Interview«Einfach die Expats ins Visier zu nehmen, ist schon fast fremdenfeindlich», sagt der Zuger FinanzdirektorHeinz Tännler ist der strategische Kopf des nationalen Wachstumsmotors Zug. Der Befürworter der 10-Millionen-Schweiz-Initiative verteidigt die «Willkommenskultur» seines Kantons. Gleichzeitig fordert er vom Parlament konkrete Vorschläge, um die Zuwanderung zu steuern.16.06.2026, 05.29 Uhr7 Leseminuten«Bis jetzt haben wir diesen Kanton im Griff, er funktioniert»: Heinz Tännler, SVP-Regierungsrat und Finanzdirektor des Kantons Zug.Karin Hofer / NZZHerr Tännler, die Schweiz sagt Nein zur 10-Millionen-Schweiz-Initiative der SVP. Sind Sie insgeheim erleichtert?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist ein Resultat, mit dem ich umgehen kann. Die Initiative hat gezeigt, dass die Zuwanderung nicht einfach ignoriert oder mit politischer Augenwischerei bekämpft werden kann – aber sie war für das Schweizervolk offenbar nicht der richtige Weg. Dieser Bevölkerungsdeckel war mir nicht sympathisch. Aber erleichtert zu sein, weil weiterkutschiert wird wie bisher? Das wäre unverantwortlich.Sie waren zuerst gegen die Initiative, bezeichneten sie als «gefährlich». Dann waren Sie plötzlich dafür. Das kam für uns überraschend.Man darf immer gescheiter werden. Es war eine Abwägung. Diese Initiative hatte nicht nur Vorteile. Ich war nicht bei den Initianten, die das ausgetüftelt haben. Ich habe mehrmals mit dem SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi telefoniert und gesagt: «Ihr hättet das dynamischer organisieren müssen, nicht mit einem Deckel.» Aber wenn wir das achtzehnfache Bevölkerungswachstum von Deutschland haben, können wir doch nicht einfach purlimunter weitermachen. So höre ich es oft in Zug.Der General von ZugNZZHeinz Tännler ist seit 2016 Finanzdirektor des Kantons Zug. Der 66-jährige Jurist erwirtschaftet im Innerschweizer Tiefsteuerkanton seit Jahren Rekordüberschuss um Rekordüberschuss. Zug ist der grösste Geberkanton im interkantonalen Finanzausgleich. Im Regierungsrat gilt er als dominante Figur, im Kanton wird er deshalb auch «General» genannt.Sie sehen von Ihrem Büro auf die vollen Bahnhofperrons von Zug.Einfach wegschauen wäre der falsche Weg. Ich hatte immer gehofft, dass Bundesrat und Parlament endlich mit griffigen Massnahmen aufwarten. Leider vergebens! Sie werden es wohl auch in Zukunft nicht zustande bringen.Seit wann sehen denn sogar Sie das Zuger Modell mit tiefen Steuern, vielen neuen Firmen, viel Zuwanderung und viel Dynamik kritisch?Jetzt verfallen Sie dem linken Narrativ.Nein, wieso?Das hat doch mit dem Zuger Modell nichts zu tun. Ich habe den Auftrag, dass es der Zuger Bevölkerung und der Wirtschaft gutgeht. Deshalb nehmen wir ihnen nicht mehr Geld weg, als wir benötigen. Dieser Weg ist mehrfach vom Volk abgestützt. Das Zuger Modell habe ich nicht erfunden.Sie sind der bekannteste Promotor.Unser Modell basiert auf einer Willkommenskultur. Auch mit dieser Initiative hätte sich in den nächsten fünf Jahren im Stande Zug nicht viel verändert. Es wäre weiter Wachstum möglich gewesen. Die Schweiz ist sehr flexibel. Und sehen Sie, es gilt Niederlassungs- und Wirtschaftsfreiheit. Wenn eine Firma hierhin kommen will, kommt sie hierhin. Und das ist gut so. Ich will den Kanton Zug nicht unattraktiv machen. Aber wir dürfen uns doch überlegen, wie wir unsere Zuwanderung selbst steuern können. Es braucht qualitatives, nicht quantitatives Wachstum.Aber das ist der totale Widerspruch.Nein, sicher nicht. Das müssen Sie mir