Bis zum Wochenende glich das historische Zentrum von Mexiko-Stadt einer Festung. Stahlwände und Hundertschaften von Polizisten schirmten das Herz der Stadt, die Kathedrale, den Präsidentenpalast, vor allem aber die geplante Fanmeile von demonstrierenden Lehrern ab. Sie hatten in den umliegenden Straßen ihre Lager aufgeschlagen, um für höhere Löhne zu protestieren. Die Lehrer sind noch da, Stahlwände und Polizisten auch. Aber die Belagerung ist inzwischen einer routinierten Geschäftigkeit gewichen.Während die Lehrer ihre Sachen von den teils sintflutartigen Regenfällen der Nacht trocknen oder sich Essen kochen, hämmert und bohrt es jetzt auf dem Zócalo, dem Hauptplatz von Mexiko-Stadt. Die riesige Leinwand vor der Kathedrale steht, Arbeiter verlegen letzte Kabel, ein riesiges metallenes Fabelwesen mit einem Fußball auf der Krallenspitze wird enthüllt. Weil etwas Wind geht, weht selbst die mächtige Fahne Mexikos in der Mitte des Zócalo. Statt Belagerung herrscht nun eine Art Schwebezustand. Denn ob und wie genau die Fans hier werden feiern können, wirkte wenige Stunden vor der Eröffnung der WM 2026 noch ungeklärt.Mexiko vor WM-Start:Die Fußballpatrioten greifen einMit viel nationalistischem Pathos stimmt Staatspräsidentin Sheinbaum das mexikanische Nationalteam aufs Turnier ein. Ob das genügt? Sportlich gibt es vor dem Auftakt gegen Südafrika eine Menge Fragezeichen beim WM-Gastgeber.Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum gibt sich dennoch unbeeindruckt. „Wir werden dafür sorgen, dass die Feier zur Eröffnung der Weltmeisterschaft gut, friedlich und ruhig verläuft“, sagte sie in ihrer morgendlichen Pressekonferenz im Nationalpalast. Die Frage ist nur, ob das so einfach geht. Bereits am Dienstag hatten zahlreiche Gruppen zu Protesten aufgerufen. So blockierten Tausende Demonstranten den Hauptzugang zum Aztekenstadion. Die Aktion war von der Lehrergewerkschaft CNTE organisiert worden.Auf dem Paseo de la Reforma, einem der großen Boulevards der Stadt, machten Aktivisten wiederum mit einem riesigen Banner auf die Korruption durch Drogenkartelle in Mexiko aufmerksam. Zugleich protestierten Betroffene gegen die Verdrängung durch steigende Mieten. Es war ein Protesttag, der wirkte wie ein Schnelldurchlauf durch die multiplen Problemlagen des Landes.Nun ist es nicht unüblich, dass gerade zu Großveranstaltungen mobilisiert wird. Eine bessere Bühne als eine Weltmeisterschaft kann es kaum geben. Und die Regierenden stehen unter größerem Druck, Kompromisse zu finden. So haben für Donnerstag, zum Anpfiff der Fußball-WM, Organisationen aus sechs Bundesstaaten zu Großdemonstrationen in Mexiko-Stadt aufgerufen: Mütter auf der Suche nach ihren vermissten Kindern aus Jalisco, Angehörige von Gewaltopfern aus Tabasco; und natürlich die Lehrer, die schon seit Tagen demonstrieren. „Wir werden uns an der nationalen Mobilisierung am 11. Juni in Mexiko-Stadt beteiligen“, kündigte einer ihrer Funktionäre an.„Wir werden nicht repressiv vorgehen“, verspricht Präsidentin SheinbaumDie Regierung ist angesichts der massiven Proteste in einer verzwickten Lage. Sie will den friedlichen Ablauf der WM gewährleisten, zugleich aber die Polizei nicht direkt gegen Demonstranten einsetzen. Denn das seien genau die Bilder, die ihre Gegner erzeugen wollten, sagte Präsidentin Sheinbaum in ihrer Pressekonferenz: „Wir werden nicht repressiv vorgehen“, die Regierung sei im Gespräch mit den Demonstranten. Aber nur mit denjenigen, die friedlich protestierten, wie Sheinbaum mehrfach betonte. Sie bezog sich dabei auf die gewalttätigen Aktionen einiger Vermummter, die die Lehrer-Demonstrationen immer wieder begleitet hatten.Sicherheitslage:Wie sicher ist Mexiko vor der WM?Im Februar eskalierte nach dem Tod von Drogenboss „El Mencho“ die Gewalt – auch in der Nähe eines Stadions, in dem jetzt WM-Spiele stattfinden. Sind Fußball-Fans gefährdet?Friedliche und gewalttätige Aktionen würden immer wieder verschwimmen. „Es handelt sich um eine Provokation, die Chaos in Mexiko vortäuschen soll. Das entspricht nicht der Wahrheit; es ist inszeniert“, sagte Sheinbaum. So sei an den lautstarken Protesten der Lehrer nur eine Minderheit der Kollegenschaft im Land beteiligt. Nicht einmal zehn Prozent der Schulen in Mexiko seien betroffen. Dennoch hätten Regierungsmitglieder den Protestierenden in mehreren Verhandlungsrunden immer wieder Angebote zur Lösung des Konfliktes gemacht. Die seien bisher aber ausgeschlagen worden.Das Stadion als Burg: Polizisten schützen die WM-Arena in Mexiko-Stadt. Tom Weller/dpaDass die Lage durchaus ernst ist, machte die Präsidentin daran fest, dass in Autos, deren Fahrer nach Mexiko-Stadt wollten, auch Sprengsätze gefunden worden seien. Sheinbaum hält rechtsextreme und andere gewalttätige Gruppierungen dafür verantwortlich. Die Sicherheitsvorkehrungen für die Hauptstadt seien in den vergangenen Tagen daher noch einmal verstärkt worden.In ihrer Morgenkonferenz zeigte sie zudem den Ausschnitt eines Interviews mit Ricardo Salinas, einem der reichsten Männer Mexikos, der ein Medienimperium unterhält und zu den erbittertsten Gegnern der Regierung gehört. Darin spricht Salinas von „härterem Vorgehen“, „Streiks“ gegen die Regierung und „Blockaden von Zufahrtsstraßen“. Mit diesen Aussagen rufe er offen zur Konfrontation mit dem Staat auf, sagte Sheinbaum. Salinas pflege Kontakte zu diesen „radikalen Gruppen, die gewalttätige Aktionen veranstalten“.Um am Donnerstag zumindest den Verkehr in der Stadt etwas zu entspannen, hatte die Verwaltung von Mexiko-Stadt für die WM-Eröffnung zuvor noch ein eigenes Dekret erlassen. Demnach fällt am Donnerstag in Schulen und Universitäten der Unterricht aus. Außerdem wurde den Angestellten der Stadt Home-Office verordnet – zumindest, wenn sie nicht unbedingt gebraucht würden. Polizisten gehören nicht dazu.