PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenKalter KaffeeIced Coffee, Shakerato, Affogato – die besten Koffein-Kicks des SommersStand: 08:00 UhrLesedauer: 7 MinutenKalter Kaffee, heiß geliebtQuelle: Yana Iskayeva/Getty ImagesNie war er wichtiger als heute. Nach Jahren von Modesommerdrinks ist es an der Zeit, sich auf die Klassiker zu besinnen: kühl, koffeinhaltig und auch mal mit einem Klecks Sahne. Unsere Bestenliste.Unvergessen ist Shirin Davids Sommerhymne ’24 „Bauch, Beine, Po“, in der sie mit dem Iced Matcha Latte zu spät zum Pilates eilt, und doch muss man sagen: Selbst die Tee-Welle aus Japan konnte dem guten alten Kaffee nicht den Garaus machen. Und wenn die Zeichen nicht trügen, wird dieser Sommer old school, was Soundtrack und Stimulanzien betrifft.Madonna veröffentlicht demnächst ein neues Album, Teil 2 ihres Smash-Hit-Klassikers „Confessions On A Dancefloor“. In einem 14-minütigen Teaser-Film tummeln sich Honey Dijon, Benedict Cumberbatch, zwei Kicker von Chelsea London und Sabrina Carpenter in einem Nightclub. Selbst Kate Moss stakst durch die verruchte Herrentoilette.Aber an dieser Stelle wollen wir eine harmlose Droge besingen: sommerliche Kaffeespezialitäten! Anders als der bräsige Latte macchiato, der ja im Grunde eine kleine Mahlzeit ist, sind die meisten koffeinhaltigen Sommerdrinks pointierter. Hier eine ganz subjektive Liste.Lesen Sie auchUnübertroffene Eleganz: Iced CoffeeEs war Sommer. Und sehr, sehr heiß. Es war vor Jahren. Es war in Imperia an der ligurischen Küste, und ich kannte Kaffee nur als Klischee: „Ristretto“, den sehr kurzen, sehr kräftigen, sehr maskulinen Schwarzen. Und dann, im „Caffè Piccardo“ auf der Piazza Dante, schlug mir Stefanie, eine Freundin, vor, doch einen mit Eis geshakten Kaffee zu versuchen. Ich hielt das für Humbug. Doch andererseits: Was kann in Italien in Sachen Kaffee Humbug sein? Genau! Nichts! Der Mann an der Bar presste einen Doppio aus der Maschine und begann dann eine Prozedur, die an Eleganz nicht zu überbieten war: Er füllte den Doppio mit Eis in einen silbernen, sehr alten Shaker, schüttelte zu einem Gianna-Nannini-Song aus dem Radio tänzelnd den Kaffee, holte ein Sieb raus und trennte den nun leicht verdünnten Doppio vom Eis. Nichts hat je den Durst besser gestillt. Seither gehört diese Prozedur zu jedem meiner ligurischen Sommer. Manfred KlimekLesen Sie auchNichts für Aficionados: FrappéLöslicher Kaffee fällt für Single-Origin-Aficionados und Heim-Baristas mit Maschinen im Wert eines Kleinwagens wahrscheinlich noch nicht mal in die Kategorie „Kaffee“. Doch in Griechenland wird daraus ein köstliches Getränk gemixt. Ich war 17 und mit meiner Freundin auf Kefalonia unterwegs, als ich den Frappé kennenlernte; in einem dieser winzigen Lebensmittelladen-cum-Café-Hybride. Vor uns lag ein Fußmarsch in der Mittagshitze über eine sich in Serpentinen windende Schotterpiste hinunter zu einem weißen Kieselstrand. Der Frappé gab uns den nötigen Kick und wurde fortan zu meiner griechischen Sommerbegleitung. Bis heute. Die Zubereitung ist denkbar einfach: Mit einem milchaufschäumerähnlichen Apparat