nicht unterstellen!Das Zuger Modell beruht auf einer Willkommenskultur, wie Sie es formuliert haben, auf einem Wachstum, das die Initiative dämpfen wollte.Eine schweizweite Dämpfung wäre nicht schlecht. Es kann nicht in einem mordsschnellen Tempo weitergehen.Aber Sie haben dieses Tempo doch erzeugt. Das ist der Widerspruch.Nein, wir haben seit vierzig Jahren gute Rahmenbedingungen. Und die Fachkräfte, die wir hier sur place brauchen, hätten weiterhin in die Schweiz und nach Zug kommen können. In unseren internationalen Firmen kommen übrigens viele Fachkräfte aus Drittstaaten, da geht es auch mit Kontingenten.Thomas Matter, der Erfinder der 10-Millionen-Initiative, sagte kürzlich, Zug sei vielleicht zu schnell gewachsen. Er ist nicht der Einzige. Seit einiger Zeit heisst es auch von Fans des Zuger Modells, der Heimatverlust sei zu gross, es werde nur noch Englisch geredet.Aufgrund dieser Initiative hätte niemand, der hier ist, gehen müssen. Kein Asylbewerber, kein Expat. Deshalb war ich dafür. Es hätte sogar weiterhin ein Wachstum gegeben. Aber tatsächlich kennen wir in Zug auch die andere Seite der Medaille. Wir sind schon seit Jahren die Opfer unseres eigenen Erfolgs. Deshalb haben wir eine wohnpolitische Strategie gefasst: Wir müssen die Internationalisierung in Bahnen bringen können, damit auch Zugerinnen und Zuger die realistische Möglichkeit haben, hierbleiben zu können. Wir haben zu wenig preisgünstige Wohnungen, das betrifft junge Familien. Da sind wir intensiv dran, vielleicht mit etwas Verspätung, aber immerhin mit Vorzeigecharakter.Auch Sie sagen also: Zug ist zu schnell gewachsen.So würde ich das nicht unterschreiben. Zug ist schnell und gut gewachsen. Bis jetzt haben wir diesen Kanton im Griff, er funktioniert. Aber neulich war auch ich in einem Restaurant, in dem ich mit Deutsch nicht weiterkam. Jetzt ist sanfte Entschleunigung angesagt.Die Zuger FDP kommentierte das Abstimmungsergebnis in einer Mitteilung so: «Die Expat-‹Bubbles› sind zum Platzen zu bringen.»Da stossen wir auf Widersprüche! Die Expats kennen wir in Zug seit vierzig, fünfzig Jahren. Sie waren immer gern gesehen. Unter anderen auch die FDP hat eine International School unterstützt. Und jetzt will man plötzlich eine Bubble zum Platzen bringen? Wenn ich das lese, stelle ich fest: Einfach die Expats ins Visier zu nehmen, ist schon fast fremdenfeindlich. Wer hier ist, ist hier. Ende der Durchsage. Die internationalen Firmen brauchen Expats, damit müssen wir umgehen.Die FDP meint, Expats sollten in die Feuerwehr, in den Turnverein, sich in der Schweiz integrieren.Wie viele Schweizer gehen in die Feuerwehr? Im Regierungsrat haben wir dieses Thema gerade behandelt. Das Resultat: Es fehlt an Schweizer Feuerwehrleuten. Man muss jetzt nicht auf die Expats los.Wäre die Zuger Bevölkerung bereit, einen gewissen Wohlstandsverlust in Kauf zu nehmen, wenn dafür in den Restaurants weniger Englisch gesprochen würde?Die Expats spielen eine gewisse Rolle für das Gefühl des Heimatverlusts. Aber ich bin überzeugt, dass wir auch ohne Wohlstandsverluste mehr Identität schaffen können. Der Heimatverlust hängt an vielem mehr.Nämlich?Es gibt zu wenig Wohnraum, und an diesem Problem sind nicht in erster Linie die Expats schuld. Eine wichtige Rolle spielt die zunehmende Dichte. Und auch die nationale Migration ist ein Faktor. Das führt zu einer Überfüllung, und zwar nicht allein durch Expats, sondern auch durch Leute aus anderen Kantonen. Ich sehe das zum Beispiel bei schönem Wetter im Gebiet Bellevue oberhalb