich Preisgelder. Auf den Weltmeister wartet eine Prämie von 50 Millionen. Insgesamt schüttet die Fifa 871 Millionen aus, fast doppelt so viel wie noch in Katar.Die Fifa nimmt und gibt. Die Verbände nehmen und schweigen. Auch in Europa, wo Infantinos Gebaren zwar bei den allermeisten Fussballfans auf Ablehnung, gar Empörung stösst. Doch die Verbände halten sich zurück mit Kritik an Infantino. Auf anderen Kontinenten erst recht; dort ist die Abhängigkeit von den Fifa-Geldern noch viel grösser. Die NZZ schrieb vor der WM verschiedene afrikanische Verbände an, weil sie von ihnen wissen wollte, wie sie zu den Ticketpreisen stehen. Eine Antwort kam von keinem einzigen.Als Infantino das letzte Mal wiedergewählt wurde, beim Kongress in Kigali im Jahr 2023, passierte das per Akklamation. Einiges spricht dafür, dass das auch 2027 wieder so sein wird. Dann kandidiert Infantino für eine weitere Amtszeit.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
WM 2026: Gianni Infantino ist seit 10 Jahren Fifa-Präsident – so funktioniert er
Der Weltfussballverband nimmt Geld und gibt Geld – das war schon immer so. Aber der Fifa-Präsident Gianni Infantino hat das Prinzip Macht durch Expansion perfektioniert: Er herrscht wie ein König über die Fussballwelt.












