KommentarDas Inflationsgespenst ist zurück: Die Zentralbanken dürfen den Anstieg der Teuerung nicht wieder unterschätzenIn den Jahren 2021/22 haben viele Zentralbanken den massiven Inflationssprung verschlafen. Jetzt führen erneut hohe Energiepreise zu einer überschiessenden Teuerung und setzen Notenbanken global unter Druck. Eine weitere Fehlleistung dürfen sie sich nicht erlauben.13.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAufgrund der gestiegenen Inflation hat die EZB eine erste Zinserhöhung vorgenommen. Im Bild das EZB-Hauptgebäude in Frankfurt.Thomas Lohnes / GettyDer Iran-Konflikt und die Schliessung der Strasse von Hormuz stürzen Notenbanken in ein Dilemma. Dies- und jenseits des Atlantiks hat die Inflation deutlich zugelegt, angetrieben durch die Preisanstiege für Erdöl und Erdgas und daraus abgeleitete Produkte wie Benzin oder Dünger. Das spricht für Zinserhöhungen, um die Inflation zu dämpfen. Doch zugleich bremsen die hohen Energiepreise die Konjunktur – und Zinssteigerungen würden diesen Abschwung noch verstärken.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Situation ist umso kritischer, als sie Erinnerungen an die Jahre 2021/22 hervorruft. Damals unterschätzten die US-Notenbank (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) einen starken Inflationsschub, den der russische Überfall auf die Ukraine noch forcierte. Die Inflationsrate schoss in der Folge auf zuvor jahrzehntelang nicht mehr gesehene Spitzenwerte von 9,1 Prozent in den USA und 10,6 Prozent in der Euro-Zone. Die hohe Teuerung machte viele Menschen ärmer. Wohl auch deshalb hat die EZB vergangenen Donnerstag eine erste Zinserhöhung vorgenommen. Ist das der Beginn einer umfassenden Zinswende?Fed-Chef Warsh in der BredouilleDer Vergleich mit der Hochinflationsperiode vor vier Jahren liegt zwar nahe, aber er hinkt. Damals trat der Energiepreisschock in einer anderen konjunkturellen Lage auf: Das monetäre Umfeld in den USA und in der Euro-Zone war durch die über Jahre sehr lockere Geldpolitik extrem expansiv, die Wirtschaft war aufgrund von Nachholeffekten infolge der Corona-Lockdowns gut ausgelastet, und die Arbeitskräfte waren knapp. Diese Situation begünstigte eine schnell steigende Teuerung.Das ist derzeit anders. Die Geldpolitik ist in den USA und in der Schweiz leicht expansiv und in der Euro-Zone eher neutral. Zudem entwickeln sich das Wirtschaftswachstum und der Arbeitsmarkt verhaltener. Ferner sind Konsumenten und Unternehmen weniger ausgabenfreudig als nach der Pandemie. Dennoch gilt für das Fed, die EZB und die Schweizerische Nationalbank (SNB) auch diesmal, dass sich der inflationäre Wind sehr schnell gedreht hat. Aufgrund von abweichenden Situationen müssen die Notenbanken nun jedoch unterschiedlich reagieren.In der Bredouille steckt nur einen Monat nach Amtsantritt bereits der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh, den US-Präsident Donald Trump auf dem Chefsessel des Fed platziert hat. Warsh hat den Vorsitz in einer ohnehin schwierigen Phase übernommen. Die Inflation liegt in den USA seit fünf Jahren deutlich über dem Ziel von 2 Prozent, weil sich die Notenbank im Rahmen ihres Doppelmandats auf die Unterstützung des Arbeitsmarkts konzentrierte und dabei den Kampf gegen die Teuerung vernachlässigte. Auch deshalb zeigten sich die Mitglieder des Fed-Offenmarktausschusses beim vergangenen Zinsentscheid so gespalten über die weiteren Massnahmen wie seit Jahren nicht mehr.Trump verspricht sich von Warsh sinkende Leitzinsen. Dieser hatte in der Vergangenheit argumentiert, der Boom der künstlichen Intelligenz (KI) habe einen inflationssenkenden und produktivitätssteigernden Effekt, was niedrige Zinsen erlaube. Das mag langfristig stimmen, doch kurzfristig treiben die enormen Investitionen in die KI die Teuerung erst einmal an, etwa durch den Bau von Rechenzentren und Stromleitungen bei zugleich knappen Ressourcen im Bau- und Chipsektor.Darüber hinaus vernachlässigt Warsh, dass die KI lediglich ein erwarteter struktureller Desinflationstreiber ist, dem jedoch bereits reale strukturelle Inflationstreiber wie die ungünstige Demografie und die Deglobalisierung entgegenstehen. Diese heizen die Teuerung tendenziell an. Dazu kommen langfristig steigende Verteidigungsausgaben.Pech für den Novizen auf dem Fed-Chefsessel ist zudem, dass sich der inflationäre Trend durch den Iran-Krieg wieder verschärft hat. Sogar an den meist nach Zinsreduktionen strebenden Finanzmärkten wird nicht mehr wie zuvor mit zwei Zinssenkungen in diesem Jahr gerechnet, sondern mit mindestens einer Zinserhöhung. Das erscheint aufgrund des konjunkturellen Umfelds plausibel. Doch wenn sich Warsh nun plötzlich für eine Zinserhöhung ausspricht, wird er sich den