der Stadt Zug, wo ich wohne und wo diese Ausflügler zu einem enormen Druck führen. Für jeden sind es andere Gründe, die zu Heimatverlust führen.Wie soll es nun politisch weitergehen, wenn sogar Sie feststellen, dass das Wachstum in den vergangenen Jahren zu viel war?Wir müssen dafür sorgen, dass wir in Zug substanzstarke Firmen haben. Diese Firmen stellen eher Leute an, die sich in Zug oder der näheren Umgebung integrieren. Viel mehr können wir nicht beeinflussen. Wir werden weiterhin keine Firmen akquirieren, aber wir können nicht verhindern, dass immer mehr hierherziehen. Es ist ja nicht die Regierung, die Firmen nach Zug holt, sondern Anwälte und die Big Four der Beratungsfirmen. Sie machen internationale Abgleiche und kommen häufig zum Schluss, dass Zug für ihre Klienten die beste Ausgangslage bietet.Aber Sie setzen die Rahmenbedingungen.Der Regierungsrat setzt die Rahmenbedingungen für den Wohlstand und das Wohl der gesamten Zuger Bevölkerung. Wir nehmen deshalb nicht Steuern auf Teufel komm raus ein, sondern nur so viel wie nötig. Wenn wir zu viel einnehmen, geben wir es wieder zurück an die Bevölkerung.Welche Rezepte gibt es, um die einheimische Bevölkerung zu entlasten?Die Krankenkassenprämien werden ein wichtiger Hebel bleiben – auch wenn wir die Entlastung von fast hundert Prozent bei den Spitalkosten, die dieses und nächstes Jahr gelten, nicht im gleichen Ausmass weiterführen werden. Da suchen wir andere Lösungen, etwa verbunden mit einer Steuerrevision. Und wenn der Eigenmietwert abgeschafft wird, werden wir in Zug nicht einfach den Mieterabzug streichen. Ich kann mir sogar vorstellen, den Mieterabzug noch zu erhöhen. Ich werde mit einem entsprechenden Aussprachepapier in die Regierung gehen.Heinz Tännler setzt auf linke Modelle?Das sind keine linken Modelle. Es sind Mittel und Wege, um zu Mehrheiten zu kommen. Wenn Sie eine nackte Steuervorlage vors Volk bringen, werden Sie scheitern. Es braucht Kompromisse und somit Massnahmen für die weniger Wohlhabenden, die es im Kanton Zug übrigens auch gibt und für die wir uns einsetzen. Es gibt hier nicht nur Expats.Warum verzichten Sie nicht einfach auf die Standortförderung?Die Standortförderung wurde uns aufgezwungen, im Zusammenhang mit der OECD-Mindeststeuer. Deshalb setzen wir für die nächsten drei Jahre fix hundertfünfzig Millionen Franken pro Jahr für die Firmen ein. Das führt zu einem Subventionswettbewerb, den ich nicht suche.Infrage gestellt hat die Standortförderung am Sonntag der Walliser Mitte-Präsident Philipp Bregy – um das Bevölkerungswachstum zu dämpfen.Ja, was soll ich denn mit den Einnahmen aus der OECD-Mindeststeuer machen? Das Geld nach Bern schicken?Vielleicht ins Wallis.Die Aussage von Bregy ist ein typischer Schnellschuss nach einer Abstimmung. Man posaunt etwas in die Luft hinaus und verkauft es als Massnahme. Stattdessen sollten die Präsidenten der bürgerlichen Parteien einmal abseits der Kamera zusammensitzen. Es geht in der Schweiz nur mit Kompromissen. Das gilt übrigens auch für meine Partei, die SVP.Sie sehen also das nationale Parlament in der Pflicht.All jene, die uns gesagt haben, dass diese Initiative kein Problem löst, stehen nun in der Verantwortung, die Probleme der Bevölkerung ernst zu nehmen und zu lösen. Das ist das Parlament und nicht der Finanzdirektor von Zug.Sie wirken doch erleichtert über das Abstimmungsergebnis.Erleichtert ist man, wenn man eine Prüfung knapp bestanden hat. Das ist hier nicht der Fall. Immerhin ist nun klar, was Sache ist.Passend zum Artikel