PfadnavigationHomePolitikAuslandSicherheit„Neu gewonnener Realismus“ – Vertrauen der Europäer in die USA drastisch gesunkenStand: 06:09 UhrLesedauer: 5 MinutenDonald Trump 2025 bei einem Treffen mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der LeyenQuelle: Jacquelyn Martin/AP/dpaNur noch jeder zehnte Europäer sieht in den USA einen Verbündeten, wie Forscher nun zeigen. Das bringt die europäischen Staaten enger zusammen – und lässt selbst den Widerstand gegen höchst umstrittene Maßnahmen schwinden.Im Weihnachtsfilm „Kevin – Allein zu Haus“ reist eine Familie überstürzt in den Urlaub und lässt ihren achtjährigen Sohn Kevin versehentlich zu Hause zurück. Allein in einem Vorort von Chicago bemerkt Kevin, dass Einbrecher das vermeintlich leere Haus der Familie ausgespäht haben. Statt zu verzagen, sichert Kevin das Haus mit raffinierten Fallen aus Alltagsgegenständen und hindert die Einbrecher am Erfolg. Laut den Autoren einer neuen Studie des European Council on Foreign Relations (ECFR) weist Kevins Geschichte viele Parallelen zur außen- und sicherheitspolitischen Debatte in Europa auf. Demnach haben viele Europäer inzwischen begriffen, dass Europa derzeit kaum noch auf seinen alten Verbündeten USA zählen kann. Für die Studie ließ der ECFR in 15 europäischen Ländern repräsentative Umfragen durchführen.Rund 19.000 Menschen aus Ost-, Mittel-, West- und Südeuropa nahmen an der Befragung zu außen- und sicherheitspolitischen Fragen teil. Nur noch elf Prozent der Studienteilnehmer betrachten die USA als Verbündeten. Kurz nach dem Wahlerfolg Donald Trumps im November 2024 gingen immerhin noch 22 Prozent davon aus, sich auf die USA als Verbündeten verlassen zu können.Noch konnte da niemand ahnen, dass Präsident Trump, der mit dem Versprechen ‚America First‘ angetreten war, mit der Annexion Grönlands drohen oder den Iran ohne erkennbare Strategie angreifen würde. Inzwischen sieht rund ein Viertel der Befragten in den USA entweder einen Rivalen oder gar einen Feind. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass die Mehrheit bezweifelt, die Vereinigten Staaten würden ihrem Land im Fall eines Angriffs militärisch beistehen.Lesen Sie auchDurch den Druck von außen scheinen europäische Staaten näher zusammenzuwachsen. In fast allen befragten Ländern vertraut eine Mehrheit darauf, dass zumindest einige europäische Staaten im Angriffsfall militärische Hilfe leisten würden. Das gilt sogar für die Wählerschaft euroskeptischer Parteien wie dem französischen Rassemblement National (RN), der italienischen Fratelli D’Italia oder der niederländischen Partei für die Freiheit (PVV).Der stärkere Zusammenhalt erhöht auch die Bereitschaft, über hochumstrittene Finanzierungsmethoden nachzudenken. So befürwortet fast die Hälfte der Befragten, gemeinsame Schulden aufzunehmen, um höhere Verteidigungsausgaben zu ermöglichen. Dafür spricht sich auch die Mehrheit der Wähler von Regierungsparteien in Deutschland, den Niederlanden und einigen skandinavischen Ländern aus, die davor bisher stets warnten.Mehrheit sieht Ukraine als VerbündetenDen Befragten in den EU-Ländern geht es nicht nur um den eigenen Schutz. Viele fühlen sich auch mit dem Nachbarland Ukraine verbunden. In den meisten befragten Ländern gilt das Land mehrheitlich als Verbündeter oder notwendiger Partner – obwohl die Unterstützung im Verlauf des mehr als vier Jahre dauernden Krieges