Zorn des Präsidenten zuziehen. Plädiert er für eine Zinssenkung, verliert er an Glaubwürdigkeit bei seinen Fed-Kollegen – und gilt als Marionette des Weissen Hauses.EZB-Präsidentin Lagarde geht mit Zinsschritt voranDie Lage für die EZB-Präsidentin Christine Lagarde ist dagegen entspannter. Die europäische Währungsbehörde hat am vergangenen Donnerstag richtigerweise mit einer Zinserhöhung auf die anziehende Teuerung in der Euro-Zone reagiert. Diese stieg im Mai auf 3,2 Prozent und liegt damit deutlich über den mittelfristig angestrebten 2 Prozent. Der EZB-Rat will sich offenkundig nicht ein zweites Mal nach 2022 vorwerfen lassen, viel zu spät auf den Inflationsanstieg reagiert zu haben.Der Teuerungsschub in der Euro-Zone ist sehr stark getrieben vom Anstieg der Energiepreise. Nennenswerte Zweitrundeneffekte sind bis jetzt nicht zu erkennen. Doch auch die Inflation im Dienstleistungssektor ist mit 3,5 Prozent weiterhin unangenehm hoch.Zugleich bewegen sich die Inflationserwartungen von Konsumenten und Unternehmen nach oben. Der Chefökonom der Commerzbank sieht bereits «erste Anzeichen einer beginnenden Entankerung der Inflationserwartungen». Und wenig fürchten Notenbanker mehr als genau dieses Szenario, weil es selbstverstärkende Effekte auslöst.Marktteilnehmer rechnen daher damit, dass die EZB den Inflationsschub diesmal nicht unterschätzen, sondern die Leitzinsen ein zweites Mal im Juli oder September und womöglich ein drittes Mal Anfang 2027 erhöhen wird. Vor allem Letzteres hängt aber stark von der weiteren Entwicklung am Persischen Golf ab – und diese scheint unberechenbar.SNB-Chef Schlegel kann abwartenGeradezu gemütlich ist da die Lage für den SNB-Chef Martin Schlegel. Vor Ausbruch des Iran-Kriegs kursierten in der Schweiz Befürchtungen, die Nationalbank könnte angesichts der sehr niedrigen Inflation wieder Negativzinsen einführen, die nicht nur bei Sparern gefürchtet sind. Dieses Szenario ist jedoch vorläufig vom Tisch, denn auch hierzulande hat die Inflationsrate auf bescheidene 0,6 Prozent angezogen. Der starke Franken, der Importe tendenziell verbilligt, dämpft in der Schweiz die Folgen der sprunghaft gestiegenen Energiepreise.Die SNB wird auf ihrer nächsten Sitzung am Donnerstag zwar wohl die Inflationsprognose nach oben revidieren. Doch Zinserhöhungen sind angesichts der milden Teuerung und des verhaltenen Arbeitsmarkts nicht in Sicht. Zudem entwickeln sich das verarbeitende Gewerbe und die Exportwirtschaft erstaunlich gut. Möglich bleiben hingegen Interventionen am Devisenmarkt. Beobachter mutmassen, die Nationalbank habe im März kurz nach Ausbruch des Iran-Kriegs mit eher geringen 2 bis 3 Milliarden Franken und im April mit noch weniger Geld am Devisenmarkt interveniert, um den Franken zu schwächen. Dies könnte sich wiederholen, sollte der Krieg eskalieren.Die Frage, ob der jüngste Zinsschritt der EZB und die Änderung der Zinserwartungen in den USA eine längerfristige Wende oder nur eine temporäre Zinsanpassung darstellen, lässt sich noch nicht beantworten. Entscheidend ist der weitere Verlauf des Iran-Konflikts, der von einem offenen Krieg in einen brüchigen Waffenstillstand übergegangen ist. Die Notenbanken müssen also flexibel bleiben.An den Finanzmärkten rechnen viele Beobachter während der Verhandlungen der USA mit Iran vorerst mit einer unruhigen Übergangsphase. Doch solange die Strasse von Hormuz weitgehend unpassierbar bleibt, drohen Preisschübe.Das gilt umso mehr im Fall einer neuerlichen Eskalation des Konflikts, bei der womöglich noch mehr Energieinfrastruktur zerstört wird, beispielsweise Anlagen zur Erdgasverflüssigung oder Verladeterminals für Erdöl. Fest steht dagegen, dass eine deutlich über den Zielwerten liegende Inflationsrate aufgrund des damit verbundenen Kaufkraftverlustes zu den grössten Wohlstandsrisiken zählt – besonders für Menschen mit niedrigen Einkommen. Deshalb sollten die Zentralbanken die überschiessende Inflation entschlossen bekämpfen. Das Motto muss lauten: im Zweifel eine Zinserhöhung.Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.Passend zum Artikel
Im Zweifel eine Zinserhöhung: Notenbanken dürfen Inflationsanstieg nicht wieder unterschätzen
In den Jahren 2021/22 haben viele Zentralbanken den massiven Inflationssprung verschlafen. Jetzt führen erneut hohe Energiepreise zu einer überschiessenden Teuerung und setzen Notenbanken global unter Druck. Eine weitere Fehlleistung dürfen sie sich nicht erlauben.
Iran-Konflikt treibt Energiepreise und Inflation; EZB erhöht Zinsen. Warsh (Fed) hofft auf AI-Deflation, doch Data-Center-Capex verstärkt Teuerung. Tech-Manager: Zinserhöhungen bleiben wahrscheinlich. KI senkt keine Inflation – Rechenzentren und Chipengpässe befeuern Preise.