werden Instantkaffee, Wasser und gegebenenfalls Zucker – muss man bei der Bestellung ansagen – zu einem feinporigen festen Schaum aufgequirlt. Der wird dann mit Eiswürfeln und mehr Wasser – für mich unbedingt auch Milch („me gala“) – aufgefüllt. Strohhalm rein, fertig. Die Flüssigkeit schmeckt köstlich, der Schaum allerdings, der trotz aller Rührerei mit dem Strohhalm im Glas zurückbleibt, meist nach verbrannten Socken. Annemarie BallschmiterStreng genommen ein Dessert: Caffè affogatoDer Affogato ist streng genommen ein italienisches Dessert und die elegante Zuspitzung des teutonisch überladenen Eiskaffees. Er geht so: eine Kugel Vanilleeis in eine Tasse geben und einen Espresso-Shot drüberlaufen lassen. Fertig. Danach wird er in einem Wettlauf gegen die Zeit gelöffelt – nie getrunken. Idealerweise schafft man es, sowohl die verschiedenen Komponenten – Eis und Kaffee – einzeln herauszulöffeln, aber genug übrigzulassen, dass am Ende noch eine Pfütze geschmolzenes Eis und Kaffee als krönender Abschluss bleibt. Beim Affogato kann man sich bei den Zutaten nicht durchmogeln. Eis, Espresso und Crema müssen tipptopp sein. Sonst ist es einfach nur süßer, klebriger Kaffee. Heike BlümnerWie ein Song von Celentano: ShakeratoGanz ähnlich dem Iced Coffee all’Italiana, den der Kollege weiter vorn beschrieben hat. Und doch anders. Ein Nachmittag auf der Piazza della Repubblica in Florenz mit einem zuvorkommenden Mitarbeiter von Gucci. Die Frühsommersonne brannte uns auf den Kopf, das Geschäftliche war besprochen. „Let’s have a Shakerato“, schlug mein Gegenüber vor, und ich glaubte, er mache Witze. Ich hatte noch nie davon gehört und konnte mein Glück nicht fassen. Wohl kaum ein Getränk fängt den Spirit der quirligen Dolce-Vita-Ära Italiens so perfekt ein wie dieses. Espresso, Zucker, Eis und beherztes Schütteln – mehr braucht es nicht für diesen im Martiniglas servierten, cremigen Gute-Laune-Cocktail. Und dann natürlich der Name, er klingt wie ein Song aus der Fake-Rock’n’Roll-Phase von Adriano Celentano! Der Shakerato ist perfekter italienischer Minimalismus: ein Wunder aus wenigen Zutaten, Physik und unbekümmerter kultureller Aneignung. Adriano SackLesen Sie auchLerche trifft Eule: Espresso-TonicDiese Kombination ist die letzte Irritation in einem sonst störungsfreien Alltag. Die Mundwinkel ziehen sich vor Bitterkeit auseinander, ihnen entweicht ein Zischen. Man hat das Gefühl, man macht etwas falsch. Dabei ist Espresso-Tonic im Sommer genau richtig, weil es belebt und herunterkühlt zugleich. Ein Espresso-Tonic ist eben sehr versöhnlich. Der Drink kann auch Lerche und Eule an einen Tisch bringen. Die Lerche, Frühaufsteherin und deshalb kaffeeaffin, fürchtet ein wenig das Nachtleben, das Tonic Water mit Eiswürfeln zweifellos repräsentiert. Die Eule hingegen, diese Nachtschwärmerin, ist spätabends mit heißem Kaffee schlecht bedient. Und so dürfen sie mit Espresso-Tonic an einem lauen Sommerabend doch noch zueinanderfinden. Julian TheilenDistinktionsplörre mit Suchtfaktor: Cold BrewGanz ehrlich: Kaffee als Distinktionssignal fühlt sich so falsch an wie Reisegepäck mit