Die kürzlich nach Zürich gezogene Deutsche sagt zur 10-Millionen-Initiative: «Ich verstehe die Wut der Schweizer»Sie sind gut bezahlt, sprechen Englisch und leisten sich eine teure Wohnung: Expats wurden in Zürich für viele zu einem Feindbild. Wie blicken sie auf die Abstimmung über die SVP-Vorlage?12.06.2026, 05.04 Uhr6 LeseminutenMac-Notebook, «Flat White» und eine Menge Expats. So sieht Coworking in Zürich aus.Gaetan Bally / Keystone«Flat White», «Cold Brew» oder «Americano». Es gibt wenig, was Zürcherinnen und Zürcher mehr aufbringt, als ihren Café crème in der eigenen Stadt auf Englisch bestellen zu müssen. An eine englischsprachige Bedienung scheinen sich viele Einheimische nicht gewöhnen zu können.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nirgends in Zürich hört man so eine geballte Ladung Englisch wie im Seefeld. Das Quartier, das um 1800 noch eine sumpfige Ebene mit wenig ertragreichen Wiesen war, ist längst zu einer Chiffre geworden. Sagt man «Seefeldisierung», meint man die Veredelung eines Stadtteils. Und alle Begleiterscheinungen, die mit der Gentrifizierung einhergehen: steigende Mieten, mehr Kanzleien, Praxen und Porsches, aber immer weniger Alteingesessene.Für diese Entwicklung haben in Zürich linke wie rechte Kreise längst einen Sündenbock ausgemacht: die Expats. Sie dienen als Lieblingsbeispiel dafür, dass es so nicht weitergehen kann. Dass einem die Zugewanderten die Jobs, die Wohnungen oder den Platz in der Badi wegschnappen. Es ist das Gefühl, in der eigenen Stadt auf die Seite gedrängt zu werden. Manche sehen in ihnen eine Verdrängung des Schweizerischen.Es ist wieder einmal die Diskussion über Zuwanderung, die gerade im ganzen Land geführt wird und über die am 14. Juni mit der SVP-Initiative «Keine-10-Millionen-Schweiz» abgestimmt wird.Wie geht es «den Expatriates» dieser Tage? Interessiert sie überhaupt, was die Schweiz gerade umtreibt?Angehupt wegen deutschem Kontrollschild«Viele Expats in Zürich tangiert die Diskussion überhaupt nicht», sagt Tyler Brûlé. Der Kanadier, der aus der Swissair die Marke Swiss entwarf, gilt als eine Art Prototyp eines Expats. Im Seefeld gründete der Verleger und Designer das «Monocle» – Café, Shop und Magnet schlechthin für Expats. Gerade ist er in Lissabon unterwegs, einer weiteren Kolonie der digitalen Nomaden.Tyler Brûlé lobte schon vor 20 Jahren die hiesige Lebensqualität.PDSeine These stützt Brûlé auf dreierlei Arten: Erstens seien die Expats ja bereits da, zweitens könnten sie politisch nicht mitentscheiden. Drittens seien die meisten Expats sehr mobil und würden sich sagen: «Heute dient mir die Schweiz, und morgen ziehe ich sowieso weiter.»Ein Vormittag im «Monocle» wenige Tage vor der Abstimmung. Die Mac-Notebooks sind aufgeschlagen, die Yogamatte ist verstaut, der Pudel sitzt auf der Bank. Das Gros der Gäste bestellt auf Englisch und wirkt, als hätten sie alle Zeit der Welt. Das Publikum ist jung, international und sieht aus wie aus dem Ei gepellt. Auch die Autos scheinen einem Hochglanzkatalog entsprungen zu sein. Da rollt ein Rolls-Royce heran, dort röhrt ein alter Porsche 911.Oft mit der Matte und mit Mate unterwegs: Expats besuchen in Zürich besonders gerne Yogastudios und trinken angesagte Wachmacher.Karin Hofer / NZZAlina Gerner, 28, kommt aus der Autostadt Stuttgart. Seit einem Jahr lebt die Psychologin in Zürich, wo sie in einem Spital arbeitet. «Die Dinge funktionieren hier, weil sie strukturiert sind und weil Regeln eingehalten werden», sagt Gerner. Gegenteilig beurteilt sie die Lage in Deutschland. Über die kommende Abstimmung sagt sie: «Ich verstehe die Wut der Schweizer. Ich verstehe, wenn man sagt, es gibt nur begrenzten Platz.»Es ist noch nicht lange her, da bekam sie diesen Frust am eigenen Leib zu spüren. Gerner war nach ihrem Umzug in die Schweiz noch eine Weile mit einem Stuttgarter Kontrollschild unterwegs. Entsprechend sei sie im Verkehr angefeindet worden. «Seit ich ein Zürcher statt ein deutsches Kontrollschild habe, werde ich nicht mehr angehupt.»Die Schweiz zählt weiterhin zu den beliebtesten Einwanderungsländern Europas. In vielen anderen Ländern ist die EU-Migration hingegen rückläufig. In Deutschland zogen letztes Jahr beispielsweise mehr EU-Bürger weg als hin. Gerade aus Deutschland reisst der Strom nach Zürich nicht ab. Von 150 000 Ausländern in Zürich sind rund 33 000 Deutsche.Die SVP nennt