Pedro Moreno ist einer von denen, die nach besorgter Auffassung so einiger Beobachter die WM-Eröffnung in Mexiko-Stadt zum Platzen hätten bringen können. Seit dem frühen Morgen schon steht er hier in Jeansweste und Käppi mit ein-, zweihundert Mitstreitern an der Zentrale der mexikanischen Energiebehörde, General-Prim-Straße, Ecke Paseo de la Reforma. „Es ist Zufall, dass wir gerade zur WM-Eröffnung hier sind“, sagt er lachend. Denn immer am 11. eines Monats protestieren sie hier gegen die steigenden Strompreise. Seit 16 Jahren schon. „Aber wir sind solidarisch mit all den anderen Gruppen, die heute auf der Straße sind“, betont Moreno.Eine WM-Eröffnung ist eine wunderbare Bühne, nicht nur für den sogenannten Weltfußball, seine Fans und Gianni Infantino, sondern auch für jede Menge Interessengruppen hier in Mexiko. Für die Mütter, die auf das Schicksal ihrer verschollenen Kinder aufmerksam machen wollen, für Mitarbeiter des mächtigen Ölkonzerns Pemex, die nach höheren Pensionen verlangen, für die Landarbeiter, die sich ebenfalls auf den Weg in die Hauptstadt gemacht haben. Für die Lehrer und ihre Forderung, ein für sie nachteiliges Rentengesetz von 2007 zurückzunehmen.Allesamt hatten sie für diesen Donnerstag massive Proteste angekündigt, die Lehrer vor allem. Seit mehr als einer Woche belagern sie bereits den Zócalo, den Hauptplatz im historischen Zentrum der Stadt, und treiben die Regierung vor sich her. Zwar handelt es sich nur um einen sehr kleinen Teil der Lehrerschaft, der hier protestiert. Aber sie werden von der mächtigen Gewerkschaft CNTE angeleitet und drohten nicht nur die Fanmeile zwischen Präsidentenpalast und Kathedrale zu sperren, sie drohten immer wieder, den Zugang zum Aztekenstadion zu blockieren.Pedro Moreno (links) demonstriert mit seinen Mitstreitern immer am 11. eines Monats gegen die steigenden Strompreise im Land - seit nunmehr 16 Jahren. Jan HeidtmannDie Regierung hat die Gefahr dieser Situation offenbar zu spät erkannt. Erst seit einer Woche traf sie sich in immer neuen Verhandlungsrunden mit Gewerkschaftsvertretern, um den Konflikt kurzfristig zu lösen. Doch die Lehrer blieben unnachgiebig, am Mittwoch wurde ein weiteres Treffen abgebrochen. Aus Sorge vor angekündigten Demonstrationszügen sicherten daraufhin hunderte Polizisten die beiden Flughäfen der Stadt. Am Donnerstagmorgen teilte die Lehrerin Elvira Veleces, eine Gewerkschaftsfunktionärin, schließlich mit, dass die Proteste weitergehen werden. „Wir werden im Rahmen der Weltmeisterschaft unseren Kampf und unsere zentrale Forderung sichtbar machen“, erklärte Veleces.Es sollen Fahrer festgenommen worden sein, die in ihren Autos Sprengsätze in die Stadt bringen wolltenMexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum hatte seit Tagen betont, ihr Kabinett arbeite an einer Lösung, die Regierung sei immer zu Gesprächen bereit. Zugleich warnte sie vor Provokateuren, die die WM-Eröffnung scheitern lassen wollten. Es sollen sogar Fahrer festgenommen worden sein, die in ihren Autos Sprengsätze in die Stadt bringen wollten. In den letzten Tagen sah sich die Präsidentin ob all dieser Nachrichten in ihrer täglichen Morgenkonferenz daher genötigt, den Erfolg der Eröffnungsfeierlichkeiten zu garantieren. „Das gesamte Team der Stadtverwaltung und der mexikanischen Regierung steht bereit, um dies zu gewährleisten.“Am Vormittag gab die US-Botschaft dann noch eine einigermaßen überraschende Warnung an ihre Staatsbürger heraus, dass es zu Verkehrsstörungen kommen würde. Doch das erwartete Chaos blieb vorerst aus – mit Ausnahme einiger Straßen, die von Demonstranten blockiert wurden. Das lag sicherlich auch daran, dass mehrere Tausend Sicherheitskräfte das Areal rund um das Aztekenstadion abschirmten. Auch im Innern der Stadt war von den Protesten wenig zu spüren.Am Morgen hatte die Stadtverwaltung schließlich auch entschieden, die Fanmeile auf dem Zócalo im historischen Zentrum der Stadt freizugeben. Aufgrund dieser Nachricht strömten Tausende Fans zu den wenigen Zugängen durch die festungsartigen Stahlwände rund um den Platz. Doch obwohl die Besucher länger warten mussten, um eingelassen zu werden, blieb die Stimmung entspannt.Am Vortag des Eröffnungsspiels war es noch zu vielen Protesten gekommen, wie hier von Angehörigen der rund 130 000 Vermissten im Land. Felix Marquez/dpaLange war darüber spekuliert worden, wo denn Mexikos Präsidentin Sheinbaum selbst das Spiel sehen würde. Ihr Ticket für die Eröffnung mit der Nummer 00001 hatte sie schon vor Wochen zugunsten eines Wettbewerbs für Nachwuchsfußballerinnen gespendet. Die Gewinnerin war eine 21-jährige Frau aus dem Bundesstaat Veracruz. Ursprünglich wollte Sheinbaum deshalb die Partie im Salón Tesorería im Innern des Präsidentenpalastes oder vom Balkon aus mit Blick auf den Zócalo verfolgen. Die Wahl des Ortes sei letztlich aber abhängig von Sicherheitslage in der Stadt, hieß es.Kurz vor Anpfiff wurde bekannt, dass Sheinbaum auf ein Fanfest der Stadtverwaltung gehen werde, um das Spiel zu sehen. Im Stadtbezirk Gustavo A. Madero, allerhand Kilometer vom sicheren Präsidentenpalast entfernt. Die Wahl des Ortes sollte sicherlich auch ein Zeichen sein.