handgepinseltem Monogramm im Overhead-Bin von Ryanair. Trotzdem galt Cold Brew lange Jahre als der Wachmacher der Woken mit den raren Sneakern. Damit allerdings tut man dieser Zubereitungsart unrecht. Wenn sich das Kaffeepulver viele Stunden lang in zimmerwarmem oder kühlem Wasser entfaltet, entwickelt der Sud eine ganz andere Aromatik und Balance. Kenner behaupten gar, die Bohnen böten ein differenzierteres Spektrum als Wein. Als ich mal für einen italienischen Kaffeehersteller Bohnen aus aller Welt testete, wurden diese der Jury als Espresso, aber auch als Cold Brew kredenzt. Trotz der Spucknäpfe nahm ich nach ca. 40 Varianten zwei Erkenntnisse mit: Das kalte Zeug kann süchtig machen. Und: Koffein ist eine wirklich harte Droge. Adriano SackZuckerschock im Zentralhirn: deutscher EiskaffeeVielleicht sollte man dieser Hommage eine Triggerwarnung vorausschicken. Weil der folgende Text allein vom Lesen Ihre Kalorienbilanz durcheinanderbringen und Sie (hoffentlich) zu etwas kulinarisch Bedenklichem, ja, Gesundheitsgefährdendem verleiten könnte. Zu etwas, das man Menschen der Generation Iced Latte erklären muss, wie man ihnen Vinylplatten erklären muss. Der Eiskaffee ist der Hawaii-Toast unter den – tja, was eigentlich – Kaffeespezialitäten. Möglicherweise von einem Wiener Kaffeesieder anno 1790 erfunden – gekühlter Filterkaffee (gern gesüßt), zwei Kugeln Vanilleeis, Schlagsahnehaube wie Queen Charlottes Perücken in „Bridgerton“, Schokostreusel, Waffel, Strohhalm, schlankes Glas, fette Folgen. Schmeckt nach einer Zeit vor unserer Zeit. Nach dem Erwachsenwerden an Omas Seite. Geht nicht to go. Man sitzt da, schlürft, der Zuckerschock bemächtigt sich des Zentralhirns. Wer Eiskaffee hat, hat Pause von der Gegenwart. Wenigstens für ein paar Minuten. Elmar KrekelerDer Geschmack der Kindheit: Spezi auf HessischIn der hessischen Ortschaft, in der ich aufgewachsen bin, konnte „Kalter Kaffee“ nur ein Getränk sein: eine 50/50-Mischung aus Cola und Orangenlimonade. Während diese Mixtur in Bayern bereits seit Mitte der 60er-Jahre als Spezi in Flaschen erhältlich war, stand sie in unserer Gegend mindestens bis Anfang der 80er-Jahre auf keiner Karte, sondern wurde nur auf Bestellung von der Tresenkraft zusammengegossen. Da regulärer Kaffee den Erwachsenen vorbehalten war, übte seine Abwandlung als kohlensäurehaltiges Kaltgetränk auf uns Kinder einen unwiderstehlichen Reiz aus, und bei besonderen Anlässen drückten die Eltern ein Auge zu. Die Verbindung aus fruchtiger Erfrischung und vorpubertärem Koffein-Kick brannte sich ebenso tief ins sensorische Gedächtnis ein wie die Konsistenz von Esspapier oder das betörend künstliche Aroma von Wassereis. Die Bezeichnung „Kalter Kaffee“ ist bis heute auch in Rheinland-Pfalz und im Saarland gebräuchlich, erst vor vier Jahren hat sich eine Brauerei im Westerwald den Namen für ihre Cola-Orangen-Mischung schützen lassen. Das Getränk sollte eigentlich nur ein Aprilscherz sein, doch die Resonanz darauf war so groß, dass es tatsächlich auf den Markt kam. Das liegt sicher auch daran, dass es den Geschmack von Kindheit verspricht. Heiko Zwirner