PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungNach Kritik aus Deutschland„Eurostan“ – Amerikas Blick auf die DeutschenVon Erik KirschbaumStand: 14:53 UhrLesedauer: 4 MinutenDas Verhältnis zwischen Bundeskanzler Friedrich Merz und US-Präsident Donald Trump gilt als schwierig – aber wie blicken die US-Bürger auf Deutschland?Quelle: Michael Kappeler/dpaDer Blick auf die Bundesrepublik hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Deutschland gilt in Teilen Amerikas längst nicht mehr als Modellland Europas, sondern zunehmend als wirtschaftlich schwächelnd, strategisch unsicher und politisch zögerlich.Vielleicht dachte Friedrich Merz, dass die meisten Amerikaner ohnehin kaum darauf achten, was in Deutschland passiert und herzlich wenig über das Land wissen, als er kürzlich vor einer Gruppe deutscher Schüler erklärte, Amerika werde vom Iran „gedemütigt“. Und noch dazu sagte er, Donald Trump sei in den Krieg gezogen „ganz offensichtlich ohne jede Strategie“.Merz hat während seines ersten Amtsjahres daran gearbeitet, sich die Gunst des sprunghaften amerikanischen Präsidenten zu sichern. Doch seine unbedachten Bemerkungen über den dünnhäutigen Trump erwiesen sich als klassisches Eigentor. Und am Freitag legte Merz eine Schippe drauf mit seinem antiamerikanischen Kurs – beim Plaudern mit jungen Menschen auf dem Katholikentag in Würzburg. Merz sagte, er würde seinem Nachwuchs von einem Aufenthalt in den USA abraten. „Ich würde meinen Kindern heute nicht empfehlen, in die USA zu gehen, dort ausgebildet zu werden und dort zu arbeiten, einfach weil sich dort plötzlich ein gesellschaftliches Klima entwickelt hat.“Trump reagierte auf die ersten Äußerungen vor den Schülern wütend. Zunächst griff er den Kanzler öffentlich scharf an – Merz habe „keine Ahnung“. Danach kündigte Trump neue Strafzölle von 25 Prozent auf europäische Autos an – ein direkter Schlag gegen Deutschland. Kurz darauf wurde bekannt, dass das Pentagon auch die Stationierung amerikanischer Tomahawk-Marschflugkörper in Deutschland stoppt. Wer weiß, was nach den neuesten Äußerungen auf dem Katholikentag noch folgen wird.Kanzler in PlauderlauneEs wirkte, als fühle sich Trump von jemandem verraten, den er für einen Verbündeten gehalten hatte. Eine weitere Einladung ins Weiße Haus dürfte Merz von Trump in diesem Leben kaum noch erhalten.Und die Episode zeigt vor allem eines: Merz setzte offenbar darauf, dass die Amerikaner ohnehin nichts davon mitbekommen würden, was ein deutscher Kanzler in Plauderlaune vor einer Schülergruppe irgendwo in Deutschland über den Präsidenten sagt.Doch genau darin liegt ein deutscher Irrtum. Denn obwohl viele Amerikaner schrecklich wenig über Deutschland wissen, gibt es einige, die voll im Bild sind. Und der Blick der politischen und medialen Eliten auf die Bundesrepublik hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Statt Bewunderung herrscht heute oft Verwunderung. Deutschland gilt in Teilen der amerikanischen Debatte längst nicht mehr als Modellland Europas, sondern zunehmend als wirtschaftlich schwächelnde, strategisch unsichere und politisch zögerliche Macht.Lesen Sie auchDer „Reuters“-Kolumnist Pierre Briançon schrieb im April, Deutschland scheine nach sechs Jahren nahezu ohne Wachstum unfähig, die notwendigen Reformen umzusetzen. „Ohne ernsthafte Reformen, zu denen Berlin entweder nicht in der Lage oder nicht bereit scheint, droht Deutschland in langfristiger Stagnation zu verharren“, warnte Briançon. Noch deutlicher wurde Phyllis Berry vom Atlantic Council Anfang Mai. Deutschlands „schwächelnde Wirtschaft“ und ein „Mangel an klarer Führung“ seien erhebliche Belastungen für die Regierung Merz, schrieb sie.Besonders irritierend wirkt Deutschland in den USA deshalb, weil der Niedergang aus amerikanischer Sicht weitgehend selbst verschuldet erscheint. Viele Amerikaner sehen die deutsche Energiekrise vor allem als Folge einer freiwilligen Abhängigkeit von billigem russischem Gas sowie der Entscheidung, funktionsfähige Kernreaktoren abzuschalten. Die schleppende Digitalisierung, marode Infrastruktur und überbordende Bürokratie gelten vielen Amerikanern als Symptome eines Landes, das sich zu lange auf vergangenen Erfolgen ausgeruht hat.Lesen Sie auchIn den Vereinigten Staaten wächst der Eindruck, Deutschland habe das strategische Selbstverständnis einer europäischen Mittelmacht verloren. Deutschland erscheint vielen Amerikanern weiterhin zu vorsichtig, zu langsam und zu konfliktscheu.Die deutsch-amerikanische Sicherheitsexpertin Liana Fix vom Council on Foreign Relations beschreibt Deutschland als Land zwischen wirtschaftlicher Macht und strategischer Unsicherheit. Berlin habe sich zu lange auf die Idee „Wandel durch Handel“ gegenüber Russland verlassen und tue sich nun schwer, die Rückkehr geopolitischer Machtpolitik zu akzeptieren. In Washington wachse deshalb der Eindruck, Deutschland wolle zwar führen, scheue aber „die harten Konsequenzen echter Führung“.Migration und MultikulturalismusAuch die politische Behandlung der AfD wird in Teilen Washingtons zunehmend kritisch gesehen. Die Brandmauer gegenüber der Partei gilt konservativen Amerikanern als Zeichen eines politischen Systems, das missliebige Opposition ausgrenzen wolle. US-Vizepräsident J.D. Vance kritisierte Deutschlands Umgang mit der AfD offen.In der Maga-Bewegung kursiert das spöttische Wort „Eurostan“ für westeuropäische Länder wie Deutschland. Gemeint ist damit die Behauptung, Europa habe durch Migration, Multikulturalismus und liberale Gesellschaftspolitik seine kulturelle Identität verloren.Vielleicht ist genau das die eigentliche deutsche Zeitenwende: nicht nur der Verlust wirtschaftlicher Gewissheiten, sondern auch der Verlust eines internationalen Rufes, den die Bundesrepublik jahrzehntelang fast selbstverständlich genoss.
„Eurostan“: Amerikas Blick auf die Deutschen - WELT
Der Blick auf die Bundesrepublik hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Deutschland gilt in Teilen Amerikas längst nicht mehr als Modellland Europas, sondern zunehmend als wirtschaftlich schwächelnd, strategisch unsicher und politisch zögerlich.