diese Leute Profiteure. Den abgehobenen Managern seien die Sorgen der Schweizer egal, sie wohnten in guten Quartieren, schickten ihre Kinder in Privatschulen und kassierten ihre Boni.Alina Gerner, die Einwanderin aus Deutschland, sagt: Auch sie merke, dass bei der Migration ein Druck da sei. Aber die Schweiz lebe von den Fachkräften. Darum sieht sie «eine strikte Obergrenze» als wenig sinnvoll. Sie findet, die heutigen Bedingungen für EU-Zuwanderer seien bereits recht streng. So brauche man einen Job und eine Wohnung, um sich anmelden zu können. Gerner würde Nein stimmen, weil sie eine Obergrenze als zu absolut sieht.Guy, der französische Shopmanager im «Monocle», stammt aus dem Elsass und pendelt jeden Tag von Basel nach Zürich. Sein Glück sei, dass er zu Randzeiten unterwegs sei. Aber er kann ein Lied vom Fachkräftemangel singen. Kürzlich suchte er Personal für einen Pop-up-Shop am Flughafen Zürich. Es habe sich aber lange niemand gefunden, der Deutsch gesprochen habe. Dieser Kampf um Arbeitskräfte, sagt er überzeugt, würde sich verstärken, wenn erst einmal eine Obergrenze festgelegt sei.Viel Verständnis für die SchweizerIm «Monocle» weiss man sehr wohl, dass am Sonntag etwas Grosses ansteht. Nur: Die Leute, über die abgestimmt wird, verfolgen die Abstimmung erstaunlich gelassen. Und: Für «the referendum» ist reichlich Verständnis vorhanden. «Ich verstehe die Schweizer und verurteile niemanden», sagt Shotije Bega, eine Deutsche mit albanischen Wurzeln. Schliesslich kämen einfach sehr viele Leute hierher.Die Produktmanagerin erinnert die derzeitige Situation an London, wo sie den Brexit erlebte. Nur seien die Schweizerinnen und Schweizer auch in der gegenwärtigen Stimmung durch und durch freundlich, sagt Bega.Ihre Begleiterin Kaltrina Dajakaj hat ebenfalls albanische Wurzeln, stammt aber aus Dänemark. Die Managerin einer Boutique vergleicht die kommende Abstimmung mit der Lage in ihrer Heimat. Dänemark sei strikter geworden, was die Migration angehe. «Das muss wohl so sein, wenn ein Land seine DNA behalten will.»Selten vernimmt man in der derzeitigen Debatte aber eine prominente Person, die sich offen für eine Begrenzung aussprechen würde. Und noch seltener ist jemand dabei, der selber einmal eingewandert ist. Niklas Nikolajsen, ein Krypto-Unternehmer und gebürtiger Däne, ist so jemand. Kürzlich sagte der Neo-Zuger zum Online-Portal «20 Minuten», er erhoffe sich von einem Ja einen Abbau der Spannungen in der Schweiz, weil mit den 10 Millionen eine Grenze definiert sei.Mit der Boombox im TramWeniger eindeutig positioniert sich Tyler Brûlé. Zur 10-Millionen-Initiative hat er sich bisher nicht geäussert. Die Diskussion an sich überrascht ihn allerdings nicht. «Zuwanderung ist die grosse Übung unserer Zeit», sagt er. Er meint überzeugt: Die Bevölkerung anderer europäischer Länder würde ebenfalls gerne darüber abstimmen, nur habe sie die Möglichkeit dazu nicht. «Es ist keine schöne Diskussion, aber wir müssen darüber reden, wen man ins Land hereinlässt.» Allein über eine Zahl zu streiten, reiche aber nicht aus, sagt Brûlé.Der Kosmopolit, der in St. Moritz lebt und noch keinen roten Pass hat, sagt: Andere Staaten schauten am 14. Juni genau auf die Schweiz. Schliesslich sei kein anderes Land so erprobt mit Volksinitiativen. Das sehe man auch, wenn man die Schweizer Abstimmungen mit dem Brexit in England vergleiche: Die Briten hätten bis zuletzt nicht gewusst, worum es eigentlich gehe. «In der Schweiz sind die Stimmbürger über die Konsequenzen ihrer Wahl viel besser informiert.»Brûlé versteht den Schmerz vieler Einheimischer, wenn von Identitätsverlust die Rede ist. Die Schweiz sei in dieser Hinsicht wie Japan: eine wohlhabende Gesellschaft mit vielen unausgesprochenen Regeln. Konflikte entstünden oft dort, wo Zugewanderte diese nicht kennten. «Man sollte halt nicht mit der Boombox in die Badi oder ins Tram steigen», sagt Brûlé. Wer in einem Land zu Gast sei, müsse sich auch dessen Gepflogenheiten anpassen.Wer an diesem Vormittag im «Monocle» einen Café crème bestellt, bekommt ihn auch auf Deutsch. Die Bedienung wechselt mühelos zwischen den Sprachen. Vielleicht ist das Auffälligste an den Expats ihre Gelassenheit.Ausgerechnet jene Menschen, über die in diesen Wochen so intensiv diskutiert wird, wirken erstaunlich wenig aufgeregt.Passend zum Artikel
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