Das «Ăn Ăn» bringt Vietnam in den Zürcher Zentralhof. PD Asiatische Küchen gibt es reichlich in Zürich, doch Authentizität ist nicht immer gegeben. Im «Ăn Ăn» allerdings können sich die Gäste komplett in die Esskultur Vietnams einfühlen und bekommen zusätzlich einen Blick über den Tellerrand geboten.Am Mittag ist die Hölle los im Zürcher Zentralhof, jedenfalls bei schönem Wetter. Dutzende Gäste haben im «Ăn Ăn» reserviert, andere kommen einfach so ins Restaurant mit dem vietnamesischen Namen, das vor ein paar Monaten eröffnete. Seine Existenz hat sich seitdem herumgesprochen, die Gäste fliegen nur so herbei. Das will etwas heissen angesichts der zahlreichen Lokale mit asiatischer Ausrichtung an der Stadtgrenze von Zürich.Die Suppe, die Phở, soll besonders gut sein, wie ich hörte. Während ich auf den Kellner warte – es ist voll –, übe ich schon einmal die Aussprache des Suppennamens. Nicht ganz einfach, den richtigen Ton zu treffen, die Betonung nachzuahmen. Aber ich will mich wenigstens nicht bis auf die Knochen blamieren. Zurückhaltendes Design sorgt für eine elegante, gemütliche Atmosphäre. PD Die vietnamesische Suppe gilt als Hausspezialität des neuen Lokals, allerdings existieren noch zahlreiche weitere Speisen. Ehrlich gesagt: Die Auswahl überrascht. Macht sich die Küche nicht das Leben schwer mit so vielen Attraktionen?Vietnamesische Spezialitäten und noch mehrVielleicht hängt der Umfang mit dem Anspruch zusammen, hier nicht nur vietnamesische Küche zu bieten, sondern auch die Esskultur des südostasiatischen Festlands in den Fokus zu nehmen. Also stehen Mekong-Fischsalat oder Jakobsmuscheln mit Erdnüssen und Zitronengrassauce auf dem Menu; man serviert Kabeljau samt Ananas und Betelblättern oder Schweinebauch mit Perilla. Sogar Foie gras ist zu haben: Sie verweist auf die französischen Einflüsse, die in der heutigen Küche Vietnams Spuren hinterlassen haben.Ich bleibe bei den Klassikern, also den Frühlingsrollen. Knusprig, schön präsentiert mit reichlich Kräutern und einer würzigen Sauce zum Dippen. Da könnten sich viele andere Frühlingsrollenanbieter ein paar Stücke abbeissen. Der Riesling von der Mosel passt übrigens prima; er ist ein Beispiel für die beachtliche Auswahl an Weinen, die hier zu haben ist. Ein starker Auftakt: Die Frühlingsrollen gehören zu den Highlights. Wolfgang Fassbender Dann aber wirklich die Phở. Wahlweise vegan mit Planted Protein beziehungsweise Tofu oder mit Short Rib, Poulet oder Rindsfilet. Ich nehme die teuerste Variante, die mit 120 Gramm Filet (38 Franken), und werde mit einem Suppenbausatz überrascht. Reisnudeln, Kräuter, Sprossen und Fleisch kommen separat; der Kellner erlaubt sich den Ratschlag, sogleich das gesamte Filet in die Suppe zu geben, damit es trotz einsetzender Abkühlung auch durchgart.Mache ich natürlich. Die Brühe ist gut gewürzt, das Fleisch hochwertig, die übrigen Zutaten wirken nicht weniger attraktiv als die, die ich bei meinen Essversuchen in Vietnam erleben konnte. Mit Koriander und Limette dosiere ich nach. Ob es sich um die beste Phở von Zürich handelt? Na, zumindest ist sie sehr weit vorn in der Spitzengruppe. Die Phở mit Rindsfilet gehört klar zur Zürcher Spitzengruppe. Wolfgang Fassbender Desserts und Kaffee nicht vergessen!Der Kuchen, den ich anschliessend von der üppigen Dessertauswahl bestelle, sei aus, sagt unser Kellner nach kurzem Überlegen. Das ist vielleicht genau jenes Problem, das bei einem derart reichhaltigen Angebot hin und wieder auftritt.Ich erhalte dann aber, auf mündliche Empfehlung, ein mit Pandanblättern gewürztes Gelee mit Kokossauce, das erfrischend wirkt, nicht zu süss ausfällt und uns von einer weiteren Reise nach Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt träumen lässt. Ebenso wie der vietnamesische Kaffee, ein Klassiker mit Eischaum, der den französischen Cappuccino nachahmt. Exzellent! Vietnamesischer Kaffee mit Eicrème: Ein Hanoi-Klassiker. Wolfgang Fassbender Auf einen Blick Adresse Ăn Ăn, Zentralhof, Fraumünsterstr. 25, 8001 ZürichKosten Hauptgerichte kosten zwischen 28 und 56 Franken.Bewertung Küche: 7/10, Gastkultur: 7/10 Anmerkung: Die Bewertungen orientieren sich an der denkbaren Höchstnote von 10 Punkten. Die Note für die Küche betrifft ausschliesslich die Qualität der Speisen, jene für Gastkultur umfasst sämtliche übrigen Aspekte eines Restaurantbesuchs. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.