PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungTransatlantische BeziehungenVon Bismarck lernenVon Elliot NeamanStand: 20.07.2026Lesedauer: 5 MinutenSchwierige Partner: Bundeskanzler Friedrich Merz im Juni mit US-Präsident Donald TrumpQuelle: Christian Hartmann/Pool Reuters/dpaEuropas Sicherheit darf nicht länger von der Berechenbarkeit eines US-Präsidenten abhängen. Eine neue Realpolitik ist gefragt. Bei einem Scheitern wird der Wandel dennoch eintreten – in Form unkontrollierter Krisen.Der jüngste Nato-Gipfel in Ankara war darauf angelegt, zwei Funktionen zugleich zu erfüllen. Einerseits bot er die vertraute Bühne der Bündnispolitik – mit routinierten Erklärungen, symbolischen Gesten und dem öffentlichen Wechselspiel aus Drohung und Beruhigung. Andererseits diente er als Generalprobe für eine weitaus unangenehmere Realität: ein Bündnis, das lernen muss, ohne jene selbstverständliche Gewissheit auszukommen, die jahrzehntelang aus Washington garantiert schien.So liefen in Ankara zwei Erzählungen parallel. Die erste wurde von US-Präsident Donald Trump bestimmt, der mit persönlichen Angriffen und häufig unverbindlichen Ankündigungen die Schlagzeilen beherrschte. Die zweite spielte sich weitgehend geräuschlos ab. Die Allianz arbeitete ihre Agenda ab, als wäre die entscheidende Frage nicht, was der amerikanische Präsident sagte, sondern wozu die Nato unabhängig von den nächsten Stimmungsschwankungen in Washington tatsächlich fähig ist.Lesen Sie auchFür Deutschland markiert Ankara deshalb einen Wendepunkt. Der Gipfel rückt die Sicherheitsdebatte in einen Rahmen, der sich nicht länger ignorieren lässt. Es wäre verführerisch, diese Entwicklung lediglich als vorübergehende Episode zu betrachten – als Folge eines unberechenbaren Präsidenten inmitten eines amerikanischen Wahlkampfs. Einzelne Aussagen mögen diplomatisch eingehegt werden können. Diese Deutung spendet Trost, weil sie Kontinuität suggeriert. Doch genau diese Kontinuität kann Europa nicht länger voraussetzen.Das eigentliche Signal ist struktureller Natur. Historisch betrachtet geschieht genau dies, wenn die Politik einer Großmacht unberechenbar wird und Bündnisse nicht mehr als dauerhafte Verpflichtungen, sondern als situationsabhängige Instrumente behandelt werden. Die Folgekosten bleiben nicht dort, wo die Rhetorik ihren Ursprung hat. Sie verlagern sich. Sie kehren in Gestalt einer schleichenden Erosion jener Krisenordnung zurück, die Europa über Jahrzehnte davor bewahrte, existenzielle Entscheidungen treffen zu müssen.Institutionen und sorgfältige MachtkalkulationIn diesem Sinne gehört der Schock der Trump-Ära nicht allein der Gegenwart an. Er lädt zu einem historischen Vergleich ein. Kaiser Wilhelm II. erfand die Instabilität nicht. Doch er untergrub jene Logik, die vor 1914 ein funktionierendes Bündnismanagement in Europa überhaupt erst möglich gemacht hatte. Das Deutschland Otto von Bismarcks setzte auf Institutionen und sorgfältige Machtkalkulation. Sein Ziel bestand darin, ein System zu schaffen, das die Wahrscheinlichkeit unkontrollierbarer Krisen möglichst gering hielt. Auf einen Versicherungsvertrag folgte gewissermaßen ein weiterer. Bismarck war, modern gesprochen, ein Kontrollfanatiker – doch sein System funktionierte.Lesen Sie auchWilhelms Deutschland hingegen vollzog den Übergang von diskret verwalteter Macht zu demonstrativer Machtdarstellung, von Selbstbeschränkung zu riskanter Eskalationspolitik, von disziplinierter Staatskunst zu permanenter Krisendiplomatie. Das Ergebnis war kein kohärentes Kaiserreich mit langfristiger Strategie, sondern ein Muster unkontrollierter Anarchie.Lesen Sie auchÄhnlich wie heute die Spannungen um den Schiffsverkehr im Iran entwickelte sich damals das Wettrüsten zur See zwischen Großbritannien und Deutschland weniger aus realen Bedrohungsanalysen als aus einem Spiel gegenseitiger Angst. Sobald Bündnisverpflichtungen zu starr