PfadnavigationHomeSportFußballGianni InfantinoVom gehänselten Arbeiterkind zum Fußball-AutokratenVon Florian HauptStand: 14:42 UhrLesedauer: 8 MinutenClown und Workaholic: Der Fußball zahlt einen hohen Preis für Gianni InfantinoQuelle: Visionhaus/Getty ImagesGianni Infantinos Aufstieg vom Sohn italienischer Einwanderer zum Fifa-Präsidenten ist beeindruckend. In erster Linie verdankt der Fan von Inter Mailand sein Amt den USA. Seitdem verkauft er den Fußball an die Mächtigen und Reichen der Welt.Niemand ist mehr sicher vor Gianni Infantino, nicht mal die Kinder. Im Panini-Album für die Weltmeisterschaft 2026 grüßt der Präsident des Weltverbandes Fifa gleich auf der ersten Seite mit einem Vorwort. Stadien, Wappen, Spieler: diese schlichte, neutrale Schönheit war mal. Im Sammelalbum. Wie im Fußball.An ihre Stelle ist ein Personenkult getreten, wie er um einen Sportfunktionär noch nicht zu erleben war. Gianni hier, Gianni da: immer dieses erst mal sehr freundliche Lächeln. Wie ein lustiger Clown. Oder, laut Infantinos Freund Donald Trump: „Wie ein kleines Kind, das an Weihnachten aufwacht und all diese Geschenke unter dem Baum sieht.“ Infantino kann sich ehrlich begeistern für den Fußball und für seine Rolle im Fußball. Aber lustig finden das beileibe nicht alle.Im Duo infernale mit Trump verantwortet er eine WM, der mit Schaudern entgegengeblickt wird. Man kann sich die beiden wie Türsteher vorstellen. Die Welt zu Gast bei Donald und Gianni: Der eine schreckt ab über seine Einreisepolitik, der andere über seine Eintrittspreise. Mal schauen, ob wir euch reinlassen, bevor wir euch den letzten Dollar rauspressen und ihr dann bitte sofort wieder abhaut. Böser Bulle und noch böserer Bulle: Die beiden killen jede Party, und für viele Fußballfans scheint Infantino dabei fast der noch größere Schurke als Trump.Zum Beispiel das Match Haiti gegen Schottland am ersten Gruppenspieltag in Boston, für das über die Fifa-Homepage noch Karten zu haben sind. In der Kategorie vier von 690 Dollar bis 1380 Dollar. In der Kategorie eins von 575 Dollar bis 86.250 Dollar. In Worten: Sechsundachtzigtausendzweihundertfünfzig. Und es geht da nicht mal um „Front-Kategorie 1“, offenbar die beste, denn die geht erst bei 1437,50 Dollar los. Wie konnte das passieren, wie ist der Fußball da gelandet?Infantino gibt seit 2023 keine PresskonferenzenGiovanni Vincenzo Infantino kam vor 56 Jahren als jüngstes von drei Geschwistern auf die Welt. Am Anfang stand ein Drama, wegen verunreinigtem Blut benötigte er sofort nach der Geburt eine vollständige Transfusion. Gerade noch rechtzeitig wurden Spender aus England und Jugoslawien gefunden, und die Rettungsflugwacht brachte das Blut per Eiltransport ins Krankenhaus von Brig im Wallis. Die Schweizer Boulevardpresse berichtete groß.Lesen Sie auchWas aus dem geretteten Baby werden sollte, konnte zu jenem Zeitpunkt niemand ahnen. Infantinos Eltern, italienische Einwanderer, arbeiteten hart, der Vater in Nachtzügen, die Mutter am Kiosk. Gianni verschlang die Seiten der „Gazzetta dello Sport“, ging in den Verein FC Brig-Glis. In der Schule wurde er gehänselt wegen schlechten Schweizerdeutschs, roter Haare und Sommersprossen. Bei einer Pressekonferenz vor Beginn der WM 2022 in Katar führte er diese Erfahrung an, um sich als eine Art Märtyrer der Diskriminierten zu präsentieren: „Heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich als Afrikaner, heute fühle ich mich schwul, heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Wanderarbeiter.“ Er wisse, was es bedeutet, herabgestuft zu werden: „Du schließt dich weg, du gehst in dein Zimmer, du weinst.