In den Cafés werden Kreationen mit immer wilderen Namen und Zutaten angeboten. Dabei braucht es für einen guten Kaffee eigentlich gar kein Beigemüse.10.06.2026, 08.46 Uhr3 LeseminutenEin Barista auf den Philippinen giesst aufgeschäumte Milch mit Ube-Pulver in einen Kaffee. Die lila Knollenfrucht ist auf der südostasiatischen Insel heimisch.Ezra Acayan / GettyEinen Kaffee zu bestellen, war lange ein simpler Vorgang. Es gab ihn schwarz oder mit Milch. Wahlweise mit aufgeschäumter Milch, mit mehr oder weniger Wasser in der Tasse. Ein simpler, eleganter Begleiter in verschiedenen Alltagssituationen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Heute gibt es in den Cafés und Kaffeefenstern der europäischen Städte eine grosse Auswahl an Spezialitäten zu verkosten. Verkauft wird nicht einfach ein Getränk, sondern eine Experience, ein Erlebnis. Idealerweise lässt sich dieses gleich auf dem eigenen Social-Media-Kanal reichweitenstark in Szene setzen. Wegen der besonders sorgfältigen Zubereitung oder des knallig bunten Endergebnisses.Um sich zurechtzufinden, braucht die Kundin oder der Kunde aber zumindest ein wenig Grundwissen in Botanik. Der (Iced) Matcha-Latte etwa fehlt auf keiner Menukarte. Das aus Grüntee gewonnene Matchapulver wird als eine sanfte, gesunde Alternative zum Kaffee beworben. Es soll Energie spenden, ohne den Körper zu stressen. Allerdings ist die angepriesene Wirkung – im Gegensatz zu jener des Kaffees – wissenschaftlich dünn belegt. Die teuren, grün-weissen Kreationen wandern trotzdem reihenweise über die Theken der Baristas.Lattes strahlen in allen FarbenMatcha hat in diesem Jahr mit Ube Konkurrenz erhalten. Ube ist eine auf den Philippinen heimische Yamswurzel. Sie liefert die Basis für die nächste Instagram-taugliche Latte-Variation. Das Getränk strahlt in seinem satten Lila und schmeckt nussig-süss mit einer leichten Vanillenote. Ähnlich wie bei Matcha wird auch bei Ube der hohe Gehalt an Vitaminen und Ballaststoffen hervorgehoben.Mittlerweile gibt es eine bunte Auswahl an Latte-Getränken. Mit Randenpulver wird ein Pink Latte gezaubert, gibt man Kurkuma hinzu, wird der Latte gelblich, und für einen Blue Latte wird Spirulina-Alge verwendet. Es gibt sie warm, vielleicht mit etwas Zimt oder Ingwer angereichert, oder «iced», also kalt mit Eis serviert. Viele dieser hippen Kreationen kommen komplett ohne Kaffee aus. Immer begleitet werden sie vom Versprechen, besonders gesund zu sein.LAP Coffee in Berlin bietet einen Blue-Spirulina-Cloud-Matcha an.Nadja Wohlleben / ReutersDass wilde Kaffee- und Teekreationen gut ankommen können, hat Starbucks schon vor Jahrzehnten bewiesen. Der Pumpkin-Spice-Latte oder der Caramel-Mocha-Cloud-Frappuccino lassen grüssen. Schon damals wusste man nicht, was man sagen muss, um einen gewöhnlichen Kaffee zu erhalten. Auch bei Starbucks waren die Getränke teuer, nur halt eher süss statt angeblich gesund.Heute kämpft Starbucks mit sinkenden Umsätzen. Der frühere Platzhirsch wird von zwei Seiten bedrängt. Von chinesischen Marken wie Cotti Coffee, die nach Europa expandieren. Wie Starbucks hat die Konkurrenz aus Asien eine bunte Palette von Getränken im Angebot. Etwa den Apfel-Americano, kalt servierten Kaffee mit Apfelsaft.Auch Starbucks mischt im bunten Kaffeewettbewerb mit: Ein Iced Ube-Coconut-Macchiato wird an einem Anlass des Unternehmens in New York serviert.Brendan McDermid / ReutersAuf der anderen Seite gibt es Konkurrenz von kleinen Anbietern, die Kaffee- und Teekreationen als exklusives Handwerk verstehen und nicht als industrielle Massenware. Hier erhalten die Kundinnen und Kunden eine individuelle Kaffee-Experience, wie gemacht für einen Beitrag auf Instagram. Dazu gehört die Pour-over-Variante, bei der heisses Wasser langsam mit präzisen Bewegungen von Hand über das Kaffeepulver gegossen wird und dann durch einen Filter in die Tasse tropft. Filterkaffee, teuer verpackt.Gerade am Kommen ist der Aerocano, eine luftige Variante des Iced Americano. Ein doppelter Espresso, mit Wasser ergänzt und aufgeschäumt, serviert mit Eis. Die zusätzliche Luft schlägt sich dann auch im Preis nieder, natürlich.Mut zum MinimalismusOb grosse internationale Kette oder kleiner Barista-Betrieb: Wer einen gewöhnlichen Kaffee will, muss ihn erst neben all den knalligen und kunstvollen Kaffeekreationen auf der Menukarte finden. Diese haben sicherlich ihre Daseinsberechtigung: Am Markt wird angeboten, was nachgefragt wird.Dabei geht vergessen, wie einfach ein guter Kaffee sein kann. Er ist eine simple, minimalistische Angelegenheit. 25 Sekunden extrahierter Espresso für eine feine, leicht bittere Note. Wer es sanfter will, gibt etwas Wasser, Eis oder Milch hinzu. Fertig.Passend zum Artikel