erhebliche Kosten verursacht hat.Das Nachbarschaftsverhältnis bleibt allerdings distanziert. Weder ein EU-Beitritt des Landes noch die Entsendung einer europäischen Friedensmission nach Kriegsende finden derzeit breite Unterstützung in der Bevölkerung. Auch wenn die Solidarität mit der Ukraine Grenzen hat, bleibt die Distanz zu Russland groß. Trotz hoher Energiepreise lehnt eine Mehrheit eine Rückkehr zu russischen Energieimporten ab. In 14 der 15 befragten Länder überwiegt der Wille, die Energieversorgung stärker auf heimische Quellen zu stützen.Lesen Sie auch44 Prozent halten eine Rückkehr zu russischer Energie für eine „schlechte“ oder „sehr schlechte Idee“. Nur 27 Prozent bewerten den Import russischer Energie als „sehr gute“ oder „eher gute“ Idee. Unter den Wählern der AfD oder des RN fände die Rückkehr zu russischer Energie laut Studie allerdings deutlich größere Zustimmung.Die Erwartungen daran, das transatlantische Verhältnis nach der Amtszeit Donald Trumps wieder normalisieren zu können, sind hoch. Deutlich mehr als die Hälfte der Befragten glaubt, die Schäden aus der Amtszeit Donald Trumps seien nur vorübergehend. Leonard Schütte, International Security Fellow an der Harvard University, warnt im Gespräch mit WELT vor zu großen Hoffnungen: „Innerhalb der Bevölkerung besteht weiterhin die Sehnsucht, zu den alten transatlantischen Beziehungen zurückzukehren. Dazu wird es aber nicht kommen.“Gewinnt 2028 erneut ein Republikaner die Präsidentschaftswahl, könnte dieser noch ideologischer agieren als Trump. Selbst ein vergleichsweise gemäßigter Kandidat wie Marco Rubio sei eher dem europakritischen Lager zuzuordnen. Von einer substanziellen Verbesserung könne man in diesem Fall kaum ausgehen, sagt Schütte.Käme hingegen ein Demokrat an die Macht, sei das für Europa zwar besser. Daran, dass die USA ihren sicherheitspolitischen Fokus inzwischen stärker auf den Indopazifik als auf Europa richten, würde das jedoch wenig ändern. „In diesem Fall erwarte ich ein nüchternes transatlantisches Verhältnis, das vielleicht zuverlässiger ist, aber nicht annähernd an die Tiefe der Verbindung mit früheren US-Regierungen anknüpft“, sagt Schütte.Forscher raten zu schnellen EntscheidungenDieser Einschätzung zufolge offenbaren die Studienergebnisse einen bemerkenswerten Widerspruch. Zum einen hat das Vertrauen in die USA als Partner einen Tiefstand erreicht. Zum anderen erwartet die Mehrheit der Bevölkerung eine schnelle Normalisierung. Wenn das Ende von Trumps Amtszeit naht, könnte die breite Zustimmung für eine unabhängigere europäische Verteidigungspolitik wieder schwinden.Sollte sich parallel die wirtschaftliche Lage weiter verschärfen, dürfte sich dieser Trend eher beschleunigen. Die Erhebungen zeigen, dass die Europäer eine neue Wirtschaftskrise zu ihren größten Sorgen zählen. Ob die europäischen Regierungen die Energiekrise bewältigen, entscheidet auch darüber, wie groß das Vertrauen der Bevölkerung in ihre Verteidigungs- und Ukrainepolitik bleibt.Lesen Sie auchDie Autoren der Studie empfehlen europäischen Entscheidern, ihren Handlungsspielraum zu nutzen, solange der Rückhalt der europäischen Bevölkerung noch besteht. „Der neu gewonnene Realismus der europäischen Öffentlichkeit muss rasch genutzt werden. Andernfalls droht er ungenutzt zu verpuffen“, schreiben sie.Jan H. Rosenkranz ist seit November 2025 Volontär bei WELT im Ressort Außenpolitik.