wurden, verwandelten Eskalationsdynamiken diplomatische Reibungen in strukturelle Fallen. Wilhelms erratische Äußerungen gegenüber der Presse verstärkten Unsicherheit und Chaos. Europa wandelte bekanntlich schlafwandelnd in den Ersten Weltkrieg. Die Parallele besteht nicht darin, Donald Trump mit Wilhelm II. gleichzusetzen – auch wenn sich gewisse Ähnlichkeiten nicht leugnen lassen. Entscheidend ist vielmehr das zugrunde liegende Muster.Was Deutschland heute aus Washington vernimmt, ist nicht nur die Möglichkeit eines amerikanischen Rückzugs. Es ist eine Politik, die Volatilität selbst zum Machtinstrument erhebt und sie an die Stelle langfristiger Strategie setzt. Schon im späten Kaiserreich scheiterte Bündniskoordination, weil Vertrauen brüchig geworden war und Verpflichtungen zu Verhandlungsmasse degradiert wurden. Heute mögen Sprache, Instrumente und Medienlandschaft andere sein. Die Folgen für die europäische Sicherheitsplanung könnten jedoch vergleichbar ausfallen.Mitunter verlässlich, häufig ungewissDeutschland und seine europäischen Partner können ihre Verteidigungspolitik nicht länger auf Garantien gründen, deren Gültigkeit davon abhängt, welche Persönlichkeit gerade das Weiße Haus bewohnt. Europäische Außenpolitik muss sich vielmehr an einer Realität orientieren, in der Schutz wie das Wetter erscheint: mitunter verlässlich, häufig ungewiss und stets von Unsicherheiten begleitet.Der eigentliche Wert des Gipfels von Ankara liegt deshalb nicht darin, einzelne Aussagen zu widerlegen oder politische Provokationen zu bewerten. Er besteht darin, sichtbar gemacht zu haben, dass die Nato sich bereits in jenem Transformationsprozess befindet, den Trump auf seine eigene theatralische Weise eingefordert hat.Die entscheidende Frage lautet nun, ob Deutschland und Europa diesen Wandel aus eigener Kraft, gemeinsam, rechtsstaatlich legitimiert und mit Waffensystemen vollenden werden, die dem Zeitalter billiger Drohnen und allgegenwärtiger Sensorik entsprechen. Scheitern sie daran, wird der Wandel dennoch eintreten – allerdings nicht geordnet, sondern in Form unkontrollierter Krisen. Die Geschichte Europas hat bereits einmal gezeigt, wie rasch strategische Puffer verschwinden können und wie langsam Diplomatie auf solche Entwicklungen reagiert.Lesen Sie auchDeutschland besitzt durchaus Handlungsspielräume. Es kann Washington dort unterstützen, wo gemeinsame Interessen bestehen – etwa bei der Abschreckung gegen Proliferationsrisiken oder in konkreten militärischen Koalitionen, die strategische Unsicherheit begrenzen. Dabei sollte Berlin jedoch klare Bedingungen formulieren: Bündnisse dürfen nicht zu persönlichen Verhandlungsobjekten degradiert werden, und europäische Verteidigung darf kein bloßer Loyalitätstest gegenüber den USA sein. Europäische Steuerzahler sollten keine zeitlich unbegrenzten Kriege finanzieren müssen, denen eine glaubwürdige Strategie und realistische Exit-Perspektiven fehlen. Das ist kein Anti-Amerikanismus. Es ist schlicht jener Mindestmaßstab an Realismus, der erforderlich wird, wenn Bündnisverlässlichkeit nicht länger Konstante, sondern Variable ist.Eine neue Form bismarckscher Realpolitik nimmt bereits Gestalt an – nicht weil Europa den Konflikt sucht, sondern weil es erkennt, dass die Grundlagen seiner bisherigen Sicherheitsordnung ins Rutschen geraten sind. Deutschland muss sich deshalb jetzt fragen, ob seine politische Führung schnell genug auf diese Veränderungen reagiert. Fällt die Antwort negativ aus, wird die historische Parallele zu 1914 mehr sein als eine bloße Metapher. Dann wird sie zur Warnung vor der Illusion, ein vertrautes System werde allein deshalb Bestand haben, weil acht Jahrzehnte transatlantischer Sicherheit so erfolgreich waren. Elliot Neaman ist Professor für Geschichte an der University of San Francisco. Seine Forschungsschwerpunkte sind Deutschland im 20. Jahrhundert, der Holocaust und politischer Extremismus.