“Das Echo auf die Rede war fatal, jedenfalls in den großen westlichen Medien. Dort half Infantino nicht wirklich, dass er seine Anklage an okzidentale Doppelmoral in Form eines einstündigen Monologs vortrug. Seine Kernaussage, auch Europa sei bei den Menschenrechten nicht immer auf heutigem Stand gewesen, mochte an sich so bedenkenswert sein, wie sein Aufstieg aus einer Gastarbeiterfamilie zum Fifa-Präsidenten beeindrucken kann. Wahrgenommen wurde die privat angehauchte Erzählung als plumpes Manöver, um Kritik am Ausrichterland zu delegitimieren. Der Inhalt verblasste hinter dem Auftritt.Lesen Sie auchInfantino war in die Falle der Selbstüberhöhung getappt. Deformation durch Macht ist kein neues Phänomen, bei ihm wirkt sie eklatant. Korrektive gehen verloren, Eitelkeiten wachsen, Schamgefühle sinken, persönliche Realitäten werden auf andere projiziert und Ideen erscheinen großartig allein dadurch, dass sie die eigenen sind. Aus seiner Sicht hatte er sein Herz geöffnet. Für die folgende Häme war er umso verwundbarer. Seit 2023 hat er keine Pressekonferenz mehr gegeben.Infantino und die DisruptorenWarum sich mit Skeptikern herumärgern, wenn man von Staatslenkern hofiert wird? Infantino hat mit jeder WM die politische Hemmschwelle gesenkt. Beließ er es mit Wladimir Putin 2018 beim Flirt, verbandelte er sich mit dem Emir von Katar 2022 so weit, dass er immer noch mit einer Privatlinie des Königshauses um den Globus jettet. Während angeblich über 200.000 Flugkilometern pro Jahr gingen auch die letzten Reste Bodenhaftung verloren. Auf die Trophäe der von ihm eingeführten und 2025 erstmals ausgetragenen Klub-WM ließ er zweimal den eigenen Namen gravieren.Wie ein düsterer Rächer hat Infantino den Fußball seit Katar fest an der Seite der Disruptoren aufgestellt. Dem saudischen Kronprinzen Mohammed Bin Salman schanzte er durch einen de facto Ausschluss von Gegenkandidaturen die WM 2034 zu. Trump bekam neben weiteren Privilegien einen „Fifa-Friedenspreis“ erfunden und verliehen. Es war ein brachialer Akt, denn Infantino hat nicht weniger getan, als das von den Funktionären über anderthalb Jahrhunderte so leidenschaftlich verteidigte Diktum vom „unpolitischen Sport“ zu pulverisieren. Immer wurden die Verbände für dieses Prinzip von außen als bigott und unsensibel attackiert. Nun zerschlug er es selbst von innen.Die Fifa war schon unter Vorgänger Joseph Blatter ein globaler Akteur. Ohne Territorium, ohne Militär, aber mit dem Gewicht der Emotionen und Seelen von Milliarden Anhängern. In gewisser Weise vergleichbar mit dem Vatikan. Infantino machte, was seine Amtsvorgänger, aber auch Päpste tunlichst zu vermeiden versuchen, und nahm diesem Akteur das Prestige der politischen Neutralität.Sein ehemaliger Ziehvater trifft ein hartes Urteil. „Er war eine gute Nummer zwei, aber er ist keine gute Nummer eins“, sagte Michel Platini vor einigen Monaten. „Sein Problem ist, dass er auf die Reichen und Mächtigen steht, die mit Geld. So ist sein Charakter.“Fußballlegende Platini war lange der wichtigste Förderer einer Funktionärskarriere, die begann, als der kleine Gianni seine spielerischen Limits erkannte und in einem Schulaufsatz schrieb, er wolle stattdessen Fußballanwalt werden. Infantino gründete eine Mannschaft für Einwanderkinder, und überzeugte den FC Brig-Glis, sie in den Klub zu integrieren. Später studierte er Jura, 2000 nahm er einen Job beim europäischen Fußballverband Uefa an. 2009 machte ihn Präsident Platini zum Generalsekretär.Infantino gilt als Workaholic, bei der Fifa soll er Fitnessgeräte neben dem Präsidentenbüro installiert haben, wo Blatter ein Sofa für Siestas hatte. Bei der Uefa erwarb er sich den Ruf als einer, der was