An der Avenida Paseo de la Reforma harken Gärtner durch die Beete und zupfen arglos weggeworfenen Müll aus den vor Kurzem angelegten bunten Blumenarrangements. Die Vorzeige-Straße in Mexiko-Stadt soll wenige Stunden vor dem WM-Auftakt einen letzten Schliff bekommen. Doch so richtige WM-Stimmung will noch nicht aufkommen in der riesigen Metropole. Das mag auch an den dunklen Wolken liegen, die seit Tagen über der Hauptstadt hängen und sich zuverlässig ausregnen. Die starken Niederschläge sorgen bisweilen für überflutete Straßen und verstärken das ohnehin chronische Verkehrschaos in der riesigen Metropole. Hinzu kommen Proteste und Demonstrationen, die immer wieder ganze Straßenzüge lahmlegen.An diesem Donnerstag um 21 Uhr MESZ (13 Uhr Ortszeit, im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV) wird die Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko, den USA und Kanada mit dem Spiel zwischen Ko-Gastgeber Mexiko und Südafrika eröffnet. Geht es nach dem Fußball-Weltverband FIFA, soll es ein fulminanter Start in das Drei-Länder-Turnier werden. Neue technische Animationen sind angekündigt, es gibt keine klassische Aufstellung zur Nationalhymne mehr. Stattdessen sollen die kompletten Mannschaften mit Ersatzspielern im Kreis Aufstellung nehmen. Die weltweite TV-Gemeinde wird am Donnerstag zum ersten Mal das neue WM-Gefühl der FIFA zu sehen bekommen. Es ist der Start in ein neues Fußball-Zeitalter, in dem die FIFA in ganz neue Einnahme-Dimensionen vorgestoßen ist.Kaum ein Mexikaner kann sich die teuren Karten leistenDoch schon die Uhrzeit wirft Fragen auf: Warum ausgerechnet um 13 Uhr Ortszeit an einem ganz normalen Donnerstag, wenn die Mehrheit der Mexikaner arbeiten muss? Die teuren Eintrittskarten kann sich ohnehin nur eine sehr kleine reiche Minderheit leisten, die Anstoßzeit ist auf den europäischen Markt ausgerichtet. Der Großteil der Mexikaner fühlt sich daher als Zaungast im eigenen Land. Die mexikanische Regierung erwägt, in den drei Gastgeberstädten Mexiko-Stadt, Guadalajara und Monterrey Homeoffice anzuordnen, um das Verkehrschaos abzumildern.Nicht ohne Patriotismus: die „Verabschiedung“ der mexikanischen Selección ins WM-TurnierReutersFür Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum ist die WM ein politisches Risiko. Zwar sind ihre Zustimmungswerte nach wie vor stabil gut, doch die Proteste im Vorfeld des Eröffnungsspiels setzen ihr zu. Seit Tagen sorgt die Lehrergewerkschaft CNTE für Blockaden. Laut mexikanischen Medienberichten haben CNTE-Aktivisten versucht, ein Dutzend kleiner Sprengsätze nach Mexiko-Stadt zu bringen, wurden aber von den Sicherheitskräften rechtzeitig gestoppt. Sie habe keine Beweise, ließ Sheinbaum auf ihrer allmorgendlichen Pressekonferenz wissen, aber sie sei sicher, dass die CNTE-Aktivisten bezahlt würden.Es sollten Bilder für die Weltöffentlichkeit entstehen, die nahelegen sollten, dass die Proteste unterdrückt würden. Inzwischen haben zahlreiche Abordnungen ihre Anreise aus dem ganzen Land angekündigt, sie wollen den WM-Auftakt für neue Proteste nutzen. Sie fordern mehr Gehalt und die Rücknahme einer Rentenreform. Das bisweilen radikale Vorgehen der linken CNTE-Aktivisten sammelt nicht gerade Sympathiepunkte in der von den Blockaden genervten Bevölkerung ein. Für Sheinbaum ist das ein Drahtseilakt, denn ihre linkspopulistische Partei Morena hatte lange Jahre mit der CNTE sympathisiert.Einen anderen Hintergrund haben die angekündigten Proteste der Angehörigen der in Mexiko über 133.000 verschwundenen und vermissten Menschen. Sie sind mutmaßlich Opfer der organisierten Kriminalität. Die Mütter der Vermissten haben für den Vorabend des Eröffnungsspiels einen Protestmarsch zum Stadion angekündigt. „Es gibt in Mexiko mehr Verschwundene und Vermisste als Zuschauer beim Eröffnungsspiel dieser Weltmeisterschaft. Es ist an der Zeit, dass die mexikanischen Behörden diesen Frauen Gehör schenken, die Wahrheit, Wiedergutmachung und Gerechtigkeit verdienen“, sagt Edith Olivares Ferreto von Amnesty International Mexico.Mehr als 133.000 VerschwundeneZuletzt reagierte die Sheinbaum-Regierung äußerst sensibel auf die Forderungen der Vereinten Nationen, mehr Engagement für die Aufklärung und die Suche der Vermissten zu tun. Sheinbaum argumentiert, das seien keine Opfer des Staates, sondern privater Gewalt. In Mexiko-Stadt hängen an der Prachtstraße Avenida Paseo de la Reforma inzwischen Tausende Bilder der Vermissten. Übermalt mit der Überschrift in großen Buchstaben: Mehr als 133.000 Verschwundene. Das lässt sich nicht mehr übersehen.Im zweiten Spiel des Eröffnungstages wird das Thema ohnehin hochkochen. Auf dem Areal des Stadions in Guadalajara fanden ehrenamtliche Such-Kollektive in den vergangenen Jahren die Überreste von mehr als 500 menschlichen Körpern. Der Grund dafür ist grausig. Als das Gelände noch unbebaut war, diente es wegen seiner Abgeschiedenheit als Mord- und Folterareal der organisierten Kriminalität. Anschließend wurden die Ermordeten hier verscharrt. Dann aber wurde das Gelände zum Baugebiet erklärt und das Stadion erbaut. Auf dessen grünem Rasen treffen am Freitagabend um 20 Uhr Ortszeit (Samstag, 4.00 Uhr MESZ) nun Südkorea und Tschechien aufeinander.Ein klein wenig liegt das politische WM-Glück von Sheinbaum deswegen in den Händen der mexikanischen Nationalmannschaft. Sollte diese am Donnerstag den ersten WM-Sieg erringen, dürfte das auch die noch eher trübe Stimmung vertreiben und schnell eine Euphorie auslösen.In einer pathetischen Zeremonie „verabschiedete“ Sheinbaum die mexikanische Nationalmannschaft in dieser Woche endgültig in den WM-Modus. „Ich vertraue diese Flagge, die Ihre Unabhängigkeit, Ihre Ehre, Ihre Institutionen, unser Volk und die Unversehrtheit Ihres Landes symbolisiert, Ihrem Patriotismus an“, sagte Sheinbaum in Richtung der vor ihr versammelten mexikanischen Nationalmannschaft. „Möge Ihr Beispiel Millionen von Mexikanerinnen und Mexikanern dazu inspirieren, an die Kraft des Sports und an die Macht ihrer Träume zu glauben.“ Mehr Druck geht eigentlich nicht.Angenommen hat die mexikanische Fahne Torhüter Guillermo Ochoa (40). Es ist seine insgesamt sechste WM-Teilnahme. In einer ausgeglichenen Gruppe A wird es auch auf seine Erfahrung ankommen. Und auf die Unterstützung der 83.000 Zuschauer im runderneuerten legendären Aztekenstadion.