wegschafft. Nach außen war er der Mann, der bei Auslosungen die Loskugeln vorbereitete, im Hintergrund half er aus Patschen wie 2012, als man inmitten der Wirtschaftskrise ohne geeignete Kandidatur für die EM 2020 dastand und die Idee eines multinationalen Turniers aus dem Hut zauberte. Auch die Strategie, alte Fußballheroen als Verbandsbotschafter zu recyceln, forcierte er. Später würde er sie in großem Stil für seine Fifa-Präsidentschaft einsetzen.In erster Linie verdankt der Fan von Inter Mailand und Vater von vier Kindern sein Amt jedoch den USA. Die Vergabe der WM 2022 an Katar galt als Blamage für den Konkurrenten Amerika. Angesichts diverser Ungereimtheiten begann sich die dortige Justiz für die Fifa zu interessieren. Die Ermittlungen brachten ein ganzes System zum Einsturz und setzten Blatter wie seinen ärgsten Rivalen Platini ins Abseits.Es war 2016, und der Weg frei für einen Mann, der sich als bescheidener Diener des Fußballs präsentierte und Billigfluglinien zu nutzen versprach. Nicht zuletzt amerikanisches Antichambrieren zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang brachten ihm einen knappen Abstimmungssieg für die Blatter-Nachfolge. Der damalige US-Verbandsvize Carlos Codeiro ist heute hochrangiger Berater sowohl von Infantino bei der Fifa als auch von Trump im WM-Komitee des Weißen Hauses. Loretta Lynch, die als Generalstaatsanwältin die Ermittlungen im „Fifa-Gate“ leitete und dem Verband „zügellose, systematische und tief verwurzelte“ Korruption vorwarf, arbeitet seit 2019 für eine New Yorker Kanzlei, zu deren Mandanten die Fifa zählt. Plötzlich trat sie mehrmals mit lobenden Worten bei Fifa-Veranstaltungen auf.Verdoppelte Einnahmen Platini ist weniger angetan. Seit der Pandemie habe sich sein ehemaliger Sekretär immer mehr in einen „Autokraten“ verwandelt, sagt der Franzose: „Er hat das Spiel drangegeben.“ In der Fifa sei „weniger Demokratie als zu Blatters Zeit“.Den Mitgliedsverbänden, in der Regel auch dem Deutschen Fußball-Bund, ist es egal. Allein die Norwegerin Lise Klaveness erhebt manchmal noch eine kritische Stimme. Alle anderen starren auf ihren Scheck. 871 Millionen Dollar will die Fifa an die 48 WM-Teilnehmer ausschütten, darunter 12,5 Millionen vorab an jede Nation und 50 Millionen Titelprämie. Für den Bilanzzeitraum 2023 bis 2026 könnte sie die Gesamteinnahmen von 7,5 Milliarden Dollar aus dem vorherigen Vierjahreszyklus verdoppeln. Das ist die Währung, nach der Infantino in der sogenannten Fußballfamilie gewogen wird.Abonnieren Sie unseren Podcast WELTMeister bei Spotify, Apple Podcasts oder direkt per RSS-Feed.Der Preis dafür sind Eintrittsgelder wie bei dieser WM. Der Preis ist, dass nicht mehr nur die Armen im Stadion außen vor bleiben wie schon lange, sondern auch die Mittelschicht. Der Preis ist politische Anbiederung, der Preis ist Intransparenz. Der Preis ist Saudi-Arabien, das über seinen staatlichen Fonds PIF und seine Entwicklungsbank mit einer Finanzspritze von einer Milliarde Dollar die Klub-WM im vorigen Jahr ermöglichte und mit einem ähnlich hohen Betrag den Fußball in aller Welt vorantreiben will. PIF ist vor ein paar Wochen auch als WM-Sponsor vorgestellt worden, der staatlich-saudische Ölkonzern Aramco ist das sowieso schon.Der Präsident hat derweil angekündigt, bei den Wahlen im nächsten Jahr für die Amtszeit bis 2031 zu kandidieren. Vermeintlich dürfte er das nicht, die Fifa-Statuten beschränken die Verweildauer auf drei Amtszeiten. Doch weil sein erstes Mandat nur dreieinhalb statt vier Jahren dauerte, soll das nicht gelten. Mit Gianni Infantino ist weiter zu rechnen. Im nächsten Panini-Album dann ja vielleicht mit eigenem Starschnitt.